Kreisläufer Christoph Theuerkauf. - Foto: Sascha Klahn

Bängeräng!

Handball-Magazin 12/2009

In der Liga ist Christoph Theuerkauf einer der aufregendsten Spieler, doch die internationale Karriere leidet unter seiner Abwehrschwäche

Von Tim Oliver Kalle

Gerade erst hat er mit einem Mix aus Akrobatik und Kraft getroffen, aber er muss hektisch sein. Rennen, so schnell er kann. Wieder raus auf die Bank. So ist das immer mit ihm, ganz egal, welcher Trainer ihn aufstellt. Das Ausgewechseltwerden empfindet er nicht als Strafe, der 1,92 Meter große Mann hat sich ja keinen Fehler geleistet. Das Weglaufen vom Spielfeld hat er automatisiert.

Als die Nationalmannschaft beim Supercup auftrat, erfreute sich das Publikum an dem oft so spektakulär spielenden Mann. Doch der hat ein Problem: Christoph Theuerkauf ist nur zur Hälfte eines Spiels zu sehen - das Angreifen ist seine Sache, das Abwehren dagegen nicht seine Welt. Er hat es verlernt oder nie richtig gelernt. Man könnte ihm vorwerfen, deshalb nur ein halber Handballer zu sein, doch es gibt auch genug Beispiele für erstklassige Teilzeitkräfte der anderen, defen­siven Hälfte: Das geht los mit dem deutschen Abwehrchef Oliver Roggisch, führt über Stian Vatne (Norwegen) hin zu Didier Dinart (Frankreich), die ebenfalls keine ganzen Kerle sind. Und damit Theuerkauf als Spezialist fürs Torewerfen nicht allein dasteht, muss ein Mann wie Spaniens legendäres Knubbelchen Rolando Urios genannt werden. Theuerkauf kennt die Diskussion um ihn und sein Talent seit Jahren. Er sagt: „Ich bin mittlerweile kein junger Spieler mehr und kenne meine Stärken.” Theuer ist 25 Jahre alt.

Bereits 2004 lief er zum ersten Mal für die Nationalmannschaft auf; Heiner Brand beobachtet ihn seit Jahren, aber trotz allen Geschicks etablierte sich Theuerkauf nicht im A-Team. „Sein mangelndes Können in der Abwehr hat ihm bisher die internationale Karriere versaut”, sagt der Bundestrainer. Beim Supercup durfte er wieder mitspielen, weil Stammkraft Sebastian Preiß verletzt fehlte. Er fühlte sich wohl, weil er mal „über einen längeren Zeitraum zeigen konnte, dass ich was draufhabe”. Brand war nach dessen Länderspielen 12, 13 und 14 angetan: Theuer sei als sehr lockerer Typ gereift, habe im Angriff sehr gut gespielt und alle Bälle gefangen.

Dass der Kreisläufer des SC Magdeburg aktuell ins Konzept passt, hat einen besonderen Grund: Pascal Hens, abwehrschwacher Shooter mit chronischem Wechselbedarf, hat die Teilnahme an der EURO in Österreich (19. bis 31. Januar) abgesagt - das macht Theuerkauf als Spezialist für den gegnerischen Kreis verkraftbar.

Dass sich Brand so schwer tut, ausgerechnet einen Kreisläufer in Angriff und Abwehr zu wechseln, hat banale Gründe: Ers­tens ist jeder Tausch beim modernen Hochgeschwindigkeitshandball riskant, zweitens ist dies bei Theuerkaufs international führenden Kollegen Igor Vori (Kroatien), Bertrand Gille (Hamburg) und Michael Knudsen (Dänemark) nicht nötig - Vori war sogar wertvollster Spieler der vergangenen Welt­meisterschaft; er gilt als Idealbild des Kreisläufers von heute. Theuerkauf habe „gute und stabile Beine”, sagt Brand, für die Abwehr sei er „prädestiniert. Und er weiß ja, dass er das können muss.” So wie Christian Schwarzer, der seine Aufgaben hinten immer sehr verlässlich löste.

Magdeburg gehört zu den Orten, an denen das Abwehrspiel bestimmt erfunden worden ist. Harte Männer wie Steffen Stiebler gelten als Urväter des kräftigen Zupackens. Der 38-Jährige, der heute als Geschäftsstellenleiter des Bundesligis­ten arbeitet, sagt: „Decken kann fast jeder. Es kommt auf die Position an. Theuer hat die Möglichkeit.” Stiebler spielte selbst 18 Mal für Deutschland; gefragt waren seine Qualitäten vor allem als Verteidiger. Als ewiger Magdeburger verfolgte er, wie sich Theuerkauf aus der eigenen Jugend in den Kreis der Profis emporkämpfte. Dass dem Kapitän des U20-Europameisters von 2004 dabei das Abwehrspielen verlorenging, kann Stiebler nicht schlüssig erklären. Es habe in Magdeburg eben immer erstklassige Kreisläufer wie Guéric Kervadec, Sigfús Sigurdsson und Bartosz Jurecki gegeben, Experimente mit einem Jungen in einer bereits stabilen Abwehr seien da nicht so einfach. Mittlerweile erkennt Stiebler eine „eingefahrene Linie”: „Jeder sieht Theuer als reinen Angriffsspieler. Das zu durchbrechen, ist nicht einfach.”

