Ulrik Wilbek, dänischer Nationaltrainer, bei der Bankarbeit. - Foto: Sascha Klahn

„Ich bin abhängig von meinem Team”

Handball-Magazin 12/2006

Ulrik Wilbek bricht mit allen Regeln. Dänemarks Nationaltrainer über freie Platzwahl, seine Karriere als Politiker und Frankreich als Lehrbeispiel auf dem Weg zu einem großen Titel

Interview: Tim Oliver Kalle

Das Gewimmel im Hotel Atlantic an der Bremer Galopprennbahn nimmt zu. Medientermin während des World Cups. Mittendrin im Lampenschein der Kameras: Ulrik Wilbek. Der 48-Jährige ist Trainer der dänischen Männer und daheim der Star seines Sports. Die skandinavische Ausgabe des Schwaben Jürgen Klinsmann begründete das dänische Fräuleinwunder, gewann die Europameisterschaften 1994 und ’96, zwischendurch die Olympischen Spiele ’96 und zum Abschluss die Weltmeisterschaft ’97 in Deutschland. Wilbek ist damit der Gegenpart zu Wladimir Maximow, der mit den russischen Männern ebenfalls alle Titel sammelte. Nun will er dem bisher in WM-Turnieren stets schwächelnden starken Geschlecht endlich zum Durchbruch verhelfen.

Im HM-Interview erklärt er, warum das dem dreimaligen EM-Dritten bei der Weltmeisterschaft 2007 gelingen wird. Als er etwas zu seiner Geduld als Politiker der dänischen Kleinstadt Viborg sagen soll, muss er jedoch schallend lachen. Wilbek hat Temperament, das er am Spielfeldrand auslebt.

HM: Sprechen Sie gern über sich?
Wilbek: Nein, weil man da doch immer dieselben Dinge sagt. Und ich mag Neues, Entwicklungen. Deshalb sind Wünsche und Visionen viel interessanter als die Sachen, die man bereits getan hat.

HM: Beschreiben Sie trotzdem, welcher Typ Trainer Sie sind?
Wilbek: Einer, der sehr viel auf Motivationsstrategien und Coaching setzt. Ich habe verstanden, dass Spieler verschieden sind und deshalb auch anders behandelt werden müssen.

HM: Wie gelingt Ihnen das?
Wilbek: Mit sehr viel Mentaltraining. Wir haben auch Persönlichkeitsprofile erstellt, sodass sich die Spieler untereinander besser verstehen. Wenn zum Beispiel jemand sehr abhängig von Siegen ist, dann will er nun mal nach einer Niederlage nicht sprechen. Er braucht vielleicht ein, zwei Stunden, um wieder zurück­zukommen, und ist erst dann erreichbar. Jeder hat da seinen eigenen Weg, aber das sind Dinge, die ich verstehen muss. Was ich meine, ist da uninteressant, wenn meine Spieler eine andere Sicht haben.

HM: Ist das ein typisch dänisches Trainerbild oder Ihr eigenes Ideal?
Wilbek: Wir haben in Skandinavien eine andere Kultur als zum Beispiel in Spanien. Dort geht es sehr autoritär zu. Ein Trainer bestimmt, und so ist es. Bei uns hat man einen freieren Ton miteinander, aber ich bin nicht wie andere dänische Trainer. Mein Fokus liegt auf Mentalität und Strategie, und ich achte auf jede Person.

HM: Haben Sie die Spieler mit Ihrer Art überrascht, als Sie 2005 die Männer-Nationalmannschaft übernahmen?
Wilbek: Ja, das glaube ich. Kommunikation ist ein sehr wichtiges Wort für mich und die Spieler. Ich versuche, ein Teil des Teams zu sein, denn ich bin sehr abhängig von sozialen Beziehungen. Dass es deshalb für mich wichtig ist, zusammen mit den Spielern etwas besprechen und bewegen zu können, war für einige überraschend.

HM: Zum Beispiel mit der Unordnung, die Sie in den Mannschaftsbus gebracht haben?
Wilbek: Sie meinen, wer wo sitzt?

HM: Ja, denn Trainer und Offizielle sitzen traditionell vorn…
Wilbek: …und ich in der Mitte. Ich versuche eben, alle ins Spiel zu bringen. Jeder muss eine gute Rolle haben. Obwohl man neu und jung ist, muss man doch nicht die Bälle tragen. Warum soll das denn so sein? Dadurch wird niemand besser. Alle können die Bälle holen. Auch beim Essen gibt es keinen Leitertisch. Wir sitzen alle zwischen den Spielern – nur dann kann ich hören, was wichtig ist für die Mannschaft und den Einzelnen. Ich bin involviert in das Team. Ich sage nicht, dass dies der richtige Weg ist, aber so bin ich.

