Markenzeichen Iro. - Foto: Axel Heimken

Bürger Pascal Hens

Handball-Magazin 3/2008

Mit seiner Irokesenfrisur ist er das Markenzeichen des Handballs, aber passt das Klischee eines schrillen Stars überhaupt zu dem 27-Jährigen?

Von Tim Oliver Kalle

Die Fahrt geht vorbei an den Lichtern der Großstadt und am Hamburger Hafen, raus aufs Land nach Poppenbüttel, wo das Ländliche dominiert. Winterliche Sonne. Ganz versteckt liegt dort der Fitnessclub Aspria, in dem sich die Profis des HSV Hamburg gerade von den Strapazen eines Einsatzes in der Champions League erholen. Nach und nach tröpfeln sie im Foyer vorbei: Linksaußen Torsten Jansen, der Trainer Martin Schwalb, und schließlich kommt auch Pascal Hens, genannt Pommes, der Mann mit der Irokesenfrisur. Hens ist die Marke des deutschen Handballs: erfolgreich, Weltmeister, schrill und damit tauglich für ein Massenpublikum. „Was die Breite des Marktes betrifft, ist er vielleicht noch interessanter, als es Stefan Kretzschmar war”, sagt Wolfgang Gütschow. „Pascal ist Jedermanns Liebling.” Der charismatische Spielerberater spricht über die positive Aura seines Klienten. Noch heute suche er nach einem negativen Charakterzug, „aber dieser Mensch ist nicht neidisch, nicht jähzornig, nicht aggressiv”. Und er ist authentisch in seiner Rolle: Hens spielt Hens, das volle Programm.

Der 27-Jährige ist längst der Star des HSV. Werden die Hamburger Handballer in der Hansestadt noch vor den Bundesliga-Fußballern oder den Pauli-Kickern zur Mannschaft das Jahres gewählt, dann rückt Hens immer wieder in den Fokus der Fotografen. Hens mit Bürgermeister Ole von Beust, Hens mit Boxerin Susianna Kentikian. In der Color Line Arena halten junge Verehrerinnen strahlend Schilder in die Höhe mit knackigen Sprüchen wie „Hens, du geile Sau!”

Ob Poppenbüttel, dieses ländliche Ambiente, also der richtige Ort ist, um den Medienliebling und vermutlich größten Pistengänger der Sportart ins rechte Licht zu setzen? Wäre ein Hamburger Szeneviertel wie die Sternschanze nicht besser? „Das wäre nicht ich”, beteuert Hens und verrät seine Passion: „Normalerweise hätten wir bei diesem Wetter den Grill anschmeißen müssen. Das ist meine Welt. Ich liebe Grillen über alles.” Platz dafür hat er im Garten seines Norderstedter Hauses gefunden, mehr als in der Großstadt Hamburg. „Für mich ist es entspannter, außerhalb zu wohnen”, sagt er. Wenn einige seiner Hamburger Kameraden mittags noch im städtischen Parkplatzkampf stecken, rollt Hens bereits den Grill raus.

Pascal Hens 2008. - Foto: Axel Heimken

Das Rezept ist eingängig: „Scheiß auf Salat. Fünf Steaks, drei Würstchen, Ketchup und Brot – das reicht mir. Super. So frisch gegrilltes Fleisch ist der Hammer.” Und Kohle oder Elektro? „Kohle natürlich”, antwortet der Grilljünger entrüstet. „Elektro geht gar nicht. Viele Briketts, ein bisschen Anzünder, und dann haue ich ’ne Flasche Spiritus drauf. Perfekt.”

Hens lernte diesen Teil des Lebens als Jugendlicher kennen, der Ende der Neunziger Jahre über die SG Wallau/ Massenheim in die Bundesliga kam. Auf Mike Fuhrigs Terrasse ist eines der Fundamente im Leben des Bürgers Pascal Hens gesetzt worden. Dem Hamburger Boulevard, der den HSV während der Saison täglich mit ganzseitigen Geschichten begleitet, war das noch keine Geschichte wert. „Aber das muss auch nicht sein. Man muss ja nicht über alles eine Story machen“, sagt Hens. Seine Haare reichen da völlig.

