
In der Juli-Ausgabe 2009 des Handball-Magazins erschien ein umfangreiches Interview mit Oleg Velyky, der am 23. Januar 2010 im Alter von 32 Jahren aufgrund einer schweren Krebserkrankung verstarb. Obwohl sein Kampf letztlich vergeblich war, ist das von HM-Redakteur Arnulf Beckmann mit ihm geführte Gespräch weiterhin ein Beweis für bemerkenswerten Lebensmut.
In der Geschäftsstelle des HSV Hamburg ist die Hölle los. Der Donnerstag vor dem letzten Saisonspiel steht ganz im Zeichen von Einkleidungen und Fotoshootings für die kommende Spielzeit. Alles muss fertig werden, bevor die Spieler in den Urlaub gehen. Die komplette Mannschaft des HSV ist da. Und mittendrin Oleg Velyky. Der gebürtige Ukrainer, der im Januar 2008 in die Elbmetropole kam, ist in diesem Getümmel auf der Suche nach einem ruhigen Fleck. Für unser Gespräch schlägt der 31-Jährige deshalb eine verwaiste Umkleidekabine vor – heute sicher der einzige stille Ort inmitten des geschäftigen Treibens.
HM: In Ihrem Fall ist es sicher angebracht, ein Gespräch mit der oft so dahingesagten Floskel Wie geht´s? zu eröffnen – oder?
Velyky: Soweit geht es gut. Ich kann laufen, lebe noch immer, insofern ist alles okay.
HM: Also keine akuten Beschwerden derzeit?
Velyky: Ach, irgendwelche Probleme hat doch jeder Mensch. Meine mögen zurzeit ein wenig größer sein, aber ich komme mit meiner Krankheit ganz gut klar. Ich weiß, was ich zu tun habe, und ziehe das auch konsequent durch. Und alles andere läuft nebenher.
HM: Wie sieht Ihr Therapie-Fahrplan gegenwärtig aus?
Velyky: Ich bin mittendrin. Es ist so periodisiert, dass ich zwischendurch immer wieder mittrainieren und mitspielen kann. Ich werde in den kommenden Wochen noch einige Gespräche darüber führen, wie wir weiter verfahren werden – je nachdem wie sich die Krankheit entwickelt. Aber das mache ich ohnehin regelmäßig. Und danach werden wir aufgrund des aktuellen Zustands die weiteren Therapieschritte festlegen.
HM: Sie kämpfen schon lange mit dieser Erkrankung.
Velyky: Die erste Diagnose erhielt ich 2003. Und seitdem habe ich diese Krankheit nicht mehr vergessen können. Das ist eben keine Grippe, die rasch in den Griff zu bekommen ist. In der Folgezeit bin ich jedes Mal, wenn der Körper Reaktionen zeigte, die nicht normal waren, sofort zum Arzt gerannt. Sie sehen, ich bin da voll im Geschäft. Aber ich habe die Verantwortung für mich voll übernommen und wälze sie nicht auf die Ärzte ab.
HM: Die Krankheit besetzt den Kopf, nicht wahr? Eine Gewöhnung gibt es nicht.
Velyky: Am Anfang war das Erstaunen groß. Aber da dachte ich noch, dass so etwas eben passieren kann. Ich bin operiert worden, habe die Therapie gemacht und hatte danach Ruhe. Ich glaubte, alles überstanden zu haben. Aber nach Rückkehr der Krankheit habe ich sie natürlich ständig im Kopf. Nicht etwa als etwas furchtbar Schlimmes, sondern einfach als Teil meines Lebens. Mein Befinden steht seither unangefochten an erster Stelle. Und an guten Tagen kann ich ein völlig normales Leben führen.
HM: Wie war Ihre Reaktion, als Sie erfuhren, dass Sie den Krebs doch nicht besiegt hatten?
Velyky: Ich habe die damit verbundene Lebensgefahr zunächst gar nicht so ernst genommen. Schließlich war es nach dem ersten Mal ja auch irgendwann wieder in Ordnung. Da widerfährt dir das Schlimmste, was es gibt, und du denkst, was passiert, das passiert…
HM: Also haben Sie sich nicht gleich auf die erneute Erkrankung einlassen können?
Velyky: Doch, das ging schon rasch. Ich habe mich im Kopf komplett umgestellt. Ich habe begriffen, dass ich nicht zu Hause sitzenbleiben will, um auf das Sterben zu warten. Man kann mit dieser Krankheit leben. Und man kann damit immer noch viele gute Dinge erleben. Ich habe meine Familie, ich habe immer noch Lust und Spaß am Leben. Und ich habe den Handball. Bislang habe ich noch nichts von dem verloren, was mir etwas bedeutet. Deshalb bleibt die Hoffnung, dass alles gut wird. Ich versuche einfach, meine Sache durchzuziehen.
