Der Trainerdoktor Rolf Brack rettet Low-Budget-Teams mit Tricks und Leidenschaft
Interview: Tim Oliver Kalle
In der großen Halle des SportCentrums Kamen-Kaiserau wird der Ernstfall simuliert. Dr. Rolf Brack probt für das Spiel des HBW Balingen-Weilstetten gegen TUSEM Essen. 90 Minuten akribische Arbeit, fixiert auf Details. 24 Stunden später wird der Trainer eine sehr positive Rückmeldung erhalten: Das 34:26 im Revier soll für die Schwaben den Abstiegskampf vorzeitig beenden. Ein Erfolg, der die Prognosen zahlreicher Experten widerlegt. Tags zuvor nutzt Brack die letzte freie Zeit, um über sich und seine Liebe zu reden. Mit einer Zigarette lässt sich der 55-Jährige im Foyer des Sporthotels nieder und raucht ebenso genussvoll wie nachdenklich.
Brack: Man ist als Raucher schon ein bisschen aussätzig. Der Spaß beim Essengehen ist ohne eine Zigarette beim Kaffee fast weg. Oder wenn du in die Kälte raus musst. Es gibt kein sozialeres Erlebnis, als im Krankenhaus in einem Raucherraum zu sein. Da sind alle Schichten, und die Atmosphäre ist trotz aller Krankheiten ganz gesellig, obwohl da einige extreme Leute sind, die ihrem Laster nicht abschwören können. Aber übers Rauchen wollte ich ja nicht reden.
HM: Passt das Rauchen überhaupt in Ihr Bild des sportwissenschaftlich perfekten Spiels?
Brack: Natürlich nicht. Und wenn ich ein Jugendteam trainierte, hätte ich damit mehr Probleme. Ich bezeichne das auch als persönliche Schwäche, aber Menschen mit Schwächen wirken nicht ganz so unsympathisch. Und es gehört dazu, dass man zu seinen Schwächen steht.
HM: Warum sind Sie gerade da nicht stark?
Brack: Es ist sicherlich ein Resultat von erhöhtem Stress. An der Uni versuche ich, immer ehrgeizig mein Bestes zu geben und einen guten Job zu machen. Dazu kommen die täglichen Fahrten von Stiuttgart nach Balingen. Und die Drucksituationen, die ich immer hatte: Studium mit Prädikatsexamen, Promotion, Habilitation und oft eine mission impossible. Ich bin viermal mit Low-budget-Teams in die 1. Liga aufgestiegen, die von der ganzen Fachwelt als erster Absteiger tituliert wurden. Die Stresssituation ist einfach größer als im Mittelfeld der Tabelle. Und die 1. Liga mit den langen Fahrten ist ein zusätzliches Problem. Die Frage ist, wie lange ich mir das noch zumuten kann und will. Immerhin werde ich im Dezember schon 55 Jahre alt.
HM: Ist dieses auf Handball konzentrierte Leben eine Sucht?
Brack: In Teilen schon, wenn das Erleben von Spannung und Erfolg die Ausschüttung von Glückshormonen bewirkt. Ich bin ein bisschen als Spieler groß geworden. Als Jugendlicher haben mich Glücksspiele fasziniert. Irgendwann bekam ich einen Spielautomaten nach Hause, dann legte sich dieses Problem. Später gab es hochkarätige Skat- und Pokerrunden. Damals hat man das nicht mit Chips, sondern mit richtigem Geld gespielt.
HM: Um hohe Einsätze?
Brack: Irgendwann kam es sogar zu einer Gerichtsverhandlung, bei der ich allerdings nur als Zeuge geladen wurde, weil ich bei einem Exzess glücklicherweise ausgestiegen bin. Bei meiner ersten Trainerstation in Zuffenhausen haben wir mal eine ganze Nacht einen 50-Pfennig-Skat gespielt. Ich will nicht sagen, wer gewonnen und verloren hat, aber wenn es nicht gut gegangen wäre, hätte ich es nicht gemacht.
HM: Erklärt das Ihr Engagement im Handball?
Brack: Spielermentalität und Risikobereitschaft sind nur randständige Motive für das Ganze. Viel wichtiger ist der ständige Perspektivwechsel zwischen intellektueller, rationaler Lehr- und Forschungstätigkeit an der Uni und dem intuitiven Handeln, das stark vom unterbewussten Know-how geleitet wird. Ich mache das seit 1983, jeden Tag als Mittler zwischen Theorie und Praxis. Das Know-that zur Methodik und Steuerung des Trainings ist eine wichtige fachliche Trainerkompetenz. Für komplexe Entscheidungen in der Mannschaftsführung und Wettkampfsteuerung benötigt man intuitive Problemlösekompetenz. Das zeichnet einen Experten aus. In der Spielvorbereitung schaut man in die Zukunft. Wenn man mit seinen Prognosen immer öfter richtig liegt, bringt das Anerkennung und Erfolg. Das ist eine Sache, die im höchsten Maße zur Selbstverwirklichung geeignet ist.
