Kristian Nippes. - Foto: DHC Rheinland / Heinz J. Zaunbrecher

Profi auf Probe

Handball-Magazin 4/2010

Warum Kristian Nippes, Kapitän der U21-Weltmeister, in Dormagen ein erstklassiges Experiment wagt

Von Tim Oliver Kalle

Nippes? Ist das nicht dieses Zeug, das eigentlich keiner braucht? Porzellanfiguren, Plüschtierchen und Wandteller als Staubfänger und Regalfüller? All dieser unnütze Kram? Einige denken vielleicht noch an den Kölner Stadtteil gleichen Namens. Nicht ganz so viele erinnern sich an Kristian Nippes, den Handballer, genauer: einen der U21-Weltmeister des vergangenen Sommers. Der junge Mann absolviert die kleine Namenskunde geduldig und erklärt freundlich: „Die meisten wissen das mit dem Kram nicht.” Und überhaupt die Sache mit dem unnützen Kram: Für den kleinen Bundesligisten TSV Dormagen wird der Nippes immer wertvoller. Der 21-Jährige steht dort hoch im Kurs.

Die Wertschätzung des eher schmächtigen Juniors klingt auch in den Worten seines Trainers Kai Wandschneider mit. „Kristian”, sagt der, „ist einer der wenigen jungen deutschen Linkshänder auf Rückraum rechts. Sein fehlendes Körpergewicht kann er durch Spielintelligenz und Schnelligkeit wettmachen.” Nippes könnte irgendwann sanften Druck ausüben auf die zurzeit in der A-Nationalmannschaft aktive Garde mit Holger Glandorf, Michael Müller und Steffen Weinhold, doch wie die Karriere des Essener Kreisläufers Patrick Wiencek (siehe HM 3/2010) ist auch Nippes’ Ankunft in der TOYOTA HBL eher einem Zufall geschuldet. Genauer gesagt, ist es einem Kniefall zu verdanken, dass man über Nippes als aussichtsreichen Profi des Bundesligisten TSV Dormagen spricht. Er hatte sich Anfang 2009 bei der Polizei beworben, der Sport wäre für den damaligen Spieler des Zweitligisten Bergischer HC in den Hintergrund getreten. „Ich war bereit, aus dem Profileben auszusteigen”, sagt Nippes. Er überlegte grundsätzliche Dinge: Man kann als Leistungssportler studieren, das aber nur nebenbei, zehn Stunden pro Woche, gestreckt auf mindestens sieben Jahre – Nippes, immerhin Kapitän der Junioren-Nationalmannschaft, zweifelte an den eigenen Möglichkeiten als Handballer. Nur einen Monat später kam Post vom Amt. Die Nachricht war ein eher übles Urteil: „untauglich“ wegen einer Meniskus-Operation nach der Junioren-Europameisterschaft 2008. Der Kontakt mit Dormagen entstand bereits während des Flirts mit der Polizei, jetzt steckt er mittendrin im Leben als Profi auf Probe.

„Der Versuch“, sagt Nippes, „läuft gerade.” Doch das klingt viel zu niedlich für die Krisen, in denen der Bundesligist noch immer steckt: Dass der Abstiegskampf seine Aufgabe wird, war ihm schon vor seinem Umzug mit Freundin Natalie in den Dormagener Stadtteil Stürzelberg klar. Aber dazu kam die Angst um die Existenz, als Löcher in der Kasse des Bundesligisten offenbar wurden und bis zu einer Nothilfe des Bayer-Werks im November sogar das Ende des Spitzensports drohte. Nippes könnte klagen, aber er spricht von Kraft, Motivation und Freude, obwohl sein auf zwei Jahre angelegtes Engagement aufgrund eines Auflösungsvertrages vorzeitig am 30. Juni enden könnte. „Die Situation ist weniger Angst einflößend als zu Saisonbeginn – ich habe es selbst in der Hand. Und ich bin aufgeschlossen, hier zu bleiben.”

