Heine Jensen über Respekt

Handball-Magazin 10/2009

Als unbekannter Neuling kam der Däne zum HC Leipzig und hat sich mit 32 einen Namen als Meistertrainer gemacht

Interview: Tim Oliver Kalle

Kurze Hose, ein verwaschenes T-Shirt, Sonnenbrille, dazu ein klappriges, rot-weißes Damenrad: Heine Jensen überrascht am vereinbarten Treffpunkt, dem Westausgang des Leipziger Hauptbahnhofes. Eigentlich heißt er Heine Ernst Jensen. Ernst als zweiter Familienname, den er der Mutter verdankt. „Ich sollte den Ernst mehr nutzen, um mir Respekt zu verschaffen”, sagt Jensen vergnügt. Genau darüber wird gleich mit dem 32-jährigen Dänen, der als namenloser Neuling den HC Leipzig auf Anhieb zur Deutschen Meisterschaft und ins Finale des EHF-Cups führte, in einem sonnendurchfluteten Café in der Leipziger Gottschedstraße zu reden sein. „Als Trainer”, sagt Herr Jensen, „bist du ständig Feuerwehrmann. Wenn ein Feuer gelöscht ist, kommt das nächste.” Also dann, los geht es.

HM: Wie viele Dinge mussten Sie heute schon entscheiden?
Jensen: Ich muss immer entscheiden, damit wir uns ständig entwickeln - als Mannschaft und individuell. Zum Beispiel, wie ich an jede einzelne Spielerin herangehe. Also sieben, acht Entscheidungen waren es heute schon.

HM: Wie viel Chef steckt in Ihnen?
Jensen: Es gibt viele Wege, Chef zu werden. Ich versuche, ich selbst zu bleiben und alle auf gleicher Augenhöhe zu treffen - ganz egal, ob es Fans, Journalisten oder Spielerinnen sind. Ich begegne jedem mit Respekt, denn wir haben alle starke und schwache Seiten. In den Augen der anderen muss ich nicht der laute, große Chef sein. Vielleicht bin ich näher an der Mannschaft als andere Trainer, aber ich habe keinen Bedarf an großem Abstand. Ich will, dass wir uns entwickeln und gewinnen - aber ich will auch ein gutes Verhältnis zu den Spielerinnen haben.

HM: Ist es nicht viel leichter, als Chef einer großen Gruppe einfach zu bestimmen?
Jensen: Kann sein, dass es schneller funktioniert - aber wir haben letztes Jahr gezeigt, dass es anders geht, nachdem wir uns gefunden hatten.

HM: War das schwierig?
Jensen: Wenn man vorher einen Trainertyp hat, der - ohne das negativ zu werten - alles klar und direkt entscheidet, und nun jemand kommt, der das etwas runder angeht und hört, welche Ideen aus dem Trainerteam oder der Mannschaft kommen, dann dauert das. Aber wenn etwas entschieden werden muss, mache ich das. Ich sehe meine Aufgabe als Wegweiser. Ich glaube an mich selbst und weiß, was ich will. Ich arbeite hart und loyal, damit es nicht „ich”, sondern „wir” heißt. Das klingt viel besser - und ich bin ein Riesenfan von Mannschaften.

HM: Warum sind Sie so geworden, wie Sie sind?
Jensen: Wir haben zu Hause immer gelernt, andere Menschen mit Respekt zu behandeln. Ich habe nur einmal gemeckert, als ich im Fußball nicht zufrieden war. Meine Eltern haben mich gefragt: Welchen Plan hast du? Wie kannst du dich ändern, damit du besser wirst? Ich habe zwar auch Mitleid bekommen, aber die Situation musste ich lösen. Das Schlüsselwort ist Respekt - sich selbst und anderen gegenüber.

HM: Wie kamen Sie dazu, Trainer zu werden?
Jensen: Als Spieler wechselte ich 2003 nach Norwegen zu Stord IL, doch dort ging der Trainer nach einem halben Jahr. Mannschaft und Präsidium wollten, dass ich die Aufgabe übernehme, was ich auch noch eine weitere Saison getan habe. Stord ist allerdings nur eine kleine Insel mit 20000 Einwohnern - da kam mir das Angebot von Sola HK, einem Klub aus der Nähe Stavangers, sehr recht. Seitdem habe ich nur noch mit Frauen gearbeitet.

