Grenzerfahrungen

Handball-Magazin 1/2010

Ansichten zweier Olympiasieger: Die französischen Brüder Bertrand und Guillaume Gille im Doppel-Interview über Lasten des Profilebens und Regeltreue im Spitzensport

Von Frank Heike

HM: Sie sind Brüder, wohnen nah beieinander, verstehen sich sehr gut. Wird auch zuhause nur über Handball geredet?
Guillaume Gille: Nein, so karikaturenhaft sind wir nicht. Wenn wir nach Hause kommen, ist das Thema Handball abgehakt.
Bertrand Gille: Ich will meine Arbeit nicht mit nach Hause bringen.

HM: Wie geht es Ihnen nach der Operation an der Achillessehne?
Bertrand Gille: Die OP war vor vier Monaten, und es läuft optimal. Aber die Reha wird noch dauern.

HM: Ist die EM in Österreich für Sie beide ein Thema?
Bertrand Gille: Warum nicht? Wenn ich bis dahin fit werde. Aber der Trainer soll bei seinen Planungen keine Rücksicht auf mich nehmen müssen.
Guillaume Gille: Ich würde gern teilnehmen. Aber mit unserer unglaublichen Belastung ist es schwierig, langfristig zu planen. Keine Ahnung, in welchem Zustand ich im Januar 2010 bin. Der Reiz Nationalmannschaft ist da, ich habe viel Spaß an solchen Großereignissen.

HM: Bei 80 Spielen im Jahr bleibt nur verletzt Zeit zur Erholung.
Bertrand Gille: Das ist so. Wir können das beurteilen.
Guillaume Gille: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so bleibt. Wir schreien, beschweren uns, protestieren, fehlen verletzt - und alles, was wir kriegen, ist ein Tag mehr Freizeit bei EM und WM. Vielen Dank auch. Das ist wie ein Pflaster auf unseren Mund.
Bertrand Gille: Das Problem ist komplexer. Früher wollten wir mehr TV-Präsenz. Die haben wir jetzt. Leider auch mit allen Pflichten. Wenn wir Handball hinter Fußball etablieren wollen, müssen wir da durch. Wir sind jetzt in den Köpfen der TV-Macher. Jetzt wollen wir weniger Spiele, aber dafür mehr Qualität.
Guillaume Gille: Es ändert sich nichts, weil es nur wenige Spitzenspieler der Spitzenteams betrifft. Für Teams wie Balingen ist der Terminplan ja völlig okay.

HM: Handball ist ein harter Sport, aber durchdrungen von unglaublicher Fairness. Sonst würde wohl noch mehr passieren oder?
Bertrand Gille: Man kann das nicht vergleichen. Beim Fußball gibt es andere Unsportlichkeiten, die Einfluss auf das Spiel haben. Machst du eine Schwalbe und kriegst einen Elfmeter, kann das ein ganzes Spiel entscheiden. Das gibt es im Handball nicht.

HM: Vielleicht ist Handball deswegen fairer.
Guillaume Gille: Ach, man darf sich nicht blenden lassen. Im Profisport spielt man im Rahmen der Regeln. Du machst alles, was erlaubt ist oder was die Schiedsrichter durchgehen lassen. Und manchmal verletzt du die Regeln. Wir sind im Leistungsbereich, und da gehört das eben dazu. Das möchte man ungern den Kindern beibringen. Aber so ist die Realität der Sportwelt.

HM: Ihr Landsmann Thierry Henry hat sich als Handballer versucht und so Frankreichs Fußballer zur WM befördert. Wie bewerten Sie sein Verhalten?
Guillaume Gille: Es ist schlecht, wenn solch eine Szene eine WM-Qualifikation entscheidet. Ich finde allerdings, dass der Schiedsrichter versagt hat. Der hätte das sehen müssen. Den Druck auf Henry zu übertragen, ist zu billig. Sowohl Schiedsrichter als auch Spieler machen Fehler. Deshalb müssen beide die Fähigkeit haben, damit auch umzugehen.

HM: Sie verstehen Henry also?
Guillaume Gille: Das ist ganz schwer zu sagen. Wir bewegen uns alle an den Grenzen zwischen dem Willen zum Sieg und dem Betrug. Leider ist der Hochleistungssport oft weit von den Werten entfernt, die viele noch mit ihm verbinden.

HM: Können Sie den Frust der Iren nachvollziehen?
Guillaume Gille: Natürlich. Aber Fehler und Fehlentscheidungen gehören zum Sport. Man muss damit umgehen können, egal, wie schmerzhaft es ist.

