Junge Pioniere

Handball-Magazin 3/2011

Weil sie in Deutschland vorerst keine Perspektive sahen, zogen die Torhüter Jürgen Müller und Matthias Baur ins Ausland

Von Tim Oliver Kalle

Er spielt. Als Nummer eins. In der 1. Liga. Und er kämpft um die Meisterschaft. Sein Name: Jürgen Müller, seine Position: Torwart. An dieser Stelle beginnt das Grübeln, denn Hamburg und Kiel, Löwen und Füchse und auch all die anderen deutschen Bundesligisten haben keinen Müller zwischen die Pfosten ihrer Tore gestellt – der 24-Jährige hätte dort trotz Talent keine Chance bekommen. Um das kleine Rätsel schnell zu lösen: Müller hat Deutschland verlassen und in Südschweden bei Ystad IF sein Glück gefunden. In der Post-WM-Depression, dem allgemeinen Hadern um die Tauglichkeit des deutschen Nachwuchses für die Bundesliga und ermüdenden Quoten-Diskussionen tauchen Müller und seine Geschichte wie ein strahlender Lichtschein am Ende eines stockfinsteren Tunnels auf. In der Kurzversion: Hilf dir selbst, geh fort, werde besser.

„Viele Deutsche sind bequem geworden, weil sie entweder gute Vereine haben oder gute Angebote von Spitzenklubs bekommen”, sagt Müller und mahnt. „Man soll sich als junger Spieler nicht zu viel Honig ums Maul schmieren lassen.” Der gebürtige Nürnberger hat eine Vita, die ihm ein klares Urteil erlaubt. Sein Weg: Mit 16 übte er bereits bei Frisch Auf Göppingen, dessen damaliger Trainer Christian Fitzek verlor ihn nicht aus den Augen und lockte ihn mit 20 aus Balingen zum HSV Hamburg – als dritten Mann hinter Johannes Bitter und Per Sandström.

„Damals”, sagt Müller, „war das für mich sehr reizvoll. Als junger Spieler bist du total fasziniert, wenn du so ein Angebot bekommst.” Die Krux: Im Training lernte der Junioren-Europameister von 2006, aber die Chance, sich im Wettkampf zu entwickeln, blieb ihm versagt. „Der entscheidende Schritt kam eben nicht”, sagt Müller und zog 2009 nach nur einem Jahr weiter zum SC Magdeburg, um erst hinter Silvio Heinevetter und dann hinter Gerrie Eijlers zu stehen. Im Schatten der Konkurrenten entdeckte er Schweden als Chance.

Den Weg nach Ystad fand der Student (Fachrichtung internationales Management) übrigens ohne Spielerberater, nachdem er zuvor mit Gerd Butzeck, dessen Nachfolgeagentur Allstars Sports Promotions sowie Björn Schultz und Erik Göthel zusammengearbeitet hatte. „Wenn mir jemand geholfen hätte, wäre das Ausland schon früher eine tolle Möglichkeit gewesen”, sagt Müller. „Für junge Spieler ist das Ausland auch eine Chance, sich nicht nur handballerisch sondern auch persönlich weiterzuentwickeln.” Als junger Pionier kann er viel darüber erzählen: Binnen sechs Monaten eignete er sich nicht nur solide Kenntnisse der Landessprache an, er lernte die schwedische Torwarttechnik und entdeckte, dass es auch für Feldspieler interessante Impulse geben könnte. Und Müller steht ständig im Wettkampf.

Etwas früher mit der Emigration war Matthias Baur dran. Der U21-Weltmeister unterschrieb bereits 2009 einen Drei-Jahres-Vertrag beim Schweizer Nationalligisten Pfadi Winterthur. Der Klient des Beraters Marc Rapparlié, zu dessen Kunden auch die Nationalspieler Dominik Klein und Patrick Groetzki zählen, setzte sich gar nicht erst dem Risiko aus, im Wartestand Zeit zu verlieren. „Ich bin Torwart, da schaffen es nur wenige relativ früh”, sagt Baur. „In der 1. Liga bekommst du als junger deutscher Spieler keine Chance.” Der Junior mit dem klangvollen Nachnamen gehörte zum Kader der Rhein-Neckar Löwen, trainierte mit Henning Fritz und Slawomir Szmal – und kam zum Ende der Saison 2008/2009 gegen Essen und Dormagen auf zwei Kurz­einsätze. Seinen spielerischen Alltag verbrachte er bei der HG Oftersheim/Schwetzingen.

Der inzwischen 23 Jahre alte Baur hätte sich in Baden gemütlich einrichten können, doch er erinnerte sich der Nationalmannschaft: „Da war es immer ein Thema, auch mal die Komfortzone zu verlassen und den unbequemen Weg zu gehen.” Der vorerst auf drei Jahre befristete, mit einer kaufmännischen Ausbildung verbundene Umzug in die Schweiz lag für ihn nicht so fern wie Müllers Wechsel nach Schweden: Baur wuchs grenznah in Weil am Rhein auf. Die Vorteile liegen jedoch ähnlich: Mit Winterthur kann er spielen, zwar wegen der Konkurrenz durch den slowakischen Nationaltorwart Martin Pramuk nur durchschnittlich 15 Minuten, aber das erstklassig. Baur sagt auch mit Blick auf seine weiteren ehemaligen Mitspieler: „Oft fehlt den Trainern der Mut. Mit Vertrauen funktioniert es bei uns allen für mindestens zehn Minuten in der 1. Liga.”

Jürgen Müller tourt derweil als immer mehr geschätzter Torwart durch Schweden. „Für mich”, sagt er, „könnte es nicht besser laufen.” Er träumt davon, mit Ystad im Frühjahr im Göteborger Scandinavium um Schwedens Meisterschaft zu spielen. Aber selbst das Finale wäre nur ein Vorspiel. „Mein Ziel”, sagt Müller, „ist ganz klar: Ich möchte in der Bundesliga angreifen.” Da will er spielen und Nummer eins sein. In Schweden steht er noch bis 2012 unter Vertrag.

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