
Die Handballer vollendeten, was den Fußballern versagt blieb, Heiner Brand gilt nun wie Franz Beckenbauer als Kaiser seines Sports – und die Nation feiert die verblüfften Helden
Von Tim Oliver Kalle
4. Februar 2007, ARD, 20 Uhr. Tagesschau. Leadsatz: „Deutschland ist Handball-Weltmeister.” 19000 Zuschauer in der Kölnarena, bis zu 20,13 Millionen an den Fernsehgeräten, ein Marktanteil von 58,3 Prozent, später 28000 Menschen vor dem Kölner Rathaus, um die Mannschaft zu empfangen. Dazu in allen Teilen der Republik Zehntausende auf den Straßen. Sie alle feierten die neuen Handball-Helden. Zum dritten Mal nach 1938 und 1978 Weltmeister. 29 Jahre Abstinenz haben gewaltigen Durst auf Erfolg gemacht. Kapitän Markus Baur nahm die 30 Kilogramm schwere Trophäe aus den Händen des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler und des IHF-Bosses Dr. Hassan Moustafa in Empfang. Zwischendurch jubelte Michael Kraus ein „Für uns und für Deutschland” in die Blöcke. Die Handballer vollendeten das, was den Kickern im letzten Sommer noch versagt blieb: Sie schenkten sich und dem Land eine große Weltmeisterschaft. Der Rest verschwand im Goldlametta.
Und irgendwann an diesem legendären Abend, als der Tross ins Kölner Rathaus eilte, juchzte ein Polizist dem erschöpften Heiner Brand ins Ohr: „Das ist ja wie vor 30 Jahren in Gummersbach.” Der Bundestrainer nickte kurz, eilte weiter. Brand, 54, hatte nicht nur Sportgeschichte geschrieben, weil er als erster Handballer sowohl als Spieler als auch als Trainer Weltmeister wurde (und dem Boulevard damit als Pendant zu Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer gilt). Ihm gelang es zudem, eine gesamte Sportart in eine neue Dimension zu führen – raus aus den Turnhallen, rein in die Arenen. Seine Spieler hätten auch, wie es für eine WM 2005 angedacht war, die Arena auf Schalke füllen können, die eigentlich als Fußballstadion mit Platz für 50000 Zuschauer dient. Doch das war weiland als Vision von Superoptimisten belächelt und für 2007 verworfen worden.
Während der WM ist jedenfalls etwas Fundamentales geschehen: Handball hat das kollektive Bewusstsein erreicht. Die Quoten beweisen das. Und das Feedback aus allen Teilen der Bevölkerung. Bundespräsident Horst Köhler reihte sich ab dem Viertelfinale in die Schar der hingerissenen Anhänger ein, Vertreter des Fußballs wie Bundestrainer Joachim Löw, Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger bekundeten ihre Faszination. Und dass sich Franz-Josef Wagner, Chef-Kolumnist der BILD, begeistern ließ und einen öffentlichen Brief verfasste, war ein weiterer medialer Ritterschlag. „Was für ein wahnsinniger Sport, und ich weiß nichts von ihm. Warum”, fragte Wagner empört, „haben mir ARD und ZDF nichts von diesem Sport erzählt?”
Mit Hingabe weckte der Boulevard Sympathie für die Handballer, setzte Verdienste in Relation zu den Fußballern (15000 Euro versus Hunderttausende im Monat), förderte den Hype um Fritze, Mimi und Mini mit riesigen Storys. Die Suche nach neuen Protagonisten funktionierte genau so, wie Brand sich das vorstellte: über den sportlichen Erfolg. Nach dem „Hinderungsgrund Viertelfinale” (Strombach) verselbstständigte sich die WM.

Wiehl war das Reagenzglas, in dem zu beobachten war, wie die WM funktioniert. Im Herzen des kleinen oberbergischen Städtchen hatten sich die Leute trotz der Nähe zu Gummersbach lieber um Fußball und Eishockey gekümmert. Als die Handballer nach dem Halbfinale gegen Frankreich zurückkehrten, standen bereits 700 Menschen vor dem Hotel Spalier. Sie brannten ein Feuerwerk ab und feierten eine schwarz-rot-goldene Party. „Für die Spieler und mich ist das nicht ganz begreifbar”, gestand Brand ungläubig und fühlte sich an den Fußball-Sommer 2006 erinnert: „Das findet hier in einem etwas kleineren Maße statt.” Als sich die Weltmeister am Tag nach dem Endspiel auf dem Balkon des Wiehler Rathaus präsentierten, herrschten Zustände wie bei einem Popkonzert.
Dass sich das Publikum mit der Mannschaft identifizierte, war der Schlüssel, um Spanien zu dominieren und Frankreich nach zwei Verlängerungen niederzuringen. Der Bundestrainer hat darauf gehofft. Irgendwann platzte dann auf der Woge der Begeisterung ein Knoten, aber rational lässt sich das Wintermärchen nicht erklären. Die Euphorie setzte alles in Bewegung. „Das war die Chance, die wir hatten”, sagte Brand, doch die ergriff die Mannschaft erst unter extremem Druck, als nach der Vorrunden-Niederlage gegen Polen eine Nebenrolle drohte.
