Porträt Martin Heuberger

Die Welt des Botts

Weltmeister, dazu zwei EM-Titel und Brands Assistent: Der Talentförderer Martin Heuberger ist der stille Arbeiter im deutschen Trainerstab

Von Tim Oliver Kalle

Als erste Antwort gibt es ein verlegenes Lächeln. Die Aufgabe, über sich zu erzählen, ist unbequem. Martin Heuberger wirkt wie ein Zehnjähriger, der zum ersten Mal in einen Sonntagsanzug gesteckt wird – etwas unsicher und darauf bedacht, nicht zu forsch aufzutreten. Es soll in einem Gespräch über Handball nicht um ihn gehen; was zählt, ist allein die Mannschaft. Und das Team mit Physiotherapeut, Arzt und seinem treuen Partner Wolfgang Sommerfeld. Heuberger, 45, begreift sich als Teil des Systems, doch das ist dramatisch untertrieben, denn er ist die entscheidende Konstante und treibende Kraft: Seit 2002 ist er hauptamtlicher Junioren-Bundestrainer, seit 2004 gewinnt der deutsche Nachwuchs Medaillen in Serie, in diesem August sogar Gold bei der U21-Weltmeisterschaft.
Heuberger könnte selbstbewusst das „Ich” pflegen, schließlich ist er seit fünf Jahren auch Assistent des Männer-Bundestrainers Heiner Brand und damit ein Weltmeister-Co-Trainer. Jemand, der zu allem gefragt werden könnte. Heuberger sagt jedoch: „Ich brauche das Rampenlicht nicht.”

Das Starsein überlässt er anderen – aus einer Gruppe herauszuragen, verträgt sich nicht mit seinen Idealen. Wer das verstehen möchte, muss sich mit seiner Welt beschäftigen, in deren Zentrum die nur etwas mehr als 7000 Seelen zählende Gemeinde Schutterwald liegt. In der südbadischen Provinz ist Heuberger mit Ehefrau Beate sowie den Söhnen Felix (20) und Tim (18) daheim. Der Urgroßvater war Briefträger des Ortes und kündigte die Post mit einer großen Klingel an; dem Urenkel hat das den Spitznamen Bott eingebracht. Der Bote ist ein Dienstleister, und Heuberger versteht sich als Diener seiner Mannschaft – das ist das Leitmotiv seiner Karriere.

In Heubergers Laufbahn steckt keine zwingende Logik, aber eine klare Handschrift: Als junger Torwart des TuS Schutterwald geriet er in die Hände des Trainers Armin Emrich. Der holte ihn in den linken Rückraum, weil das Bällehalten für Heuberger nach einem Kopftreffer tabu war. Dass der spätere Männer- und Frauen-Bundestrainer die Zukunft des „mit links und rechts handwerklich sehr begabten” Juniors am Kreis sah, bestimmte den sportlichen Weg. Entscheidend war jedoch die Lebensschule. „Armin”, sagt Heuberger, „hat mich geprägt, was meine Einstellung zum Leis­tungssport angeht. Früher war Handball war ein Hobby, das ich nie ernst genommen hatte.” Emrich beschreibt seinen Schüler heute als „fleißig und strebsam”, der Bott lebe „Teamgeist mit Leib und Seele”. Brand sagt: „Handball ist sein zentraler Lebensinhalt.”

Mit der dazu passenden Konsequenz kam er in die Juniorennationalmannschaft, bestritt 23 A-Länderspiele, wurde Kapitän des TuS Schutterwald und stieg mit 30 überraschend zum Spielertrainer auf. Der Serbe Predrad Dosen war gescheitert, Heuberger musste die Mannschaft mit Hilfe des Assistenten Roland Birnbreier übernehmen. „Ich konnte nicht nein sagen”, erklärt er. „Es war ja mein Heimatverein.” Mit dem Novizen gewann der TuS neun von zehn Spielen; im Jahr darauf war er nur noch Trainer und führte Schutterwald in die 1. Liga. Dass er im Herbst 1996 sogar den Anlass für den Rücktritt seines heutigen Chefs Heiner Brand in Gummersbach (siehe unten) gegeben hatte, ist eine amüsante Note – fundamentaler war im Oktober 1999 sein Rückzug vom TuS Schutterwald. „Das Leistungsdenken hat mir gefehlt”, sagt er heute. Damals formulierte er fein: „Die Sprache des Trainers und das Gehör der Mannschaft passten nicht mehr zusammen. Ich habe es nicht verstanden, den Charakter der Mannschaft zu verändern.”

Dabei verkörpert Heuberger immer wieder absolute Hingabe: Während seiner Zeit in Schutterwald lernte er die Berufe des Bauzeichners und des Diplom-Verwaltungswirts, auch als Bundesligatrainer arbeitete er Vollzeit im Landratsamt für Umweltschutz. Ein Bild, das ihn morgens um fünf Uhr an einer Autobahn zeigt, wo die Spuren eines Chemieunfalls beseitigt werden, spiegelt seinen Alltag wider. „Ich war nie ein Profi”, sagt Heuberger. Erst 2001 eröffnete ihm der DHB die Chance, die Leidenschaft mit den Junioren zum Beruf zu machen.

