Kleine Großmeister

Handball-Magazin 10/2006

Die deutschen Junioren gewinnen in Innsbruck erneut EM-Gold: mit viel Können, aber auch ein bisschen Glück

Von Tim Oliver Kalle

Natürlich ist es verrückt zu behaupten, eine Europameisterschaft sei nicht mit dem Finale entschieden worden. Wer das letzte Spiel eines Turniers nicht gewinnt, kann auch kein Champion sein. Die Geschichte der U20-EURO in Innsbruck ist trotzdem eine etwas andere, denn die Suche nach dem Sieger war eigentlich schon ein paar Tage vor dem Schlussspiel abgeschlossen worden. „Wir haben doch noch eine zweite Chance bekommen, und die”, sagt Martin Heuberger, „wollten wir uns einfach nicht mehr nehmen lassen.” So führte der 42-jährige DHB-Trainer den deutschen Nachwuchs also zum zweiten Mal nach 2004 zum Gewinn der Junioren-Europameisterschaft. Die Konsequenz, mit der Kapitän Martin Strobel, Torwart Jürgen Müller und Linksaußen Uwe Gensheimer letztlich Schweden mit 24:19 erlegten, hatte ihre wesentliche Ursache in dieser etwas anderen Turniergeschichte: Sie hätten eigentlich gar keine Chance auf Gold mehr bekommen dürfen. Nur weil Serbien & Montenegro sich im letzten Spiel der Hauptrunde entschlossen hatte, trotz eines hohen Rückstandes (9:16) noch gegen Kroatien zu gewinnen (25:21), blieben die zu jenem Zeitpunkt hilflosen deutschen Junioren im Geschäft. In der Innsbrucker Olympiaworld schloss sich so eine vor zwei Jahren in Belgrad begonnene Linie endlich zu einem Kreis.

Als das Zeremoniell für Sieger und Platzierte erledigt war, saß Robin Haller noch ein paar Minuten lang allein mit dem Pokal des Europameis-ters auf dem Podest. „Wir haben hart trainiert und auf viel verzichtet”, sagte der Kreisläufer. Nach einer langen Saison und knapper Pause begaben sich Haller und die anderen jungen Männer der Jahrgänge 1986 und ’87 wieder in den Übungsbetrieb. Es war der dritte Sommer, den sie in der Halle verbrachten, aber dass ihnen 2004 bei der Jugend-EM in Serbien & Montenegro mit nur einer Niederlage gegen Dänemark nicht mehr als Platz fünf geblieben war, trieb sie an. Auf die Revanche im Halbfinale mussten sie zwei Jahre warten. Und danach fiel den neuen Schweden, Nachfolger des Junioren-Weltmeisters von 2003, im Finale so wenig ein, dass sie nach 53 Minuten beim 13:20 in ein Desaster zu schlittern drohten. Später sagte Haller: „Ich bin erleichtert, froh und ein bisschen kaputt.”

Dass die deutschen Junioren das Turnier bestimmten, hätte für den Trainer Heuberger und dessen Assistenten Wolfgang Sommerfeld selbstverständlich sein können. Schließlich waren sie 2004 mit den Jahrgängen 1984/85 bereits Europameister gewesen. Heuberger schwelgte wie beim ersten Mal im Glück. „Was diese Mannschaft abgezogen hat”, schwärmte der Badener, „hätte ich in den kühnsten Träumen nicht erwartet.” Heuberger erzählte von einer „gigantischen 6:0-Abwehr”, die selbst den „Heiner total überrascht” hat. Doch das Wort des Turniers hieß Mannschaft. Niemand brüllte als Animateur „Wir – sind – ein – Team – !” in die Runde. Torwart Jürgen Müller erklärte den Zusammenhalt als natürliches Ergebnis der zahlreichen Lehrgänge in den letzten vier Jahre. „Man wächst einfach zusammen”, sagte er. Vielleicht verkrafteten sie auch deshalb recht leicht den Ausfall von Linkshänder Steffen Weinhold, nach dessen Fußbruch Hannes Lindt in die erste Reihe rückte.