Alle paar Wochen muss er in die Stadt zu Mirjam, der Friseurin im Unisex, dem Laden seines Vertrauens. Gerade vor großen Turnieren sind Fotos seines frischfrisierten Hauptes begehrte Güter – BILD zelebriert die haarigen Geschichten bis zu den Wurzeln, räsoniert über Farben und interpretiert die Spuren des Rasierers. Trägt Hens den Iro noch immer aus Überzeugung? „Ich sehe das ein bisschen zwiegespalten”, sagt er. „Einerseits ist das ein Marken­zeichen, andererseits werde ich auch bald 28. Wenn ich irgendwann mal Kinder habe und noch mit einem Iro rumlaufe… Aber bis dahin ist noch Zeit.” In seiner Pommesbude, dem für die Szene noch immer Maßstäbe setzenden Internetauftritt www.pascal-hens.de, laufen ständig Fragen zu den Haaren auf. „Und viele Kids mailen, ich solle doch mal mit ihren Eltern reden, weil die die Frisur nicht erlauben.”

Ein Hens im braven Holger-Glandorf-Look wäre popularitätsmindernd, doch eigentlich liegen gar nicht so viele Welten zwischen dem besten Rechts- und dem besten Linkshänder der Weltmeistermannschaft. Beide sind bodenständig, aber der Wahl-Hamburger Hens hat mit kleinen Extravaganzen die in Deutschland für seinen Sport derzeit größtmögliche Bühne gewählt. Als Maßstab für Strahlkraft dient Stefan Kretzschmar. Der über den Zirkel der Handballer hinaus bekannt gewordene Magdeburger ist das Urmeter für bundesweite Popularität, doch Hens sagt: „Blöder Vergleich. Natürlich gibt es ein paar Parallelen, aber jeder Typ ist individuell. Und Kretzsche ist von seiner Person schon etwas anderes als ich.”

Der ehemalige Linksaußen und heutige Sportdirektor des SC Magdeburg erschreckte das Establishment als Handball-Punk, polarisierte auch mit politischen Aussagen und bediente unter anderem durch seine Liaison mit der Schwimmerin Franziska van Almsick die Regenbogen­presse. Hens, seit sechs Jahren mit Freundin Angela zusammen, hätte da ob der Kontinuität in seiner Vita größten Nachholbedarf. „Kein Interesse”, sagt er. „Ich halte mich aus politischen Sachen komplett raus. Und ich bin auch nicht scharf auf Eskapaden und Skandale. Einen zweiten Kretzsche wird es ohnehin nicht mehr geben.”

Foto: Axel Heimken

Selbst aufregende Details wie große Tattoos verlieren in der Hens’schen Welt ein wenig an Glamour. Von Albrecht Dürer wählte er 2004, nachdem ihn bei den Olympischen Spielen in Athen ein Bandscheibenvorfall erlegt hatte, das Motiv Die betenden Hände und ließ diese mit einem Rosenkranz ergänzen. „Ich bin ein gläubiger Mensch, aber mein Glaube ist für mich”, sagt er. „Ich glaube an Gott, das da was ist nach dem Tod. Aber ich bin kein Mensch, der deshalb immer in die Kirche rennen muss. Und ich würde nie für den Sport beten.” Und das Dürer-Tattoo, ebenso religiös wie der gekreuzigte Jesu auf seinem Rücken? „Es sollte mich auf meinem weiteren Weg beschützen.” Hens ist katholisch; seine Omas seien übrigens sehr gläubig, „die fanden das Tattoo super” – ein kleines Beispiel, wie die Marke Pommes über Generationen hinweg funktioniert. Und von seiner Persönlichkeit habe er, anders als es bei seinem Wechsel 2003 der damalige Trainermanager Bob Hanning voraussagte, „nicht viel verkaufen” müssen, sagt Hens. „Ich musste einfach nur so sein, wie ich bin. Der Rest ist von allein gekommen.” Zum Beispiel mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft.

Hens ist die Gallionsfigur des HSV Hamburg. Sein Bild ziert die HSV-Plakate. „Alles andere wäre fahrlässig. Pommes wird immer dabei sein”, sagt Geschäftsführer Peter Krebs. Das blaue Trikot mit der Nummer 23 verkaufe sich „herausragend”, Anfragen von Medien und Sponsoren konzentrieren sich auf die „Nummer 1 in der Marken­bekanntheit” (Krebs). Seine Persönlichkeitsrechte verwertet Hens gemeinsam mit Gütschow unter der Firma Hens & Friends Management GmbH. Das Geschäft ist profitabel. „Pascal”, sagt Gütschow, „könnte auch von den gewerblichen Einkünften leben.” Einzig limitierender Faktor ist die Zeit, um für den Handball allgemein, den HSV speziell und sich selbst zu werben.