HM: Lebt man nach existenziellen Erfahrungen wie dieser intensiver, bewusster?
Velyky: In der Tat: Man bekommt einen anderen Blick auf das Leben. Man begreift, welch einen Riesenspaß es macht, eine Familie zu haben, wie großartig es ist, ein Kind zu haben. Ich habe noch intensiver begriffen, welchen Platz der Handball in meinem Herz einnimmt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, nach mehreren Therapien zurückzukommen, den Ball in die Hand zu nehmen, diese Spannung wieder zu spüren und zu wissen, dass ich es irgendwann packen werde. Ich habe gespürt, wie wichtig das war und ist und wieviel Kraft mir das gibt. Ich lebe mit der Erfahrung, dass es – unabhängig von der Schwere der Situation – immer noch etwas geben wird, was mir Freude bereitet. Aber Sie haben Recht: Ich sehe die Dinge heute mit anderen Augen.
HM: Haben Sie sich gefragt: Warum gerade ich?
Velyky: Zu Beginn ja. Aber das alles ist doch eine Frage von Glück oder Pech. Ich habe eben Pech gehabt. Natürlich habe ich früher auch schon mitbekommen, was es heißt, Krebs zu haben. Aber ernst genommen habe ich das nie. Ich war zu
Beginn meiner Erkrankung noch recht locker im Kopf. Aber nun, nach all den Jahren und nach zahllosen Gesprächen mit Ärzten habe ich begriffen, dass es viele Menschen gibt, die ähnliche Probleme haben wie ich. Im Vergleich zu einigen anderen bin ich noch in einer recht guten Position. Ich bin nicht der Einzige, und ich bin nicht der Letzte. Ich habe gelernt, mit der Krankheit zu leben. Denn ohne Hoffnung bist du nichts.

HM: Hat denn Angst eine Rolle gespielt?
Velyky: Jeder hat Angst davor, dass ihm etwas Schreckliches widerfährt. Aber wenn dir die Ärzte sagen, du bist schwer krank, dann bekommst du Angst, ob du willst oder nicht. Entscheidend ist, wie du damit fertig wirst. Aber das ist bei jedem anders. Das wirklich Schlimme ist diese Ungewissheit zu Beginn. Alles ist scheiße, und keiner kann dir genau sagen, was demnächst passieren wird. Man darf sich bloß nicht darin verlieren. Im Laufe der Zeit verlierst du die Angst, indem du die für sie benötigte Energie in etwas Positives umwandelst.
HM: Haben Sie sich mit dem Tod auseinandergesetzt?
Velyky: Ja. Solche Gedanken kommen automatisch. Aber ich hatte ein merkwürdiges Erlebnis. Es kann Zufall gewesen sein, aber als ich einmal besonders intensiv über den Tod nachdachte, sah ich im gleichen Moment meinen Sohn und meine Frau. Da wusste ich: Das Leben ist wichtig, das Sterben hingegen ist keine große Sache. In der Hinsicht ist niemand versichert und niemand weiß, was ihn erwartet. Also kümmere ich mich um das Leben. Und solange ich lebe, werde ich um diese beiden Menschen kämpfen, die mir so sehr geholfen haben, wieder ins Leben zurückzufinden.
HM: Ist Familie die Quelle der Kraft, die Ihnen hilft, sich nach den zehrenden Therapien auch im Sport immer wieder heranzukämpfen?
Velyky: Ich habe mit meiner Frau oft darüber nachgedacht, ob ich den Sport an den Nagel hängen soll. Aber sie hat genau gesehen, mit wieviel Herz ich immer in Richtung Sporthalle geschaut habe und wieviel mir der Sport bedeutet. Und dann hat sie gesagt: Vergiss das mit dem Aufhören. Du brauchst das, also machst du das. Und ich werde dir dabei helfen. Solange du die Kraft dafür hast, gehst du zum Handball. Und das, obwohl sie selbst überhaupt nichts mit Sport zu tun hat.
HM: Ist Handball vielleicht sogar Teil Ihrer Therapie?
Velyky: Ich habe zwei große Themen in meinem Leben. Den Handball und meine Familie. Und wenn ich heute mit dem Handball aufhören würde? Was sollte ich morgen machen? Ich würde zu Hause sterben.
HM: Sie können voll mittrainieren?