HM: Spielen Sie heute noch?
Brack: Die Zeit habe ich nicht mehr. Ich habe noch eine zweite große Leidenschaft: angeln. Dass ich ein sehr naturorientierter Mensch bin, passt auf den ersten Blick nicht, oder? Ich habe einen Lebenstraum: Lachs in Alaska fangen, so richtig große Kings oder einen Blue Marlin wie bei „Der alte Mann und das Meer”. Aber Urlaub gehört zu den Dingen, zu denen ich viel zu selten komme. Der findet mit Bundesliga und Uni fast nicht statt und reduziert sich auf eine Woche Skifahren im Januar. Ich habe von der Welt wenig gesehen, weder Amerika, Asien noch Australien, nur Stellen, wo Handball gespielt wird – das werde ich sicher irgendwann bereuen.
HM: Wird es Ihnen gerecht, wenn die Leute Sie als handballbesessen und handballverrückt bezeichnen?
Brack: Nein, denn diese Attribute sind zu negativ, um meine Liebesbeziehung zum Handball treffend zu beschreiben. Die höchste Form von Liebe ist Leidenschaft, und ich bin dem Handball leidenschaftlich verbunden, aber nicht von ihm besessen. Ich muss Leidenschaft haben, um selbst als Vorbild motivieren zu können. Nur wenn ich selbst viel Leidenschaft vorlebe, kann ich die auch bei meinen Spielern einfordern. Auf positive Charaktermerkmale wie hohe Selbstmotivation und Hunger nach Erfolg achte ich bei der Auswahl meiner Spieler.
HM: Füllt Sie das allein auf Handball konzentrierte Leben aus?
Brack: Ich beschäftige mich eben gern mit Dingen, die ich gut kann, und versuche, dem perfekten, idealtypischen Trainerhandeln Schritt für Schritt näherzukommen. Handballmannschaften zum Erfolg zu führen, ist eine komplexe Problemstellung. Bei mir läuft viel über Trial and Error ab, denn ich kann aus meinem Wissen nur zum Teil einfache Routinen ableiten, und die Praxis eilt der Wissenschaft immer voraus. Es ist unglaublich spannend, Abend für Abend mit hochmotivierten Leuten etwas Neues voranzubringen. Dabei es geht nicht um Erlebnisse, sondern um Ergebnisse. Man bekommt Woche für Woche eine unwiderrufliche, objektive Rückmeldung, wie gut die gemeinsame Arbeit ist. Wenn man als Trainer erfolgreich ist, gibt es wenig Jobs, die so viel Euphorie und Freude bringen. Als wir im Dezember vor 6500 Zuschauern in der Porsche-Arena gegen die Rhein-Neckar Löwen gewonnen haben, war das eine unglaubliche schöne Geschichte.
HM: Warum setzen Sie nicht alles auf das Trainersein?
Brack: Durch den Job an der Uni habe ich den Vorteil einer gewissen Unabhängigkeit, auch riskante, innovative und sogar unpopuläre Entscheidungen treffen zu können. Meine Existenz hängt nicht davon ab. Ein Trainer, der aus Existenzangst zu viele Kompromisse macht, wird auf Dauer scheitern. Für mich ist diese Aufgabe wie ein leidenschaftliches Hobby, und das ist eine gute Position. Ich kenne einige Trainer, die heute nicht wissen, was sie die nächsten 20 Jahre machen sollen. Gerade im Handball gibt es wenig gute Jobs, vielleicht 30 in Deutschland. Was ich weiß, versuche ich, mit reformerischem Interesse zu verbreiten. Auf Trainerlehrgängen erzähle ich alles. Das ist mein Beruf. Ich bin Doktor und Privatdozent, aber trotz Habilitation kein Professor. Die Altersgrenze, das zu werden, liegt bei 52 Jahren, und ich lasse im Handball zu viel Zeit liegen, so dass mein Forschungs-Output im Jahr unter den üblichen fünf bis zehn Veröffentlichungen liegt. Aber das spielt für mich keine zentrale Rolle. Als Professor Doktor auf der Bank zu hocken, hat vielleicht eher Nachteile.
HM: Täte der Titel nicht dem Ego gut?
Brack: Meinen Vater hätte es gefreut, aber der ist leider vor zwei Jahren gestorben. Für mein Selbstwertgefühl ist das nicht entscheidend.
HM: Was empfinden Sie, wenn Sie von Boulevardblättern als Revolutionär des Handballs dargestellt werden?