HM: Norwegen, Kroatien, Spanien, Dänemark - in den letzten Champions-League-Wochen waren sie ständig unterwegs. Gibt es noch so etwas wie Reiselust?
Guillaume Gille: Wir stecken in einem Drei-Tages-Rhythmus. Da bleibt keine Zeit nachzudenken oder uns mit den Ländern zu beschäftigen.
Bertrand Gille: Wir haben zuallererst mal unseren Job zu erledigen.

HM: Sie haben jeweils drei Kinder. Was sagen die dazu, dass ihre Väter so oft weg sind?
Guillaume Gille: Sie sind es gewöhnt. Wir haben einen Rhythmus mit unseren Familien entwickelt. Die Kinder wissen, dass wir tagsüber häufig da sind. Dann sind wir sogar präsenter als andere Väter - wir können sie zur Schule bringen und abholen. Wegen der vielen Spiele können wir nicht so viel trainieren. Deswegen bleibt am Tag genug Zeit übrig, um etwas mit den Kindern zu machen.

HM: Sie beide sprechen hervorragend Deutsch. Wie viel Deutsch konnten sie, als sie 2002 aus Chambery herkamen?
Bertrand Gille: Wir hatten Deutsch in der Schule, aber davon war nicht viel übrig geblieben, als wir kamen. Ein paar Vokabeln nur. Wir haben uns viel Mühe gegeben, erst zu verstehen und uns dann zu verständigen. Das ist ganz gut gelungen.

HM: Andere benötigten noch viele Jahre einen Übersetzer.
Guillaume Gille: Unser deutsches Abenteuer war von Anfang an eine ganz wichtige Sache für unsere persönliche Entwicklung. Wir wollten uns so schnell wie möglich integrieren. Wir wollten unseren Platz in der Gemeinschaft finden, in der Stadt. Dafür brauchst du die Sprache. Ohne sie bist du allein und isoliert. Wir beschäftigen uns jeden Tag mit der deutschen Sprache. Das ist auch gut, ständig gibt es neue Worte, neue Lektionen zu lernen.
Bertrand Gille: Ich fand vor allem die Artikel schwer. Der, die, das. Es gibt zwar ein paar Regeln - aber die muss man lernen. Das kostet viel Zeit. Aber auch viele Deutsche machen Fehler, was derdiedas angeht. Deswegen mache ich mir keinen Kopf.

HM: Könnten Sie sich angesichts Ihrer langen Krankenakte vorstellen, wie Nikola Karabatic nach Frankreich zurückzukehren und in einer Liga zu spielen, in der die Belastung geringer ist?
Bertrand Gille: Wir haben hier so einen Spaß. Das ist ja das Perverse! Wenn wir nur leiden würden… Aber wir haben hier alles, was sich ein Profi wünschen kann. Einen topstrukturierten Verein, der beste Bedingungen bietet und um alle Titel mitspielt. Wir mögen, was wir tun.
Guillaume Gille: Ich fühle mich in Hamburg zuhause.

HM: Fühlen Sie sich schon als halbe Deutsche?
Bertrand Gille: Unsere Völker haben viel gemein. Es gibt Unterschiede, aber vom Typus sind wir uns ähnlich. Es ist kein Wunder, dass wir hier klarkommen. Wenn alles anders wäre als zuhause, wäre es viel schwieriger. Ich mag die Deutschen dafür, dass sie zusammen feiern können - das allerdings führt auch zu einem Nachteil: Ihr seid sehr schnell einer Meinung. Wenn zwei Franzosen die gleiche Meinung haben und ein dritter kommt hinzu, sagt er: Seid ihr bescheuert? Das ist doch ganz anders! Das ist unsere Kultur. Wir sind nie einer Meinung. Aber andersrum: Ihr könnt wunderschön feiern. Das machen wir in Frankreich nicht. Oktoberfest, Karneval - wo Tausende miteinander feiern. Wir schaffen es nicht, mal abzuschalten und einfach gemeinsam zu feiern.
Guillaume Gille: Manches fehlt aber doch: Rotwein.

HM: Wir leben 20 Jahre nach dem Mauerfall. Erleben Sie ein geeintes Deutschland?
Guillaume Gille: Wenn Ihr übereinander sprecht, gibt es vordergründig Humor. Aber dahinter stehen die Vorbehalte, die bleiben. Du merkst, dass die Ressentiments tief verwurzelt sind. Aber die kommende Generation wird nicht mehr davon sprechen. Es kann doch nichts Schöneres geben, als zusammenzugehören!
Bertrand Gille: Es ist für mich eher nervend, dass die Westdeutschen die Ostdeutschen als Last empfinden und dass es oft nur darum geht, wie viel die Westdeutschen arbeiten müssen, damit es einen einheitlichen Standard in Ost und West gibt. Für uns seid Ihr alle die Deutschen! Wer kümmert sich um Ost und West? Wie die Westdeutschen über den Osten sprechen, finden wir krass und werden es nie verstehen.

  • HM

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