Lecker Likörchen

Handball-Magazin 1/2011

Handball in Dormagen gibt es inzwischen unter dem Markennamen DHC Rheinland. Das wirtschaftliche Überleben können jedoch nur Gönner aus Fernost sichern

Von Uli Hartmann

Im Dezember ist der Handball dem Trainer Kai Wandschneider ganz schön gefährlich geworden. Der Kampf gegen den Abstieg, die sichtbaren Mühen seiner jungen Bundesligamannschaft, der finanzielle Engpass der Spielbetriebsgesellschaft und die Sorgen um die Zukunft haben derart viel Kraft und Aufmerksamkeit gekostet, dass der 51-jährige Kölner nicht einmal die Zeit gefunden hat, Winterreifen auf sein Auto aufziehen zu lassen. Erst als der große Schnee kam, ließ Wandschneider die Bereifung endlich wechseln, fuhr wieder sicher und musste sich bei seinen täglichen Fahrten zum Training nach Dormagen zumindest um die Spursicherheit seines Pkw keine Gedanken machen. Mit der Spurlage des Dormagener Handballs sieht es da schon ganz anders aus.

Früher war alles besser. Für den Dormagener Handball gilt das wirklich! In Dormagen wurde - wie in Leverkusen, Krefeld, Wuppertal und anderen Städten auch - Sport immer im Schatten und unter dem Schutzschirm des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer betrieben. Wer nach Dormagen hineinfährt, passiert minutenlang den so genannten „Chempark” des Unternehmens. Halb Dormagen ist eine surreale Fabrik wie aus einem Science-Fiction-Film. Schön ist anders, aber danach fragt in solchen Städten niemand. Die Menschen und der Sport leben hier von Bayer. Die Menschen tun das auch weiterhin, denn die Branche floriert. Doch der Sport muss lernen, sich selbst zu versorgen. Bis auf den Fußball in Leverkusen unterstützt Bayer keinen Hochleistungssport mehr. Zu teuer, zu wenig Werbewert als Gegenleistung!

Für die Handballer des einst ruhmreichen TSV Bayer Dormagen bedeutete das eine sukzessive Entwöhnung. 2007 benannte sich der Klub in TSV Dormagen um, damit potenzielle Sponsoren sahen, dass da Platz für neue Partner geworden ist. Seit dem vergangenen Sommer heißt der Klub nun plötzlich DHC Rheinland: Dormagener Handball-Club Rheinland. Als letzter Bundesligaklub, aus wirtschaftlicher Notwendigkeit heraus und auf Druck des Bayerkonzerns, der für die defizitären Profihandballer als Teil seines weiterhin subventionierten Sportvereins TSV Bayer Dormagen nicht mehr gerade stehen wollte, gliederte der Klub den Handball in eine GmbH aus. „Es geht nur so“, sagt der Trainer Wandschneider. „Wir müssen jetzt auf die Marke Rheinland setzen.” Dass eine Versicherung, die als Sponsor auftritt, genauso heißt, ist vielleicht kein Zufall.

Es ist jetzt 25 Jahre her, dass Dormagen sich im Handball einen Namen zu machen begann, und das hat auch mit dem großen Trainer Petr Ivanescu zu tun. 1986 wechselte er zu Bayer Dormagen, der zu jener Zeit Zweitligist war. Kai Wandschneider findet heute, dieser Coup sage alles über den damaligen finanziellen Aufwand, den der Konzern für seinen Sport betrieben hätte. „Das waren die goldenen Zeiten des Dormagener Handballs”, sagt der aktuelle Coach. 1987 stieg der TSV in die Bundesliga auf, 1988 wurde er schon Fünfter, 1992 qualifizierte er sich für den Europapokal, 1993 stand er sowohl im Endspiel des nationalen DHB-Pokals wie auch in jenem des kontinentalen IHF-Cups. Es war das erfolgreichste Jahr in der Geschichte des Dormagener Handballs. Doch von da an ging es wieder abwärts. 1998 stieg man in die 2. Liga ab, 1999 wieder auf. 2001 ließ sich der Klub dann sogar freiwillig in die Regionalliga hinab versetzen, weil sich millionenschwere Schuldenlöcher aufgetan hatten, die der Konzern zwar zu füllen bewilligte - aber nur auf Kosten eines günstigeren Niveaus. In jenem Jahr begann Wandschneider seine Arbeit als Trainer.