Rückblende, Juni 2006, Südbadische Sportschule Steinbach: Brand übt für Testspiele gegen Weltmeister Spanien, während die Fußball-WM beginnt. Hinter ihm liegen eine durchschnittliche WM in Tunesien (Platz neun) und eine erfreuliche EURO (Rang fünf). Der Slogan „Projekt Gold 2007” entsteht, nebenbei wird ein virtuelles Finale gespielt – eine Aufgabe für den Kopf. Der imaginäre Gegner heißt Kroatien. Es klingt wie das Pfeifen im Walde.
Rückblende, 3. Januar 2007: In Herrsching am Ammersee kommt eine Gruppe zusammen, die wenig weltmeisterliche Zuversicht ausstrahlt. Beispiele: Der Torwart Henning Fritz hat seine Aura verloren, der Rechtsaußen Florian Kehrmann freundet sich mit Titan in seiner gebrochenen linken Hand an, Holger Glandorf legt nach mehreren Brüchen im Gesicht gerade seine Maske ab. Und Oleg Velyky ist nur ein Fall für Physios und Ärzte, die sich phasenweise mit der Hälfte des angeschlagenen WM-Kaders beschäftigen müssen. Die Spiele gegen Ägypten (zweimal 29:30) befördern die allgemeine Verunsicherung. „Das”, sagte Baur jedoch später, „wurde alles von außen reingetragen. Die Mannschaft wusste immer, was sie kann. Als Team haben wir uns in den Tagen am Ammersee gefunden.” Doch das entdeckte sie erst so richtig in den Stunden zwischen Polen und Slowenien – sowohl sportlich, als auch emotional.
Sportlich, weil Brand einfach ein Video des gegen Polen verlorenen Vorrundenspiels ablaufen ließ. „Da haben wir gesehen, was wir alles nicht gemacht haben”, sagte Baur. Emotional, weil Brand seine braven Buben „an der Ehre packte” (Bitter). Slowenien erlebte die Reaktion, und im ostwestfälischen Halle gingen Mannschaft und Publikum den Bund für die Zuschauer-Weltmeisterschaft ein. „Erst waren es von der Atmosphäre her normale Bundesligaspiele, doch Slowenien war”, wie Michael Hegemann, einer der Ergänzungsspieler, beobachtete, „der Schnittpunkt.” Der wiedererstarkte Torwart Fritz lebte mit jeder Faser seines Körpers nur noch eine Botschaft: „Uns kann keiner etwas anhaben!” Nebenbei erkannten sie den Wunsch der Zuschauer. „Die wollen, dass wir etwas erreichen”, registrierte Baur erstaunt.
Das mag auch an dem hohen Identifikationsfaktor gelegen haben. Spiegel online erkannte anders als im Fußball oder sonstigen Sportbusiness weder „millionenschwere Werbeverträge”, kein „dröhnendes Vertragsgefeilsche” noch „übermächtigen Personenkult”. All das verbindet sich mit der bodenständigen Person Brand. Der Gummersbacher war 1978 Weltmeister und übernahm vor zehn Jahren die darbende, gerade in der WM-Qualifikation gescheiterte Nationalmannschaft. Unaufgeregt führte der 54-Jährige die DHB-Auswahl wieder in die Weltspitze, gewann 2004 erst die EURO und dann Olympisches Silber. Millionen Deutsche seien wie er, behauptet Spiegel online und postuliert mindestens den Gleichstand zwischen „Klinsmanns kalifornischem Modell” und dem „Prinzip Schnauzbart”. Die Welt urteilt gar: „Heiner Brand ist der bessere Klinsmann.”
Den Vergleich mit den Fußballern haben die Handballer so nie gesucht, aber es macht Spaß bei den Kickern zu lauschen und begeisterte Töne zu vernehmen. So sagte Fußball-Kaiser Beckenbauer in der Süddeutschen Zeitung: „Eine unheimlich attraktive Sportart. Da scheppert’s vorne, da scheppert’s hinten. Das ist nicht so langweilig wie ein Mittelfeld-Geschiebe beim Fußball. Da sieht man Begeisterung.” Besser hätte Brand nicht in sein Leben als Handball-Kaiser starten können.

Auf dieser Seite finden Sie ergänzende
• Artikel
• Reportagen
• Interviews und
• eventuell Videos
zu den Themen der jeweils aktuellen Ausgabe, die von der Redaktion des HM eigens für Sie zusammengestellt werden.
Nicht zuletzt dank unseres reichhaltigen Archivs verbinden wir Print und Online – für Ihren Mehrwert.
Natürlich gibt es HM - Das Handball-Magazin im gut sortierten Zeitschriftenhandel, doch der einfachste und schnellste Weg, regelmäßig die besten Seiten des Handballs ins Haus zu bekommen, ist ein Abonnement.
Wir bieten Ihnen verschiedene Möglichkeiten - und denken dabei auch an Freunde, Bekannte und Ihren Verein.