Velyky: In der letzten Zeit schon. Ich fühle mich gut, kräftig und stark. Ich kann im Training alles machen. Ich habe seitens der Ärzte keinerlei Verbote. Das ist auch sehr wichtig. Alles, was mir früher Spaß gemacht hat, kann ich auch heute noch machen. Ich richte mich einfach nach meinem Befinden.
HM: Wie war denn der Moment, als Sie nach langer Pause zum ersten Mal wieder mit der Mannschaft auf dem Parkett standen?
Velyky: Da habe ich gedacht, dass sich dafür die schwere Zeit gelohnt hat. Dieser Moment, als ich das Spielfeld betrat, bleibt bei mir auf ewig im Kopf. Die Leute haben geklatscht, die ganze Halle, selbst die Fans des Gegners haben mich begrüßt, sind aufgestanden. Auch ohne Titel oder Pokale war das der wichtigste Erfolg meines Lebens. Ich war ein Sieger, weil ich zurückgekommen bin. Ein solch fantastisches Gefühl ist unbeschreiblich. Vielleicht war das der schönste Moment meines Lebens.
HM: Welche Rolle spielt in diesem Kontext das Team?
Velyky: Jeder einzelne versucht, mir auf seine Art zu helfen. Ich bekomme meine Ruhephasen und muss nichts erzwingen. Wenn ich nicht mehr kann, dann hat dafür jeder Verständnis. Niemand meckert, wenn ich weniger mache als andere. Und wenn ich außerhalb der Halle Hilfe brauche, kommt immer irgendjemand und unterstützt mich. Ich stehe mit meiner Krankheit nicht allein. Ich bin ein Teil dieser Mannschaft. Das war die gesamte Zeit so. Die Tür war für mich nie zu. Auch nicht, als es äußerst fraglich war, ob ich überhaupt jemals zurückkommen würde.
HM: Spielen Erfolge und Titel für Sie noch eine Rolle?
Velyky: Ganz klar: Ja. Ich habe gerade deshalb so viel Kraft auf meine Rückkehr verwendet, weil ich mit dieser Mannschaft unbedingt noch einmal einen großen Titel gewinnen möchte. Der erste Schritt dahin war meine Rückkehr ins Team. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als die Krankheit zu besiegen – und einmal noch einen Pokal in Händen halten zu dürfen.
HM: Sie waren ja auch mal Spieler der deutschen Nationalmannschaft. Gibt es da noch Kontakte?
Velyky: Die gibt es, auch wenn man nicht täglich miteinander telefoniert. Aber da muss auch jeder verstehen, dass ich einfach keine Lust habe, zehn Mal und öfter die Frage nach meiner Gesundheit zu beantworten oder gar meine ganze Geschichte zu erzählen. Da ist es mir oft lieber, wenn einfach nur Grüße ausgerichtet werden und ich weiß, dass derjenige an mich denkt. Es ist wirklich schön zu erleben, dass ich in der Handballfamilie nicht an letzter Stelle stehe. Ich bekomme auch häufig Tipps bezüglich meiner Krankheit, für die ich sonst 20 Stunden und mehr vor dem Computer recherchieren müsste, wovon ich nur Kopfschmerzen bekomme. Ich spüre jeden Tag, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin.
HM: Dürfen wir Sie in der kommenden Saison wieder in der Bundesliga erleben?
Velyky: Sagen wir es so: Meine Krankheit ist keine normale Geschichte. Ich weiß nie, ob es morgen gut geht oder ob ich Probleme bekomme. Gegenwärtig fühle ich mich gut, habe in den vergangenen Monaten eine deutliche Vorwärtsbewegung gespürt. Ob das so bleibt, weiß niemand, aber es gibt viele positive Anzeichen, dass ich nach einer guten Vorbereitung ein wichtiger Teil der Mannschaft sein kann. Ich möchte wie gesagt noch einmal einen Pokal in die Hand nehmen…
HM: Und wenn das Undenkbare doch Wirklichkeit wird?
Velyky: So darf ich nicht denken. Ich werde nicht verzweifeln. Wenn ich meine innere Ruhe, meine Kraft und meine Lust am Leben verliere, dann verliere ich alles. Dann wird mich diese Krankheit von innen auffressen. Mein Leben besteht zu 50 Prozent aus Handball und zu 50 Prozent aus meiner Familie. Verliere ich den Handball, fehlt mir die Hälfte meiner Kraft, die ich brauche, um gegen die Krankheit zu kämpfen. Aber wenn ich mit dem HSV einen Pokal, einen Titel gewinnen sollte, dann weiß ich, dass in diesem Leben alles möglich und alles machbar ist.