Die Geschichte des Dormagener Handballs ist auch eine des sukzessiven Abschieds von Bayer. Eigentlich eine Art Liebesbeziehung, die aber mit einer nüchternen Trennung endete. 2009 musste Bayer seinem Dormagener Sportklub mehrere Millionen Euro vorschießen, damit eine Finanzlücke gedeckt werden konnte, die dem Verein zur Hälfte der Bundesliga-Handball eingebrockt hatte. Eigentlich hatte der Konzern seine Unterstützung zu diesem Zeitpunkt längst eingestellt, aber ohne seine Hilfe wäre der ganze Verein in die Insolvenz gerutscht. Der Vorschuss wird mit künftigen Fördergeldern verrechnet, außerdem wurde die Profihandballsparte gezwungen, sich in eine Gesellschaft auszugliedern. So wurde aus dem TSV Bayer Dormagen der DHC Rheinland, ein klammer Handballklub mit einem klitzekleinen Saisonetat von 1,6 Millionen Euro und einem Namenssponsor für die Sporthalle, der aufgrund eines Insolvenzantrags seine geschätzten 300000 Euro schon in der ersten Saison nicht zum Etat beitragen konnte. Schon knappst der Klub wieder herum. Die Zeiten sind nicht besser geworden für Dormagens Handball. „Es ist meine schwierigste Saison als Trainer”, sagt Wandschneider über die laufende Spielzeit. Er macht sich Sorgen um die Zukunft des Profihandballs in Dormagen. Er sagt: „Es wäre traurig, wenn hier eine große Handballgeschichte von heute auf morgen zu Ende gehen würde.”

Doch so weit ist es noch nicht. „Die aktuelle Saison ist finanziert”, sagt der Geschäftsführer Heinz Lieven. Wie es darüber hinaus weitergeht, vermag er nicht zu sagen, aber es ist jedenfalls kein Zufall, dass bei Heimspielen des DHC Rheinland gern japanischer Pflaumenlikör verlost wird. Diesen Likör stellt eine japanische Firma her, die beim DHC als Sponsor auftritt. Auch zu anderen japanischen Firmen mit deutschen Dependancen im nahen Düsseldorf hat der Unternehmer Lieven beste Beziehungen. Weil der DHC Rheinland im Rheinland kaum weitere Kontakte findet, sollen nun japanische Gelder von japanischen Firmen sowie eine diesbezüglich geförderte Kooperation mit dem japanischen Handballverband den klammen Dormagenern helfen. Im Januar soll ein japanischer Spieler aus Nippon beim DHC anheuern. „Von Japan”, sagt Lieven, „hängt vieles ab, denn in der Region finden wir keine Sponsoren mehr.” Dass ausgerechnet Firmen im 9400 Kilometer entfernten Japan Interesse am Handball in einer rheinischen Kleinstadt haben sollten, begründet Lieven mit dem sportlichen Know-how hier. Geld gegen Grundlagen des Handballs - zur Sondierung eines solchen Austauschs weilte zum Heimspiel gegen Gummersbach bereits eine hochrangige Delegation aus Japan in Dormagen.

Der 62-jährige Lieven glaubt an die Zukunft des DHC, er glaubt an den Klassenverbleib in dieser Saison. „Wir versuchen alles”, sagt er. „Aber ob es dann auch wirklich gelingt, weiß ich heute noch nicht.” Der Trainer Wandschneider hält seine junge Mannschaft („Wir suchen unsere Spieler in einem Marktsegment, in dem andere Vereine nicht mal gucken”) auch für stark genug, um erstligist zu bleiben, aber man müsse sich, sagt er, mit dem Thema Abstieg durchaus mal auseinandersetzen. Und wenn er den Sturz in die eingleisige 2. Liga in der kommenden Saison auch für keinen schlimmen Beinbruch hielte, so würde er, dessen Vertrag am Saisonende ausläuft, denn doch nur als Trainer beim DHC weitermachen wollen, „wenn man dort nicht gleich wieder gegen den Abstieg spielt”.

Klein zu kriegen wird der Handball in Dormagen aber selbst dann nicht sein. 2000 Zuschauer kommen noch immer zu jedem Heimspiel. Wessen Schriftzug da auf den Trikots steht, interessiert nur am Rande. Und wenn es in der Pause auch noch Pflaumenlikör zu gewinnen gibt - umso besser.

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