
In Düsseldorf reift ein neuer Mittelmann. Der 22-jährige Michael Haaß verfügt über einen großen Vorteil: Neben Geschick in der Offensive besitzt er Stärken in der Abwehr
Von Tim Oliver Kalle
In dieser Geschichte passen die Bilder nicht gut zusammen und ergeben einen bunten und verwirrenden Gesamteindruck. Vielleicht ist das so nicht ganz richtig, denn jedes der Bilder spiegelt ja ein bisschen wider, wie Michael Haaß ist, doch fast alle fügen sich nicht in die allgemeine Erwartung. Handballer werden eben nicht auf der Straße groß, entspannen sich nicht am Klavier, und wer mit links schreibt, wirft nicht mit rechts. Haaß ist anders. Er kombiniert das Ungewöhnliche, führt als
22-Jähriger die HSG-Düsseldorf ruhig durch die turbulente Bundesliga und gilt neben dem gleichalten Göppinger Michael Kraus als einer der bemerkenswerten Männer für die Mitte.
Den Titel Straßenhandballer besetzt bisher Christian Zeitz. Der Kieler Linkshänder ist mit so viel Intuition gesegnet wie die in Deutschland so schmerzlich vermissten Straßenfußballer. Was bei Zeitz als Vergleich dient, ist für Haaß ein Teil seiner Geschichte: Vor der Garage des elterlichen Hauses in Essen-Frohnhausen probte er die ersten Würfe. „Handball war in unserem Stadtteil die Sportart”, sagt er. Die Halle, das Leistungszentrum an der Raumer Straße, lag nur 100 Meter entfernt, dort trainierten die Stars des großen TUSEM-Essen, wo später auch der fünf Jahre ältere Bruder Markus versuchte, als Handballer nach oben zu kommen. Der kleine Haaß folgte als D-Jugendlicher dem Ruf des großen Vereins.
Die ersten Eindrücke müssen beängstigend gewesen sein. „Alle anderen waren schon fertige Kerle. Ich bin erst später gewachsen”, sagt Haaß, der noch immer zu den Leichtgewichten zählt – für die bisher letzten zehn Kilogramm Muskelmasse brauchte er drei Jahre. Unter der Obhut von Ion Bondar tastete er sich über den linken Flügel ins Spiel, rückte als A-Jugendlicher endgültig in die Mitte und fand Gefallen an der Macht, ein Spiel zu lenken. „Ich habe schon gern im Griff, was auf dem Feld passiert”, sagt Haaß ruhig, denn das Talent des Jungen aus dem Ruhrpott ist nicht gepaart mit forschem Auftreten. Als der damalige Bundesliga-Trainer Jörn-Uwe Lommel für eine Einheit um Aushilfen aus der Jugend bat, lehnte Haaß ab. „Vielleicht habe ich mich schlechter eingeschätzt als ich war.”
Der mutige Lehmann besorgte wichtigsten Karriereschub
Unter Lommels Nachfolger Iouri Chevtsov kamen neue Chancen. „Iouri”, sagt Haaß, „hat mir alles beigebracht, obwohl ich in Essen mehr trainiert als gespielt habe.” Im Team des TUSEM half er gelegentlich aus, doch im Frühjahr 2005, beim Gewinn des EHF-Cups, war Haaß gegen Magdeburg eine der entscheidenden Figuren. Und das als Mittelmann.
Dass Essen nach jenem Triumph mangels Lizenz aus der Bundesliga verschwand, war ein für Haaß glücklicher Umstand. Die HSG Düsseldorf suchte Ersatz für Michael Hegemann (Gummersbach). Der Isländer Snorri Gudjonsson zog lieber von Großwallstadt nach Minden, sodass HSG-Manager Frank Flatten womöglich bei einem nachbarschaftlichen Plausch den entscheidenden Antrieb bekam: Nur zwei Straßen trennen Flatten in Moers von Hans-Dieter Schmitz, dem ehemaligen Sportlichen Leiter des TUSEM. Haaß unterschrieb bis 2007. Den wichtigsten Karriereschub besorgte jedoch erst der Düsseldorfer Trainer Nils Lehmann mit seinem Entschluss, den Junior mit der Regie zu beauftragen. Über diesen Mut staunt Haaß noch immer. „Vor Nils”, sagt er, „ziehe ich den Hut.”
Im Dezember rückte Haaß in einen speziellen Fokus: Als Bundestrainer Heiner Brand seinen vorläufigen 24er-Kader für die Europameisterschaft nominierte, tauchte auch der Neu-Düsseldorfer in jenem Kreis auf. „So viel habe ich doch bisher gar nicht gezeigt”, sagt Haaß, der noch nicht einmal an einem Lehrgang der DHB-Auswahl teilgenommen hat. „Michael ist torgefährlich und spielt gut an”, sagt Brand, der zudem das Abwehrtalent des erstaunlichen Rechtshänders schätzt: Haaß schreibt mit links, spielt so auch Tennis, Tischtennis und Badminton, aber für Handball braucht er die Rechte. „Ich bin völlig verwachsen”, sagt er.
Leidenschaft für das Spiel am Klavier als Ausgleich
Das Turnier in Paris hätte vielleicht ein Sprungbrett sein können. Dort spielte im letzten Jahr Kraus erstmals groß auf. Doch im März riss die Bizepssehne im rechten Ellbogen an; Haaß kennt solches Pech vor großen Ereignissen: 2003 brach er sich nach vier Länderspielen mit den deutschen Junioren den Fuß und verpasste die WM in Brasilien.
In solchen Momenten hilft eine gewisse Vielseitigkeit. „Ich sehe mich nicht komplett als Handballer”, sagt Haaß, der seit vier Semestern in Dortmund Elektrotechnik studiert. In seiner Dachgeschosswohnung im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk steht ein elektrisches Piano. Vater Günter ist Kirchenmusiker und weckte in seinem Filius die Leidenschaft fürs Klavierspiel. Das passt zwar nicht ins Bild eines Handballers, doch vielleicht ist gerade das feine Spiel auf den Tasten der ideale Ausgleich zum Rock ’n’ Roll in den Hallen.