Wandschneider setzte ihn von Anfang an ein, obwohl Nippes im vergangenen Sommer als Neuling wegen der U21-WM fast die komplette Vorbereitung verpasste. In Dormagen spielt er im rechten Rückraum. Seine limitierenden Faktoren: 1,90 Meter Größe und 86 Kilogramm Gewicht. „Das ist seit Jahren mein Schicksal. Ich bin nicht klein, aber ich habe auch kein Gardemaß. Ich möchte es im Rückraum schaffen. Das macht mehr Spaß, und da bin ich besser als auf Außen.” Das Nichtzunehmenkönnen ist für ihn eher Fluch als Segen. Athletiktrainer Thorsten Ribbecke soll ihm helfen, mehr Substanz für die stärkste Liga der Welt zu gewinnen.

Nippes machte 2007 sein Abitur, danach folgte der Zivildienst beim Solinger Sportbund. Der Versuch, in Bonn Volkswirtschaftslehre zu studieren, scheiterte – Nippes erlebte beim Bergischen HC ein Jahr als Profi. Gerade geht er in Wuppertal ins zweite Semester als Student der Politik- und Geschichtswissenschaften. Mehr als zehn Wochenstunden sind kaum schaffbar, aber er weiß das Programm zu schätzen: „Das ist eine Beschäftigung, damit ich nicht blöd auf der Couch liege und der Tag Struktur hat.”

Wie lange sein Probelauf als Profi dauern soll? Nippes verbindet das nicht mit einer Jahreszahl. Als Rückraumspieler braucht er ebenso wie die Torhüter länger für den Sprung von Junioren zu den Senioren. Dabei redet man seit der misslungenen Europameisterschaft der Männer im Januar immer von den Möglichkeiten der U21-Weltmeister als neue Hoffnungsträger. Nippes sagt jedoch: „Unser Erfolg war ein Titel durch Geschlossenheit, man muss sich Zeit geben.” Bis auf Patrick Groetzki, den Rechtsaußen der Rhein-Neckar Löwen, spielt keiner der ehemaligen Junioren der Jahr­gänge 1988/89 unter den Top 5 der Liga. Nippes besitzt jedenfalls das Zeug zur Führungskraft: 2004 kam er in den Nachwuchskader des DHB, seit dem dritten Spiel war er Kapitän der Auswahl. Zwei Monate nach der ersten Sichtung durfte er mit den Solinger Profis trainieren.

Die DHB-Karriere sei für ihn ein Türöffner gewesen, „es wird mehr an einen geglaubt“. Beim Bergischen HC, dem Fusionsergebnis von SG Solingen und LTV Wuppertal, war er wie Linksaußen Christian Hoße und Kreisläufer Henning Quade einer der Vorzeigelehrlinge. „Ich habe mir schon zugetraut, da irgendwann eine Rolle einzunehmen”, sagt Nippes. Das Problem des Musterschülers: „Man wurde ja nicht kritisiert.” Das lag auch an seiner Geschichte: Nippes wuchs unweit der Klingenhalle in Solingen auf, kam 1994 zur Spielgemeinschaft, im Schlepptau des älteren Bruders Stefan, der heute Torwart des Zweitligisten TUSEM Essen ist. Der Spross einer seit Generationen dem Handball verschriebenen Familien hatte gar keine andere Chance. Dass all dies im WM-Finale von Kairo seinen vorläufigen Höhepunkt fand, war jedoch nicht selbstverständlich. „Ich war zwar Kapitän, musste aber schon um meinen Platz kämpfen”, sagt Nippes, der während des Turniers im steten Wechsel mit dem Melsunger Jens Schöngarth aufgeboten wurde.

Junioren-Bundestrainer Martin Heuberger staunt, wie sich Nippes in Dormagen zurechtfindet. „In der Form”, räumt er ein, „hätte ich ihm das nicht zugetraut.” Für Nippes ist solch eine Aussage nicht schlimm, er beobachtet sich ja selbst kritisch bei seinem Probelauf als Profi, nachdem er beinahe Polizist geworden wäre. Mit einem Lächeln sagt er: „Es hätte anders laufen können.” Der schmale Linkshänder ist in der Bundesliga alles andere als Nippes.

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