Der mit dem Werfer spielt

Handball-Magazin 1/2010

Welthandballer Thierry Omeyer gewährte dem Handball-Magazin und handballtraining exklusive Einblicke in sein Torwartspiel

Von Roman Lange

Ein Wasserträger ist dieser Mann wirklich nicht. Schlüsselträger wäre passender - zumindest wäre so geklärt, was er gelegentlich tut: Thierry Omeyer, letzter Mann des THW Kiel, schließt sein Tor einfach ab und erklärt dieses für den gegnerischen Angriff zur Sperrzone. Der 33-jährige Franzose, mit den Les Bleus inzwischen Olympiasieger sowie Welt- und Europameister, definiert die absoluten Maßstäbe für Torhüter. Von der Internationalen Handball Federation wurde er zum Welthandballer 2008 gekürt. Was den Torwart - mit dieser Auszeichnung Nachfolger von Henning Fritz und dem Neu-Spanier Arpad Sterbik - zu einem solch außerordentlichen Vertreter seiner Zunft macht, verrät dieser in handballtraining. Der Fachzeitschrift erläutert und demonstriert Omeyer seine Grundtechniken und gibt einen Einblick in sein taktisches Stellungsspiel im Duell Torwart gegen Werfer.

Trotz derzeit vieler englischer Wochen mit großer Spielbelastung war Omeyer gern bereit, am Ende einer Trainingseinheit des THW Kiel seine Torwartschule zu demonstrieren. Zu sehen war diese zum Beispiel im Finale der Weltmeisterschaft 2009, als Frankreich gegen Gastgeber Kroatien mit Omeyers Paraden den Grundstein für den Gewinn des dritten WM-Titels nach 1995 und 2001 legte. Er gehört zu den Torhütern, die sehr lange warten, um dann kontrolliert und taktisch gezielt zu agieren (nicht nur zu reagieren), was heute Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Torwartspiel ist. Sie merken schon: Dieser Mann kann sich sehr gut zur Sache äußern.

HM: Das moderne Tempospiel hat neue Anforderungen an das Torwartspiel gestellt. Was sind für Sie wichtige Erfolgsfaktoren?
Omeyer: Heute haben wir deutlich mehr Torwürfe pro Spiel. Waren es früher etwa 40 Wurfaktionen, muss man heute teilweise 60 Abwehraktionen oder mehr im Spiel absolvieren. Neben einer sehr guten explosiven Sprungkraft und Schnelligkeit ist für mich heute die Konzentration die wichtigste Voraussetzung für ein erfolgreiches Torwartspiel. Man darf nicht über ein kassiertes Tor oder über einen Fehler, den man gemacht hat, nachdenken. Wichtig ist, immer nach vorn zu schauen und sich auf die nächste Situation zu konzentrieren.

HM: Wie würden Sie selbst Ihren Torwartstil beschreiben?
Omeyer: Ich gehöre zu den Torhütern, die viel stehen. Die Spieler heute verfügen über eine Vielzahl von Wurftechniken und -varianten. Deshalb versuche ich immer, möglichst lange zu warten und den Werfern nicht frühzeitig eine Lösung zu eröffnen. Entscheide ich mich zu früh, können unter Umständen selbst nicht so platzierte Würfe in die Tormitte erfolgreich sein.

Sprungabwehr gegen den Kreisspieler (WM-Finale 2009: Frankreich - Kroatien)

  • Omeyers Kommentar: „In Bild 1 ist gut zu sehen, dass ich mich voll auf den rechten Rückraumspieler konzentriere,
    Omeyers Kommentar: „In Bild 1 ist gut zu sehen, dass ich mich voll auf den rechten Rückraumspieler konzentriere,
  • der dann einen ...
    der dann einen ...
  • ...schnellen Pass zum Kreis spielt. Ich habe jetzt nicht mehr die Zeit, um nach vorn zu gehen (Bild 2) und springe deshalb dem hoch werfenden Vori voll entgegen.“
    ...schnellen Pass zum Kreis spielt. Ich habe jetzt nicht mehr die Zeit, um nach vorn zu gehen (Bild 2) und springe deshalb dem hoch werfenden Vori voll entgegen.“

HM: Im Top-Handball heute kennen sich die meisten Spieler sehr genau. Wie variieren Sie Ihr Stellungsspiel und welche Rolle spielen Torwartfinten für Sie?
Omeyer: Für mich ist heute noch mehr Psychologie im Duell mit den Werfern gefragt. Im Top-Ten-Bereich kann man nicht immer dasselbe machen. Für mich ist wichtig, dass ich selbst agiere und versuche, mit dem Werfer zu spielen. Das trifft natürlich besonders bei freien Würfen von außen, vom Kreis oder bei der Sieben­meterabwehr zu. Eine Möglichkeit ist, einen Sprung in eine Torecke nur vorzutäuschen oder dem Werfer mit hochgehaltenen Armen zu signalisieren, dass ich hoch abwehren will. Entscheidend ist dabei immer das richtige Timing. Das gezielte Anwenden einer Finte darf man nicht mit Spekulieren verwechseln.