Wie Bundestrainer Heiner Brand weilte auch der für Leistungssport zuständige Vizepräsident Horst Bredemeier in Österreich. „Ich bin immer hocherfreut, wenn wir eine Mannschaft unter die besten Acht bringen, und das Halbfinale war bei dieser engen Spitze schon ein Erfolg”, sagte Hotti. Der 54-Jährige kennt sich in den unteren Altersklassen bes­tens aus. Anfang der achtziger Jahre trat er in die Dienste des Deutschen Handballbundes. Als Spezialist in Jugendfragen assistierte er 1983 dem damaligen Bundestrainer Simon Schobel bei der Junioren-Weltmeis­terschaft in Finnland und erlebte den Gewinn der Silbermedaille; sechs Jahre später zeichnete er in Spanien als WM-Vierter verantwortlich – es war der auf Jahre hin letzte erfreuliche Auftritt der DHB-Talente. Erst in der jüngsten Vergangenheit bekam das trübe Bild wieder Glanz.

Gensheimer, Müller und Strobel sind am nächsten an der A-Mannschaft dran

400000 Euro jährlich lässt sich der DHB den männlichen Nachwuchsbetrieb kosten. Dass die Investition mittlerweile eine üppige Rendite abwirft, hat auch Arno Ehret ermöglicht. Der 78er-Weltmeister und ehemalige Bundestrainer komponierte jene Rahmentrainingskonzeption, kurz RTK, die System in die Talentarbeit brachte. Was Vereine und Verbände inzwischen an durchdachter Vorarbeit leisten, hebt die Auswahl auf ein höheres Level. „Als Mannschaft wird unsere Arbeit immer deutlich. Da sind wir auf hohem Niveau. Aber die besseren Einzelspieler”, sagt Bredemeier, „sind meistens woanders.”

Gensheimer, der schon bei der WM 2007 ins A-Team schlüpfen könnte, Strobel und Müller gelten als Kandidaten für eine große Karriere. Selbst „diese Jungs haben es schwer in einer Nationalmannschaft”, sagt Bredemeier, denn Linksaußen, Rückraum Mitte und Tor zählen zu den überdurchschnittlich und noch mit jungen Kräften besetzten Positionen. Das Peking bereits eine Perspektive sein könnte, sieht Bredemeier skeptisch: „Bis 2008 müssen die Jungs über sich hinauswachsen.”

Das nächste große Ziel liegt ohnehin in Mazedonien. Gemeinsam mit Schweden haben sich die deutschen Junioren für die Weltmeisterschaft (13. bis 26. August 2007) qualifiziert. „Kroatien und Serbien werden sich dann physisch ganz anders präsentieren”, sagt Heuberger, der seine Spieler für das nächste Kräftemessen stärken muss. „Ich werde denen schon Dampf machen. Die müssen sich körperlich entwickeln. Wenn sie sich da nicht ranhalten, wird das noch prekärer.”

Vielleicht offenbart sich da die Krux der RTK, dass sie in jungen Jahren die großen Jungen übersieht, weil die gestellten Aufgaben vor allem den kleinen und dynamischen Spielern entgegenkommen. Und die Langen lässt man zu leicht links liegen. In der relativ kleinen deutschen Mannschaft ragen derzeit nur Gunnar Dietrich und Dennis Krause (beide 2,03 Meter) heraus. „Langfristig könnten sie es in die Spitze schaffen”, sagt Heuberger, dessen Auftrag weit über Meisterschaften und Medaillen hinausreicht. „Für mich geht es darum, Spieler für Bundesliga und Nationalmannschaft auszubilden.” Und Kandidaten müssen für diesen Weg ein entsprechendes körperliches Format mitbringen und entwickeln. „Nur technisch gekonnt”, sagt Heuberger, „bringt nichts.” Längst ist die RTK deshalb in Teilen überarbeitet worden; mit Brand und dem für die männliche Jugend verantwortlichen Klaus-Dieter Petersen arbeitet Heuberger laufend an Updates.

Als die Junioren noch im Innsbrucker Theresienbräu feierten, hatte Cheftrainer Brand fast wieder Gummersbach erreicht. „Mit einem guten Gefühl” sei er nach Hause gefahren, ließ er wissen. „Jetzt kommt es für die jungen Leuten vornehmlich darauf an, dass sie in den Ligen gefördert und gefordert werden.” Brand hätte seine Bitte auch anders formulieren können: Lasst die Jungs spielen!

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