HM: Und waren Sie so auch schon als Trainer der Frauen?
Wilbek: Ja, aber damals war ich vielleicht auch etwas autoritärer. Langsam habe ich meinen Stil gefunden. Ich höre, was du sagst, und versuche, zu tun, was für dich wichtig ist. Alle Spieler müssen eine eigene Meinung haben, sonst können sie nicht motiviert sein. Es ist nötig, dass sich alle gut kennen lernen – und auch alle von meinen Schwächen wissen. Das ist okay.

HM: Ist es beispielhaft für die dänische Gesellschaft, so offen zu sein?
Wilbek: Ja, ich habe auch sehr viel mit Gruppen außerhalb des Sports zu tun und versuche, dort meine Ideen zu vermitteln. Ich habe dazu ein Buch geschrieben, das vor kurzem erschienen ist. Es heißt: „Glaub an Dich selbst.” Ich halte im Jahr 50, 60 Vorträge, aber das könnte noch sehr viel mehr sein.

HM: Ist die Nationalmannschaft für Sie ein Modellprojekt?
Wilbek: Genau. Ich gebe Beispiele, wie ich meine Mannschaft rekrutiere, Talente ent­wickle und welche Prozesse es mit dem Team gibt. Ich coache auch einzelne Personen, zum Beispiel die dänischen Schiedsrichter.

HM: Eine unvermeidliche Frage, um die man bei Ihrer Vita nicht herumkommt: Was ist denn nun der Unterschied zwischen Männern und Frauen?
Wilbek: Für mich gibt es keinen, wenn ich als Trainer arbeite – und ich bin dieselbe Person geblieben. Aber es gibt einen Unterschied, was sie in einzelnen Situationen tun. Ein Beispiel: Wenn Männer mit dem Training fertig sind, versuchen sie alle noch Siebenmeterwürfe. Frauen sitzen einfach noch ein bisschen zusammen. Aber vorher sind sie konsequenter. Frauen kann ich mit einer Übung allein lassen – Männer nicht.

HM: Mit den Frauen sind Sie zum dänischen Trainerstar aufgestiegen. Warum sind Sie das Risiko eingegangen, vielleicht mit den Männern zu scheitern?
Wilbek: Das haben mich in Dänemark viele Journalisten gefragt, aber ich kümmere mich nicht um die Vergangenheit. Jetzt gibt es neue Herausforderungen, und ich glaube an den Erfolg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dänemark nicht jedes Mal unter die besten Acht kommt. Dafür sind wir zu gut. 

HM: Was bei einer Weltmeisterschaft noch zu beweisen ist.
Wilbek: Ich mag Herausforderungen. Bei jeder WM hat die ganze dänische Bevölkerung viel erwartet, aber nach einer Woche war unser Team bereits ausgeschieden – und alle anderen Großen haben weitergespielt. Das konnte nicht wahr sein. Als das Angebot kam, Nationaltrainer zu werden, habe ich gerade als Bürgermeister in Viborg kandidiert. Das war eine sehr schwierige Entscheidung für mich. Aber ich habe diesen Job gewählt, weil es mein Wunsch war.

HM: Sind Sie geduldig genug, um Politiker zu sein?
Wilbek: Ich war vier Jahre lang für die liberale Partei Venstre Politiker in Viborg. Natürlich soll man Geduld haben, aber vielleicht braucht man auch Leute mit weniger Geduld, um Visionen zu realisieren. Ich habe das versucht. Das war sehr interessant.

HM: Das klingt, als ob Sie nicht so viel durchsetzen konnten.
Wilbek: So ist das, aber man darf da nicht sauer sein. Man muss immer zu jedem sagen, was kannst du tun, damit es besser wird? Kannst Du ein Beispiel geben, was wir anders machen sollen? Das mache ich auch mit meinen Spielern, die wie Lars Christiansen schon viele Jahre im Nationalteam sind.

HM: Ist es nicht gerade für die Älteren schwierig, sich im Herbst ihrer Karriere zu ändern?
Wilbek: Schwierig, aber nicht unmöglich.

HM: Was halten Sie eigentlich davon, dass Deutschland mit Angela Merkel eine Bundeskanzlerin hat?
Wilbek: Es ist sehr schön, dass wir immer mehr Frauen in leitenden Positionen haben. Ich könnte übrigens nie Staatsminister sein – so viel Ideologie habe ich nicht. Ich suche Lösungen. 