Brack: Dann ärgere ich mich, weil Aussagen wie „Ich revolutioniere die Handball-Bundesliga” nicht von mir sind. Das klingt größenwahnsinnig. Taktische Innovationen sind mir wichtig. Der höchste Grat des Trainerkönnens ist eine ausgeprägte taktische Expertise. Im Vorteil ist, wer mit seiner Mannschaft etwas Neues schafft. Wie Volker Mudrow beim TBV Lemgo mit der Einführung der schnellen Mitte und Noka Serdarusic mit dem Highspeedhandball des THW Kiel.
HM: Und wie Sie mit dem siebten Feldspieler?
Brack: Das haben wir letztes Jahr aus einer Schwäche heraus entwickelt. Für uns ist das wie eine normale Überzahl und gar nicht aufwändig zu trainieren, aber der normale Zuschauer sieht es nicht gern. Auswärts wird man verhöhnt, wenn es nicht klappt.
HM: Wer hat Sie als Trainer geprägt?
Brack: Ich habe in den Achtzigern in der 1. Liga ein Jahr unter Josip
Milkovic in Dietzenbach gespielt. Der war auch jugoslawischer Nationaltrainer und hat die 3:2:1-Abwehr mitgebracht. Die wurde bei uns erst in den Neunzigern hoffähig, aber mich hat sie schon damals geprägt. Seit 1990 bilde ich A-Trainer aus. Wir hatten manchmal Lehrgangsmannschaften mit 2500 Länderspielen. Da kann man von Teilnehmern und Referenten eine Menge mitnehmen. An Alfred Gislason als Teilnehmer und Noka Serdarusic als Referent kann ich mich da ganz markant erinnern. Das waren sehr interessante Gesprächspartner.
HM: Viele der von Ihnen ausgebildeten Trainer haben längst große Titel gewonnen. Gislason sogar die Champions League. Reizt Sie das nicht?
Brack: Eigentlich schon, aber bis vor vier, fünf Jahren war ein Team außerhalb des Großraums Stuttgart noch kein Thema, weil meine Kinder noch nicht so alt waren. Daniel ist jetzt 27, Benjamin 24. Aber ich hatte bisher auch nicht so hochkarätige Anfragen, weil vielleicht viele sagen: Der Brack kann es nur mit jungen Spielern, der ist zu arrogant, der hat das Image, dass alles nach seinem Kopf laufen muss. Wenn sich ein Top-Verein meldete, wäre das reizvoll. Nach vier Aufstiegen mit No-Name-Mannschaften wäre das eine neue Herausforderung. Viele meinen, ich sei der ideale Konditionstrainer, aber das Primat der Taktik steht bei mir über allem.
HM: Wie lange sind Sie an Balingen gebunden?
Brack: Bis 2010. Ich habe meinen Vertrag erst gerade um zwei Jahre verlängert.
HM: Obwohl der HBW mit Stefan Kneer und Martin Strobel zwei hochkarätige Spieler an Großwallstadt und Lemgo verliert?
Brack: Das habe ich ganz bewusst getan, um nach den Abgängen ein Zeichen zu setzen. Zum ersten Mal übrigens für zwei Jahre. Bis wir kompensiert haben, was wir mit Kneer und Strobel verlieren, brauche wir Zeit. Um die beiden zu ersetzen, benötigten wir mehr als doppelt so viel Geld, wie sie gekostet haben. Das ist die Krux eines Ausbildungsvereins.
HM: Frustriert Sie das?
Brack: Ja, aber ich bin zu sehr Kämpfer, um da aufzugeben. Wir bringen wieder Leute aus dem eigenen Kader nach vorn. Ab Oktober sind wir eine Liste mit 80 Spielern durchgegangen. Kommen werden Spyros Balomenos und Philipp Müller. Das waren die Besten, die wir finanzieren konnten, und die beiden müssen wir schnell in unser System einbauen.
HM: Haben Sie sich auch zum Bleiben entschieden, weil Sie eine treue Seele sind?
Brack: Ich war nach einer Saison in Zuffenhausen 13 Jahre in Scharnhausen, danach von 1996 bis 2003 in Pfullingen, und nun das vierte Jahr in Balingen. Das ist jetzt die Grenze. In Scharnhausen war die Halle nur 200 Meter von der Haustür entfernt, Pfullingen war 40 Kilometer weg, jetzt sind es 70.
HM: Mit dem richtigen Auto ein Katzensprung.
Brack: Ich habe zwar einen BMW Z8 mit 400 PS, aber den fahre ich ganz sparsam, weil ich schon ein bisschen ein geiziger Schwabe geworden bin. Dieses Auto ist Leidenschaft. Von null auf hundert in 4,7 Sekunden. Den Luxus leiste ich mir, wenn ich schon kein Geld für Reisen ausgebe.
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