HM: Und mussten Ihre Spielerkarriere beenden…
Jensen: In Stord habe ich ohnehin nur das erste halbe Jahr gespielt. Ich war als Rechtsaußen nicht gut genug, um Leistung zu bringen und gleichzeitig den Überblick zu behalten. Ich war dann nur noch Stand-by-Spieler - das Trikot hatte ich immer an, aber genutzt habe ich das kaum. Das war auch Respekt gegenüber meiner Mannschaft.

HM: Sind die Männer mit Ihrer verständnisvollen Art zurechtgekommen?
Jensen: Die hatten selbst den Wunsch geäußert, dass ich ihr Trainer werden sollte. Und ich bin mit ihnen anders als mit den Frauen umgegangen. Beiden musst du aber ab und zu zeigen, wo es lang geht.

HM: Wäre es boshaft, Sie einen Frauenversteher zu nennen?
Jensen: Wenn ich das wäre, hätten wir zum Beispiel nicht am ersten Spieltag gegen Oldenburg in den letzten Minuten fast einen Sieben-Tore-Vorsprung aus der Hand gegeben (lacht). Ich kann mich umstellen und könnte auch als Männertrainer wieder eine vernünftige Arbeit machen, aber ich weiß, dass ich in den Augen vieler noch zu jung dafür bin. Und die Männer-Vereine sind nicht so mutig wie zum Beispiel der HCL.

HM: Staunen Sie noch manchmal, als Cheftrainer in Leipzig gelandet zu sein?
Jensen: Ich bin dafür sehr dankbar. Vieles war von Zufall bestimmt. Ich hatte 2007 das Glück, dass mich mein Vorgänger Morten Arvidsson in Norwegen anrief und mir anbot, Halle-Neustadt zu übernehmen und ein bisschen in Leipzig auszuhelfen. Ohne ihn wäre ich nie hier gelandet.

HM: Wer ist denn zuerst angefragt worden - Sie oder Ihre Lebensgefährtin Mette Ommundsen?
Jensen: Eigentlich beide gleichzeitig. Ich sagte Morten, dass ich mit meiner neuen Freundin zusammenziehen wolle. Er fragte, ob sie Handball spiele. Als er Mettes Namen hörte, nahm er uns beide, denn er brauchte auch eine Rechtsaußen.

HM: Was zu Beginn recht einfach war, hat sich zu einer spannenden Konstellation entwickelt. Denn inzwischen sind Sie auch Trainer Ihrer Partnerin.
Jensen: Ich bin froh, Mette zu haben, denn sie kann die Mannschaft unterstützen, und privat funktioniert das gut. Der Vorteil für meine persönliche Karriere ist, dass Mette nicht mehr 24 ist. Ich dachte schon, die vergangene Saison sei ihre letzte - aber jetzt bin ich mir sehr sicher, dass es diese sein wird. Der Verein hat gewünscht, dass sie weiterspielt, und die Entscheidung habe ich Mette zu hundert Prozent überlassen, denn da habe ich zwei Kutten an: Auf der einen Seite freue ich mich auf das Leben nach dem Handball, auf der anderen Seite weiß ich, dass Mette eine wichtige Spielerin ist.

HM: Wie gelingt es Ihnen, in dieser Partnerschaft den gegen­seitigen Respekt zu bewahren?
Jensen: Handball und Freizeit sind zwei verschiedene Sachen - die Herausforderung gibt es im Umgang mit allen Spielerinnen. Wir haben darüber viel gesprochen. Es wäre nicht fair und mir zu blöd gewesen, wenn Mette wegen eines guten Angebotes für mich ihre eigene Karriere beendet hätte.

HM: Wie ist es, als junger Trainer in Deutschland zu arbeiten?
Jensen: Richtig spannend. Ich war bei den älteren Kollegen willkommen. Da war gegenseitiger Respekt. Ich bin mit offenen Armen aufgenommen worden.

HM: Allerdings gab es viel Skepsis…
Jensen: Was habe ich denn vorher gezeigt? Warum soll so ein unbekannter junger Mann den HC Leipzig trainieren? Ich war vorher nur in Halle und musste erst meinen Wert zeigen. Und ich bin nicht besser als die anderen, nur weil wir Meister sind.

HM: War der Titel für Sie trotzdem ein persönlicher Triumph?
Jensen: Das war toll, aber eher eine Bestätigung, dass ich auf diesem Level etwas zu suchen habe. Ich bin so naiv zu glauben, dass viele meiner Kollegen uns den Erfolg gegönnt haben. Ein Triumph? Ich brauche es nicht, im Vordergrund zu stehen und mich als großen Trainer feiern zu lassen.

