Globale Präsentation

Ungekürzte Fassung des Interviews aus Handball-Magazin 3/2011

Michael Wiederer (55) war selbst österreichischer Nationalspieler. Seit Gründung der EHF im November 1991 ist er deren Generalsekretär und Geschäftsführer

Von Tim Oliver Kalle

HM: Was war die Idee, vom klassischen Europapokal-Modus abzurücken und die Champions League mit einem Final Four zu beenden?
Wiederer: Dazu muss ich die Ausgangslage erklären: Die EHF wurde Ende 1991 gegründet, im Herbst 1992 begann sie ihre Aktivitäten und übernahm im Sommer 1993 vom internationalen Verband IHF den Europapokal. Gleichzeitig hat sich Europa geändert.

HM: Welchen Einfluss hatte das?
Wiederer: Als die EHF gegründet wurde, gab es 32 Nationen - heute sind es 49. Und während unserer ersten Jahre sind die Sowjetunion und Jugoslawien mit vielen neuen Nationen - und damit auch vielen neuen Meistern - aufgebrochen. Ein zweiter Grund für den Abschied vom alten Modus war die Champions League der Fußballer, die bereits in Gruppen gespielt wurde - das hat auch bei uns Anklang gefunden.

HM: Wie sah der Start aus?
Wiederer: Die EHF hat 1993/94 vorsichtig mit zwei Vierergruppen begonnen. Dieses bedachte Herangehen hat den ganzen Weg geprägt - weitere Schritte zur Veränderung der Champions League wurden immer entsprechend der Marktsituation gemacht. Die Erweiterung auf 16 und dann 32 hat den Möglichkeiten, die wir mit der Qualität der Klubs und deren Interesse am Wettbewerb gesehen haben, entsprochen. Mit dem aktuellen Modus - der Reduktion von 32 auf 24 Mannschaften in vier Sechsergruppen - haben wir das Produkt gestärkt, denn die zehn Gruppenspiele können für jedes Team auf einem entsprechenden Niveau stattfinden.

HM: Ist die Champions League mit einem Final Four als Schlussakt insgesamt hochwertiger geworden?
Wiederer: Wir waren bereits Mitte der neunziger Jahre mit dem Thema Final Four konfrontiert, haben das aber zu dem Zeitpunkt wirtschaftlich als nicht sinnvoll gesehen. Zwischen 2005 und 2009 haben wir uns intensiv damit befasst und die Vermarktungschancen überprüft. Und wenn man sieht, wie sich die Medienpräsenz des Handballs europa- und weltweit entwickelt hat, hat sich für ein Turnier wie das Final Four eine riesige Chance ergeben. In den Entscheidungsprozess, diese Chance zu nutzen, waren auch die Klubs eng eingebunden.

HM: Und wie ist es nun um den Wert des Wettbewerbs bestellt?
Wiederer: Die Erfahrungen der ersten Final-Four-Saison haben gezeigt, dass der Markt dieses Angebot sehr gut angenommen hat. Damit ist die Champions League wieder einen Schritt vorangekommen und werthaltiger geworden.

HM: Hand aufs Herz - hätten Sie Anfang der neunziger Jahre mit einem solchen Aufschwung gerechnet?
Wiederer: Wenn ich jetzt ja sage, wäre das nicht realistisch. Wir haben uns einfach entwickelt - und das mit dem Spitzenprodukt des Klubhandballs weiter zu schaffen, bleibt das Ziel. Wir verwalten ja letzten Endes den Wettbewerb im Interesse der Vereine und gehen damit sehr seriös um. In den neunziger Jahren haben wir bereits ein großes Potenzial gesehen, aber die heutige Entwicklung war nicht absehbar.

HM: Inzwischen ist aus dem altehrwürdigen Europapokal der Landesmeister ein Weltprodukt geworden, oder?
Wiederer: Ja. Der erste Schritt war, vom Finale in zwei Ländern - das manchmal auch nur regional stattgefunden hat - wegzukommen  und einen europaweiten Wettbewerb zu schaffen. In die Fernsehverträge haben wir auch die Übertragungen des Final Four eingebunden. Das ist uns gelungen. Und im zweiten Schritt hat die EHF Marketing weltweite Kontakte geknüpft, um das Produkt global zu präsentieren.

HM: Wäre die Champions League inzwischen ohne Final Four denkbar?
Wiederer: Das zu sagen, wäre nach einem Jahr vermessen. Die Champions League hat jedoch einen steilen Weg genommen. Wir haben ja erst 2005 die EHF Marketing gegründet, um das Produkt mit kurzen Entscheidungswegen und professioneller Vermarktung entsprechend betreuen zu können. Das Final Four 2010 war für uns der bisherige Höhepunkt. Daran müssen wir weiterarbeiten, aber ich glaube nicht, dass es im Moment Stimmen gibt, die fordern, das Rad zurückzudrehen und wieder Einzelspiele zu haben. Denn dann wären die europa- und weltweite Präsenz nicht mehr sicherzustellen.

HM: Welche Innovationen planen Sie für den laufenden Wettbewerb?
Wiederer: Im vergangenen Jahr haben wir das Final Four genutzt, um unseren Partnern zu zeigen, was in einem solchen Rahmen möglich ist. Wir haben ein Spitzenevent abgeliefert. Für uns ist das Turnier einfach ein attraktiver Startpunkt, und deshalb präsentieren wir auch beim VELUX EHF FINAL4 2011 einige Neuerungen - aber die werden wir nicht im Vorfeld ankündigen.

HM: Ist mit Blick auf den engen internationalen Terminkalender eine Reform des Vorprogramms denkbar?
Wiederer: Die Frage ist elegant gestellt. Solch ein Wettbewerb ist ein Kompromiss zwischen den verschiedenen Interessen. Wir haben nur wenige absolute Spitzenligen, aber wir haben einige - und glücklicherweise für die Champions League genug – Spitzenklubs, die aber in ihrem Land zu schwache Ligen haben, als dass sie ihr Potenzial dort entfalten könnten. Wir haben die Vermarktungsmöglichkeiten, also die Zahl der für Sponsoren interessanten Spiele, die Fernsehpräsenz in verschiedenen Ländern zu beachten. Und wir halten Türen für Klubs, die sich nach oben entwickeln wollen, offen. Daraus ergibt sich das derzeitige Spielsystem, das vom Markt gut angenommen und die aktuell beste Lösung ist. Eine reduzierte Variante wäre unter Beachtung all dieser Aspekte zu bewerten.Sollte der Tag kommen, an dem wir etwas Besseres im Sinne aller Beteiligten finden, werden wir die entsprechende Richtung einschlagen.

HM: Wie sehr ist das VELUX EHF FINAL4 an den Standort Köln gebunden?
Wiederer: Wir haben uns vor zwei Jahren aufgrund des besten Angebots für Köln entschieden und die Option 2011 gezogen. Jetzt gibt es einen Grundsatzbeschluss, die Veranstaltung auszuschreiben. Das schließt Köln als eine Möglichkeit weiter ein. Wir wollen uns für die nächsten drei bis vier Jahre binden. Köln war bisher top für uns - die Alternativen werden wir genau prüfen.

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