HM: Wie wichtig ist eine gute Körpersprache für den Torwart?
Omeyer: Eine gute Ausstrahlung ist natürlich auch für das eigene Team wichtig. In kämpferischer Hinsicht muss ein Torwart immer ein Vorbild sein. Natürlich ist auch eine gewisse Präsenz gegen­über den Gegenspielern von Bedeutung. Wenn ich zum Beispiel in bestimmten, spielentscheidenden Situationen einen wichtigen Ball gehalten habe, schaue ich dem Schützen in die Augen, um ihm zu zeigen, dass ich voll da bin.

HM: Wie wichtig sind taktische Absprachen zwischen Abwehr und Torwart?
Omeyer: Natürlich haben wir auch die üblichen Absprachen mit den Abwehrspielern vor allem gegen Rückraumwürfe. Wenn der Abwehrspieler zum Block springt, um einen Teil des Tores abzudecken, sollte er sich dabei nicht zu viel bewegen. Wichtiger ist, dass ich den Schützen in solchen Situationen gut sehe und lesen kann, wohin er werfen will. Wenn der Werfer gestört wird, sind meine Abwehrchancen besser.

Abwehr gegen ­einen Distanzwurf (WM-Finale 2009: Frankreich – Kroatien)

  • Omeyers Kommentar: „Gegen den Distanzwurf von Rückraum-Links Lackovic springt unser Hinten-Mitte der 5:1-Abwehr, Didier Dinart, zum Block (Bild 1).  Ich weiß, ...
    Omeyers Kommentar: „Gegen den Distanzwurf von Rückraum-Links Lackovic springt unser Hinten-Mitte der 5:1-Abwehr, Didier Dinart, zum Block (Bild 1). Ich weiß, ...
  • ...dass ich die kurze Ecke abdecken muss. Trotzdem warte ich so lange wie möglich (Bild 2), um dann mit dem ganzen Körper und beiden Händen zur Abwehr in die kurze Ecke zu gehen (Bilder 3 und 4)!“
    ...dass ich die kurze Ecke abdecken muss. Trotzdem warte ich so lange wie möglich (Bild 2), um dann mit dem ganzen Körper und beiden Händen zur Abwehr in die kurze Ecke zu gehen (Bilder 3 und 4)!“

Was kann man vom Welthandballer Thierry Omeyer lernen?

Ein Meister im Zweikampf: Beim Shooting in Kiel duellierte sich Omeyer mit Kim Andersson. - Foto: Axel Heimken

Athletische Voraussetzungen
Torhüter gehören heute zweifellos zu den besten Athleten einer Mannschaft. Das beweist auch Thierry Omeyer mit seiner exzellenten Sprungkraft und seinen explosiven Arm- und Beinbewegungen. Herausragend ist seine Beweglichkeit. Arm- und Bein­abwehr erfolgen sehr hoch fast auf Höhe der Latte - alles auf der Basis einer sehr gut entwickelten Rumpfkraft.

Grundtechnik als Basis
Wie auf den folgenden Seiten die Bildreihen aus dem WM-Finale 2009 zeigen, unterscheidet sich seine Grundtechnik kaum vom üblichen Bewegungsleitbild. Auch er versucht, wo es geht, Bälle möglichst kontrolliert aus einem Sprung mit dem ganzen Körper und unter Einsatz beider Hände abzuwehren. Je nach Situation und Zeitdruck realisiert er unterschiedliche Techniken. Beispiel flache Würfe: Hand-Fuß-Abwehr oder das schnelle Rutschen über ein Bein in die untere Torecke. Bei aller Diskussion um sehr kreative, unkonventionelle Torwartaktionen - Omeyer zeigt, dass das Beherrschen der Grundtechniken immer eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Torwartspiel ist.

Stellungsspiel - selbst agieren als Grundprinzip
Lange warten und dem Werfer keine frühzeitige Lösung eröffnen, ist ein taktisches Verhalten, das eine sehr gute Antizipations- und Wahrnehmungsfähigkeit voraussetzt. Gleichzeitig ist dies auch die Basis, um in freien Wurfsituationen gegen einen in den Torraum springenden Werfer zu agieren, das heißt mit ihm zu spielen. Auf der Basis sehr gut ausgebildeter Grundtechniken spielen heute auch gezielte Torwartfinten eine große Rolle. Perfekte Körperbeherrschung wie das Umspringen mit Beinwechsel ist eine weitere Voraussetzung. Erfolgreiche Torhüter haben außerdem eine gute Körpersprache, Ausstrahlung und Präsenz auf dem Spielfeld. Eine Persönlichkeit mit Vorbildcharakter - auch das zeichnet den Welthandballer Thierry Omeyer vom THW Kiel aus.

  • HM

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