Brand kann ihm während der wenigen Lehrgangstage kaum helfen, im Verein zählt der kurzfristige Erfolg - Theuerkaufs Lage zu bessern, wäre indes ein langfristiger Prozess. „Das muss schon in der Gruppe passieren”, sagt Brand. Die Hoffnung, dass dies in Magdeburg unter Trainer Michael Biegler gelingt, hat sich nicht erfüllt. „Ich hatte früher Qualitäten in der Abwehr”, beteuert Theuerkauf und erklärt sein Dilemma: „Ich habe keine Chance mehr, es zu beweisen, aber man kann auf den Einzelnen keine Rücksicht nehmen. Der Erfolg der Mannschaft steht im Vordergrund.” Er vermittelt einen selbstlosen Eindruck, aber vielleicht war er vor drei, vier Jahren als gefeierter Youngster der Gladiators auch zu bequem, um seine Schwäche anzugreifen. Inzwischen gilt er am eigenen Kreis als zu unerfahren, doch Theuerkauf sagt: „Ich habe das Thema noch nicht aufgegeben. Ich bin ein Kämpfer und lasse mich nicht unterkriegen. Mit dem, was ich habe, bin ich nie zufrieden. Und noch sehe ich die Chance, ein kompletter Spieler zu werden.”

Womöglich muss er etwas Grundlegendes ändern, um das Problem zu lösen: Theuerkauf ist in Magdeburg aufgewachsen, kam 1999 vom TuS Magdeburg-Neustadt zum Sportclub, lernte auf dem Sportgymnasium. Inzwischen wohnt er vis-à-vis der Bördelandhalle; seinen Arbeitsplatz hat er auch vom Balkon aus stets im Auge. „Ich habe in Magdeburg fast alles gesehen und vieles erlebt”, sagt er. „Vielleicht ist ein Wechsel zu einem anderen Verein ein Schritt, um mich individuell und charakterlich zu entwickeln. Und ich muss nicht mehr auf Teufel komm raus hierbleiben.”

Dass Theuerkauf überhaupt darüber nachdenkt, seine Heimat zu verlassen, ist fundamental; seine Familie, Magdeburg und auch der SCM sind für ihn Herzenssache und Leidenschaft. Abzulesen ist das an seinem rechten Arm, der mittlerweile vier Tattoos trägt. Das erste Motiv mit brennendem Herz und Rosenkranz gilt der Familie, das letzte ist nur ein Schriftzug: „Bängeräng!” - der Schlachtruf der verlorenen Jungs bei Peter Pan. Sein bester Freund hat sich das gleiche Tattoo stechen lassen. „Es war halt eine Macke, aber”, sagt Theuerkauf, „das ist mein Leitmotto: Ich will immer ein kleiner Junge bleiben und die Freude am Leben nicht verlieren.”

Das ist im Herbst 2009 recht schwierig, denn die Perspektiven des SC Magdeburg brechen weg wie die Steilküste der Ostseeinsel Rügen: Die eigentlich fruchtbare Beziehung des SCM mit dem Trainer Michael Biegler geht zum Jahreswechsel endgültig in die Brüche, das Geld ist in der Zeit nach der Ära des früheren Managers Bernd-Uwe Hildebrandt chronisch knapp, und der Kurs des neuen starken Mannes, Eckhard Lesse, ist unklar. „Einfach ist auch ab und zu langweilig”, sagt Theuer­kauf mit viel Ironie. „Als Mannschaft haben wir noch immer sehr viel Spaß und versuchen, unser Ding durchzuziehen.” Das gelingt manchmal bemerkenswert gut - in der Bördelandhalle wäre der große THW Kiel beim 30:29 fast über die grün-roten Kämpfer gestolpert.

Theuerkauf ist Gymnastiklehrer, ein Beruf, der zwischen Physiotherapeut und Fitnesstrainer angesiedelt ist. Zurzeit konzentriert er sich ausschließlich auf Handball, engagiert sich aber auch als Botschafter für das Ithuba Skills College in Südafrika. Studenten der Hochschule Anhalt entwerfen, planen und bauen selbstständig ein Schul- und Werkstattgebäude für Jugendliche aus einem Township in der Nähe von Johannesburg - für das Recht auf Bildung hilft Theuerkauf, Spenden zu sammeln.

Im Sommer endet sein Vertrag mit dem SC Magdeburg; Verein und Spieler haben bereits ihre gegenseitigen Interessen sondiert. Der heimatverbundene Theuerkauf müsste jedoch nicht viel riskieren, um sich eine neue Lernanstalt zu suchen. Die Füchse Berlin sind in Sichtweite, und mit dem Torwart Silvio Heinevetter spielt dort bereits ein alter Magdeburger Kumpel. Aber wäre die Hauptstadt ein so guter Ort, um das Spielen in der Abwehr zu lernen? Immerhin stünde auch dort mit Stian Vatne ein kompetenter Wechselpartner bereit.

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