HM: Welche Lösung haben Sie denn, um Dänemarks Männer endlich zu einem Titel zu führen?
Wilbek: Viele Spieler in den großen Vereinen. Anders Oechsler in Großwallstadt, Claus Møller-Jacobsen in Leon, Henrik Hansen in Altea – ich kann vielleicht 30 Männer nennen, die in diesem Jahr sehr viel Erfolg hatten. Es ist sehr leicht, eine Mannschaft zu stellen. Wir haben sehr gute Flügel- und Kreisspieler, und langsam kommen auch starke Spieler für den Rückraum wie Lasse Boesen und Bo Spellerberg. Ich hoffe, dass diese Profile als Kollektiv gut spielen. Wir waren bereits bei der EM in der Schweiz auf einem guten Weg – und ich hoffe, dass wir bei der WM weiter kommen.

HM: Allerdings hat Dänemark mit Norwegen, Ungarn und Angola eine der härtesten Vorrunden erwischt.
Wilbek: Aber das ist viel mehr Spaß, als gegen Katar und Grönland zu spielen.

HM: Vermissen Sie in Ihrer Mannschaft manchmal ein Alphatier, wie es Anja Andersen war?
Wilbek: Anja Andersen war Anja Andersen. Und ich habe keinen Karabatic und auch keinen Narcisse, aber ich habe andere Spieler. Und man muss ein Konzept haben, in dem jeder spielen kann. Ich höre sehr viele Fußballtrainer sagen, ein Spieler passe nicht ins Konzept – aber dann müssen sie es ändern. Du kannst nicht 50 Jahre lang mit demselben Plan arbeiten.

HM: In Deutschland verbinden viele Leute Dänemark nicht mit Konzept, sondern mit Spaß und denken vor allem an die Fußballer, die 1992 als gut gelaunter Ersatz für Jugoslawien sensationell Europameister wurden.
Wilbek: Das ist richtig. Deshalb haben unsere Handballer auch noch keine Goldmedaille gewonnen. Aber die dänische Elite arbeitet heute viel seriöser als vor 15 Jahren. Wir haben die Kultur bei den Frauen in den neunziger Jahren geändert, und uns sind viele Sportarten gefolgt. Wenn man bedenkt, dass wir nur fünf Millionen Einwohner haben, machen wir einen guten Job. Bei Olympischen Spielen können wir nie so viele Medaillen wie Deutschland gewinnen, aber wir nehmen den Sport jetzt ernst.

HM: Welchen Konkurrenten nehmen Sie denn bei der WM 2007 besonders ernst?
Wilbek: Im Moment ist Frankreich ein bisschen besser als alle anderen.

HM: Warum?
Wilbek: Sie sind physisch gut und haben Individualisten wie keine andere Nation. Narcisse, Karabatic, Omeyer – diese drei sind vielleicht die Besten der Welt. Und dazu kommen noch viele andere gute Spieler. Man kann sie schlagen, aber Frankreich ist mein Favorit.

HM: Gefällt Ihnen, wie Frankreich spielt?
Wilbek: Ja. Ich beobachte auch oft, was man dort mit jungen Leuten macht. Die Fran­zosen waren sehr schnell sehr visionär, zum Beispiel mit Bällen, die für die Kinder nicht zu groß waren. Das war sehr klug. Jetzt sehen wir, dass die Franzosen zwar nicht Jugend-Weltmeister sind, aber sehr viele Spielerprofile haben. Sie lernen erst später, kollektiv zu spielen. In Dänemark und Deutschland ist es umgekehrt. Wir spielen sehr kollektiv, aber wir fangen damit vielleicht zu früh an. Deshalb haben wir viele gute Spieler, aber wenige Individualisten. Früher, als Frauen-Trainer, habe ich nach Südkorea geschaut. Dort waren die besten Spielerinnen, aber dann waren wir besser, weil wir etwas von ihnen übernommen haben. Vielleicht können wir das auch mit Frankreich machen.

HM: 1996 haben auch Sie mit Dänemark eine Heim-EM erlebt. Was können Sie aus dieser Erfahrung Heiner Brand und seinen Männern raten?
Wilbek: Wir waren damals das beste Team der Welt und drei Monate zuvor Olympiasieger geworden. Wenn wir nicht gewonnen hätten, wäre das auch okay gewesen. Auf Heiner liegt ein viel größerer Druck, aber er ist im Kopf so gut, dass er das schafft. Seine Mannschaft ist gut, aber es gibt zehn Nationen, die auf demselben Niveau spielen. Ins Viertelfinale kommt Deutschland ganz sicher.

HM: Muss man diesen Druck als Spaß empfinden?
Wilbek: Ja, du musst es immer wieder erleben wollen und froh sein, dass all die Menschen auf dich schauen. Und den Druck musst du in Motivation umsetzen.

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