Manchmal stülpt Krebs notgedrungen eine Käseglocke über seinen Star und sagt: „Ich hätte gern einen Klon oder ein Double, mit dem ich marketingtechnisch unterwegs sein könnte.” Hens und Hamburg werden mindestens bis 2011 voneinander profitieren, erst vor wenigen Monaten verlängerten beide Seiten das seit fast fünf Jahren be­stehende Arbeitsverhältnis. „Es ist für mich perfekt hier”, versichert Hens, redet vom Spaß mit den Jungs und dem Wunsch, nach den Triumphen im DHB-Pokal 2006 und  im EC der Pokalsieger 2007 „einiges folgen zu lassen und auch mal Deutscher Meister zu werden. Wir haben uns ganz oben etabliert. Jetzt wollen wir möglichst viele Titel. In so einer Mannschaft will man spielen.”

Aber kann man das als partyfester Hallodri? „Alle erwarten, dass Pascal nicht richtig trainiert. Genau das Gegenteil ist der Fall”, sagt Oliver Voigt. „Pascal arbeitet extrem gut und gibt immer hundert Prozent. Da ist er Vorbild.” Voigt kann ein zuverlässiges Leumundszeugnis ablegen: Er ist als Athletiktrainer des HSV verantwortlich für den Aufbau des einst zerbrechlichen Jünglings zum robusten Shooter. Wie sich die Person Hens entwickelte, hat Voigt intensiv verfolgt. „Pascal ist auch heute noch ein fröhlicher Mensch. Er ist sehr reif und weiß genau, was er will. Das ist der Unterschied”, sagt der 40-Jährige. Als Co-Kapitän neben dem Franzosen Guillaume Gille muss Hens Ideale vorleben und in einem Weltklasseteam immer Herausragendes leisten.

In Wallau war der Arbeitsauftrag viel schlichter: einfach druff mit Dampf, Kreis anspielen oder selbst werfen – so kam er unter seinem Förderer Schwalb schlagartig nach vorn. „Da hieß es immer, mach dir keinen Kopp und schieß. Wenn du nicht triffst, holen wir dich raus. Der Spruch hat mich geprägt”, erzählt Hens. Mittlerweile fühlt er sich für die gesamte Mannschaft verantwortlich. „Da kann man sich neben dem Sport nicht viel leisten. Auch das trägt dazu bei, dass man einen Schritt weitergekommen ist”, sagt er. „Man muss wie ein Profi leben. Früher war mir das scheißegal. Da haben wir nur einmal in der Woche gespielt. Jetzt hast du Champions League, Nationalmannschaft, zwei Turniere – da gibt es kein rechts und links mehr. Man wird älter und lernt aus den
Erfahrungen.” Es muss also eine andere, etwas wildere Zeit gegeben haben, aber aus Hens spricht nur noch der Berufssportler, der auf sein körperliches Wohlbefinden achtet.

Die Koordinaten seiner Tage sind einfach: trainieren, spielen, regenerieren. Das Leben fülle ihn aus, sagt er, es bleibe kein Freiraum für andere Dinge. „Wir wollen uns nicht immer beschweren”, verkündet Hens. „Es ist nun mal so, und dafür werden wir auch im Sommer an den Olympischen Spielen teilnehmen. Wenn es gut läuft, ist das alles ein riesiger Spaß.” In Wallau schloss er seine Lehre als Büro- und Kommunikationskaufmann ab, ein Job neben dem HSV sei nicht denkbar, „ich habe zurzeit auch kein anderes Interesse. Handball steht an erster Stelle.” Und für den Rest? „Ich bin eigentlich ruhig und genieße die Zeit, wenn ich einfach zuhause auf der Coach liegen und fernsehen kann.” Oder Kontakte zu alten Gefährten pflegt. Mit dem ehemaligen Wallauer Mittelmann Steffen Weber telefoniert er fast täglich; Hens ist Patenonkel von Webers zweitem Kind. Sein bester Kumpel Sandro Schwarz ist Fußballer in Wehen, Marco Rose spielt für Mainz. Sein Bruder Marc, die Eltern und Schwiegereltern in spe: Alle leben in einem Umkreis von zehn Kilometern rund um Mainz. „Ich bin ja ein Meenzer Bub”, sagt Hens. „Wenn mal Zeit ist, geht es ab in die Heimat.”

So sieht das bürgerliche Bild des Stars aus. Der vermeintlich schrille Vogel als Musterprofi. Vielen Menschen haben sich einige Szenen der Weltmeisterschaftsfeiern eingebrannt: Pascal Hens, bierselig, immer mit Kölsch in der Hand auf den Rathausbalkonen von Köln und Wiehl. Der Mann mit dem Iro muss da mal etwas klarstellen, um nicht zu brav zu erscheinen. „Wenn wir die Möglichkeit haben, groß Party zu machen, lasse ich mir natürlich nichts vorwerfen”, sagt Hens. „Da bin ich vorn dabei.” Die winterliche Sonne leuchtet dabei sein lachendes Gesicht aus.

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