Der Friese Johannes Bitter ist nach den Lehrjahren in Wilhelmshaven und Magdeburg in Hamburg angekommen. Im Nationalteam und im Klub ist er derzeit auf dem Weg vom Leistungsträger zum Wortführer
Von Frank Heike
Als das Gespräch schon einige Zeit um private Themen kreist, schaut Johannes Bitter auf die Uhr. Es ist Zeit zu gehen, das Restaurant im bunten Stadtteil Eimsbüttel zu verlassen, sich ins Auto zu setzen und die paar Meter ins noch buntere Schanzenviertel zu fahren. Dort wohnt die Familie Bitter, und weil es sich seit sieben Monaten wirklich um eine Familie handelt, ist es auch für den besten deutschen Handballtorwart Zeit zu gehen: „Ich bin heute dran, den Kleinen ins Bett zu bringen”, sagt Bitter.
Galerie Johannes Bitter (alle Fotos: Sascha Klahn)
Eine schöne Aufgabe nach einem Tag im Zeichen des Handballs – Training in der Volksbank Arena, Video-Analyse, Vorbereitung auf das Spiel gegen Flensburg. Das alles wird den sieben Monate alten Jonathan nicht interessieren. „Der Kleine nimmt es so wie es kommt”, sagt Bitter, der die Eingangsfrage, wie es denn so sei als junger Vater, strahlend und glücklich mit einem schlichten „Geil!” beantwortet hat. Seine Frau Bernadette, die Jugendliebe aus Schulzeiten, arbeitet schon wieder halbtags, und auch als Handballprofi bleibt genügend Zeit, die Vaterrolle nicht zu vernachlässigen – eine gute familiäre Aufteilung, findet Bitter. So, wie der Wohnort Schanze mit dem Erwerb einer Wohnung in einem Neubau einfach zur Familie passt: „Wir haben noch nie mitten in der Stadt gewohnt und wollten es einfach mal probieren.”
Der 26 Jahre alte Bitter ist ein Mann mit Meinung. Man kann über fast jedes Thema mit ihm reden, und Bitter weiß Intelligentes zu antworten. In Laberei verfällt er dabei nicht. Bitter ist Friese aus Zetel, geboren in Oldenburg, gespielt hat er zunächst in Altjührden und bei der großen Konkurrenz Wilhelmshaven. Zwar verneint er die Existenz einer Laufbahnplanung, wie man sie von Fußballprofis der Topklasse kennt, doch gibt es bei ihm die entsprechenden Stationen, deutlich sichtbare Karriereschritte: von Altjührden über Wilhelmshaven und Magdeburg nach Hamburg. Vom talentierten Keeper aus Friesland zum jungen Stamm-Schlussmann in Magdeburg und zur deutschen Nummer eins.
Schritt für Schritt hat sich Bitter verbessert, nun wird die nächste Stufe erwartet – vom Leistungsträger zum Wortführer. In Peking klappte das schon ganz gut, wenn auch unter schlechten Vorzeichen. Mit Tränen in den Augen versuchte Bitter, das schwache Abschneiden noch auf dem Parkett zu erklären. Er schien der einzige zu sein, der richtig traurig war, die große Chance Olympia derart fahrlässig vertan zu haben, wie es die Deutschen taten. Bitter sagt: „Wir waren zweieinhalb Monate weg. Wir haben uns so lange vorbereitet. Der Kleine war gerade geboren, ich nicht dabei. Das war schwer. Und dann kommen wir nicht mal ins Viertelfinale. Das war eine der übelsten Stunden in meinem Sportlerleben.”
Heiner Brand hat mehr Verantwortung der Jüngeren verlangt und auch Bitter gemeint. Eine Rolle, die der Torwart annimmt. Annehmen muss. Auch beim HSV. Ein schwieriges Thema. Wie kann solch ein starker Kader so schwach spielen? Bitter sagt es glasklar. „Wir haben einen Kader von 18 Spielern. Zu oft guckt einer auf den anderen und denkt: Der wird es schon machen. Wir setzen nicht um, was wir können.” Ein bedrohlicher Zustand. „Ich mache mir nichts vor”, sagt Bitter, „hier kann es nur so weitergehen, wenn wir in die Champions League kommen.”
Dass Präsident und Geldgeber Andreas Rudolph die Ankündigung des Rücktritts wahr macht, glaubt Bitter nicht. „Er lässt uns nicht fallen. Der Präsident schaut zu uns Spielern auf.” Doch die von ihm geschnürten Rundum-Sorglos-Pakete sind nicht für jeden geeignet. Bitter raisonniert, ob es nicht ein Zuviel an Bequemlichkeit sei, wenn sich nun ein Betreuer um die Trainingsklamotten kümmere, die Profis also nicht mehr selbst waschen müssen. Er weiß sehr gut, dass der HSV durch den Bau und die Inbetriebnahme der Volksbank Arena gleich hinter der Color Line Arena nun eine edle Heimspielhalle und mithin perfekte Bedingungen im Hamburger Volkspark vorfindet. Dort liegt auch die Geschäftsstelle. „Ich sehe eine Gefahr darin, wenn wir uns um nichts mehr kümmern müssen”, sagt er. Es gelte, diese Gefahr zu meistern. Bitter selbst wird einer derjenigen Profis sein (müssen), die zukünftig richtig dazwischen hauen, wenn Bequemlichkeit siegt. Bis 2011 läuft sein eben verlängerter Vertrag, er verdient gutes Geld beim HSV, könnte sich auch vorstellen, noch mal zu verlängern, aber auch das Ausland wäre ein Ziel. Vielleicht, wenn der Nachwuchs etwas größer ist.