Das Training mit den Talenten, die Arbeit als Assistent im A-Team – alles hat ihn gefordert, doch die Extreme seines Jobs lernte er erst in diesem Jahr kennen: Am 4. März starb sein Spieler Sebastian Faißt in Schaffhausen bei einem Test gegen die Schweiz, weil das Herz versagte. Der hochbegabte Junior kam aus der Region; Heuberger war und ist der Familie eng verbunden. Dass sich auch aus dem Tod des Talents fünf Monate später der Gewinn der Weltmeisterschaft in Ägypten entwickelt hatte, ist eine der bewegendsten Sportgeschichten des Jahres. „Für mich war das die schwierigste Situation, aber diese Erfahrung”, sagt Heuberger, „möchte ich nicht missen. Auch mich hat das unheimlich weit gebracht.” Bald beginnt die Zukunft mit den neuen Junioren der Jahrgänge 1990/91. Mit glänzenden Augen sagt Heuberger: „Es ist schön zu sehen, wie sich die Jungs entwickeln und das Handballspielen lernen.”

Bis 2011 ist der Verwaltungsinspektor beim Landratsamt Ortenau noch beurlaubt. Den Job als Junioren-Bundestrainer könne er noch ein paar Jahre machen, sagt Heuberger. Dabei könnte er genauso gut nach vorn drängen; er ist erfolgreich und weiß, wie man mit System eine Mannschaft aufbaut. Mit Anfragen aus der Bundesliga habe er sich noch nicht beschäftigt, sagt Heuberger. „Mir macht die Aufgabe viel zu viel Spaß.”

Ältere Kollegen attestieren ihm ein „wahnsinniges Feeling” für Nachwuchsarbeit. Er ist der Horst Hrubesch des Handballs – nur erfolgreicher als der Kollege, der immerhin die U19- und U21-Europameisterschaft gewann. Zwischen dem knorrigen Kopfballungeheuer und dem Bott gibt es jedoch eine Parallele: Beide gedeihen in einem Biotop voller Jugendlicher, beide sind in der aufgeregten Welt der Bundesliga nur mit einiger Mühe vorstellbar. „Das Geschäft”, sagt Heuberger distanziert, „ist schwieriger geworden. Das Geld. Der Druck.” Der Bott liebt die Ruhe, die ihm Schutterwald gibt und mit der er immer wieder neue Generationen aufziehen kann.

Das Porträt erschien in HM 12/2009.

Wissenswertes zu Martin Heuberger

Ausschluss: Auf der Suche nach einem schwarzen Moment (der eher tiefrot war) landen wir beim 29. Januar 1994. Der Kreisläufer Martin Heuberger tappste kurz vor Ende der ersten Halbzeit im Spiel des TuS Schutterwald gegen TUSEM Essen in eine Falle: Jochen Fraatz täuschte beim Freiwurf einen Pass an, warf aber direkt – beim Abwehrversuch erwischte der aus dem Block stürzende Bott den schnell fallenden Scholle im Gesicht. Die Magdeburger Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich verhängten den ersten Ausschluss der Bundesliga-Geschichte. „Das war fatal”, sagt Heuberger, denn ohne den bis zum Ende der Serie gesperrten Kapitän stieg Schutterwald ab.

Rücktritt: Im Herbst 1996 trat Heiner Brand über­raschend als Trainer des VfL Gummersbach zurück. Das 22:25 gegen den TuS Schutterwald im DHB-Pokal hatte ihn veranlasst, sein Amt niederzulegen. Klar, Brand war ja schon Assistent von Bundestrainer Arno Ehret, und die Doppelfunktion sollte nicht als Grund für Gummersbacher Misserfolge herhalten müssen. Auf der Schutterwälder Bank saß übrigens Martin Heuberger – der Sieg in Gummersbach war bislang jedoch das einzige Mal, dass er sich gegen­über Brand nicht loyal verhielt.

C-Turnier: In Turku, Tammisaari und Espoo erlebte Heuberger 1990 seine internationalen Höhepunkte als Spieler. Weil die bundesdeutsche Auswahl drei Jahre zuvor kläglich abgestiegen war, musste sich das neue Team bei der C-Weltmeisterschaft in Finnland wieder in die Zweitklassigkeit emporstrampeln. Deutschland stieg als Dritter auf in die B-Klasse, Heuberger spielte mit Christian Fitzek und Klaus-Dieter Petersen am Kreis und empfahl sich als Abwehrmann. Seine internationale Karriere endete jedoch wenig später, weil im gesamtdeutschen Team Matthias Hahn auftauchte und der talentierte Christian Schwarzer nach vorn drängte.

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