Der Wechsel nach Magdeburg war 2003 ein großer Schritt für Johannes Bitter. Privat und sportlich. Seine Frau studierte damals im niederländischen Groningen und opferte alle Freizeit für die Gemeinsamkeit in Sachsen-Anhalt. Eine gute Zeit mit vielen Freunden seien die Jahre in Magdeburg gewesen. Geborgen habe man sich dort gefühlt. Vor den Kulissen sah es noch rosig aus beim SCM, dem Champions League-Sieger von 2002.
Hinter den Kulissen nicht mehr, wie man heute weiß. Bitter merkte das. Er will nicht soviel dazu sagen. Der dauerhafte Abschwung des Klubs stand dem eigenen Fortkommen im Wege, trotzdem blieb Bitter dem SCM bis 2007 treu. Ein Grund, die Elbe weiter nordwärts zu wandern, war dann auch Torwarttrainer Goran Stojanovic beim HSV. Für Bitter ist es eine Arroganz, eine Verkennung von Tatsachen, dass im deutschen Handball Torwarttrainer die Ausnahme sind. „Der Torwart macht heute 50 Prozent der Mannschaftsleistung aus. Es grenzt schon an Nachlässigkeit, keinen Torwarttrainer zu haben. Schön, dass wir in Hamburg einen haben.”
Bitter verdankt seinem Jugendtrainer Alexander Woronzow viel; er sei der „perfekte Mentor” gewesen, um Tricks und Kniffe des Torwartspiels zu erlernen. Unter Stojanovic nun hat Bitter noch einmal einen Schritt getan und war zuletzt bei EM und Olympia die deutsche Nummer eins – auch wenn niemand das so gesagt hat. Auch wenn Bitter sagt: „Sobald Henning Fritz zurück kommt, würde ich ins zweite Glied zurück treten.” Wie bitte? Er korrigiert sich. „Ist vielleicht nicht ganz so wörtlich gemeint. Aber ich habe riesigen Respekt vor seiner Leistung. Henning Fritz ist Henning Fritz.”
Fritz und Bitter – diese Namen kann man nicht nennen, ohne an das Finale der WM 2007 gegen Polen zu denken. 19 Minuten bis zur Unsterblichkeit: Bitter mag ein nüchterner Mensch sein, doch sein Einsatz gegen Polen von der Bank weg nach Fritz’ Verletzung bleibt unvergessen. „Die Erinnerung verblasst nicht. Sie wird eher stärker. Das Spiel hat mich geprägt. Das kann ich meinem Sohn noch in 15 Jahren zeigen.“ Weltmeister, das bleibt man.
Ob er noch einmal Weltmeister wird? Vielleicht nicht bei dieser Belastung. Bitter wirkt verärgert, wenn er an IHF und EHF denkt, an verantwortungslose Funktionäre, an den Spielplan, der bis 2012 unangetastet und größer Feind der Profis bleiben wird. „Mir ist unglaublich wichtig, dass sich etwas verändert. Für unsere Generation ist es schon fast zu spät. Wir bräuchten jemanden, der uns vertritt. Aber das kann kein Aktiver sein. Es müsste ein Ex-Spieler mit viel Renommee sein. Ein Aktiver hat einfach nicht die Zeit.” Stefan Lövgren wäre Bitters Idealkandidat. Doch der wird Handballlehrer und Spielerberater, wenn er 2009 zurück nach Göteborg geht.
Also: weiterhin trainieren, spielen. Reisen. Reisen. Reisen. Fliegen sei längst wie Busfahren, sagt Bitter. Musik hat er dann immer dabei und Magazine zum Blättern, Musik gern von Kettcar, einer Hamburger Band, die er sehr schätzt. „Sind ganz normale Typen”, findet Bitter, er mag jedes einzelne Lied der drei Alben, jeder Song habe eine andere Aussage und die rockige Grundierung gefällt ihm. Kettcars An den Landungsbrücken raus, das ist auch eine Hamburg-Hymne, nur nicht so platt und peinlich patriotisch wie Hamburg meine Perle. Bitter schätzt den Song. Er sagt: „Ich fühle mich als Hamburger, in Magdeburg hatten wir eine superschöne Zeit. Aber ich bin Friese, das wird sich nicht ändern.“
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