HM: Was ist für Sie das Beste?
Jensen: Wenn wir ein Spiel gewonnen haben und alle Journalisten und Fans auf die Mädels stürmen. Ich gehe dann in Ruhe in die Kabine. Freudentränen und Jubel wie beim Gewinn der Meisterschaft in Leverkusen sind das beste Gehalt, das ich bekommen kann. Ich bin vielleicht ein bisschen zu viel im Hintergrund und zu langweilig für die Journalisten. Aber ich bin der Hauptadressat, wenn etwas auf dem Spielfeld nicht gut läuft. Da gibt es keine Diskussion.

HM: Inzwischen sind Sie etabliert und stehen unter dem Druck, das Erreichte mindestens zu wiederholen.
Jensen: Eigentlich ist es blöd, Meister zu werden. Nein, hier in Leipzig ist es eben so, dass die Handballerinnen die Nummer eins der Stadt und die Erwartungen immer hoch sind. Ich sehe das nur positiv. Wenn man erwartet, dass Leipzig immer gewinnt, ist das nicht zufällig, sondern ein Verdienst jahrelanger guter Arbeit. Und egal, was passiert - die Meisterschaft 2009 kann uns niemand nehmen.

HM: Sie haben einmal den ausschließlichen Blick auf Titel als „deutsches Denken” bezeichnet.
Jensen: Ja, weil mir die Außensicht manchmal zu viereckig ist: Wenn wir gewinnen, ist alles gut - wenn wir verlieren, ist alles schlecht. So schwarz und weiß ist das nicht. Auch beim HC Leipzig war nicht alles gut, obwohl wir letztlich Meister waren. Wir haben Zeit gebraucht, um uns zu finden.

HM: All das ging mit leisen Worten?
Jensen: Ich finde es gut, wenn es so rüberkommt, als ob ich immer ruhig sei. Wenn ich immer laut wäre, hörte man irgend­wann nicht mehr hin, aber ab und zu muss ich explodieren, um einige Dinge klarer zu machen. Die Balance zu finden, ist das Geheimnis.

HM: In der sportlichen Balance zu bleiben, wird mit der Champions League noch schwieriger.
Jensen: Ich habe Respekt vor dieser harten Phase mit Bundesliga und Champions League, aber ich freue mich darauf wie ein kleines Kind auf Weihnachten. Wir wissen, dass es eine Stufe höher ist als der EHF-Cup. Wir werden sehen, wie weit wir von den Großen weg sind. Oder wie nah dran.

HM: Reden wir über Ihre Trainerphilosophie. Wie muss eine Mannschaft aufgebaut sein, damit sie funktioniert?
Jensen: Man muss einen Rahmen finden, in dem alle klarkommen. Dazu gehören gegenseitiger Respekt, Vertrauen und gemeinsame Ziele.

HM: Brauchen Sie starke Typen?
Jensen: Ich finde es gut, wenn Probleme innerhalb einer Gruppe gelöst werden. Ich kann natürlich als Chef dazwischenhauen, aber eine Lösung aus der Mitte der Mannschaft ist besser. Wir brauchen starke Typen, die nach vorn treten, wenn es auf dem Feld richtig zur Sache geht - oder andere Konflikte gelöst werden müssen. Insgesamt haben wir eine sehr flache Hierarchie. Wer wann was zu sagen hat, wird von Leistung und menschlicher Akzeptanz bestimmt. Jede Spielerin muss ihre Stärken einbringen - und das ist nicht immer die, die auf dem Spielfeld am lautesten schreit.

HM: Gegen Oldenburg sagte Nationalspielerin Susann Müller bereits nach zehn Minuten, sie fühle sich nicht mehr bereit…
Jensen: Sie sagte, dass andere an diesem Tag mehr helfen könnten, weil sie mental nicht hundertprozentig dabei war. Das habe ich akzeptiert - und wir haben trotzdem unsere Stärke gezeigt. Viele, auch ich selbst, vergessen, dass Susann mit 21 Jahren noch sehr jung ist.

HM: Denken Sie in solchen Momenten an Ihre Autorität?
Jensen: Nein, weil ich dazu im Spiel keine Zeit habe und die Spielerinnen relativ gut kenne. Ich weiß, wie ich Susann wieder auf den richtigen Weg bringen kann. Ihre Aussage ging nicht gegen mich oder die Mannschaft. Ich fand das sehr erwachsen.

HM: Aber das basiert auf sehr großem Vertrauen.
Jensen: Susann hat wie alle anderen ihre Defizite und arbeitet knallhart daran. Selbst Katja Schülke hatte im vergangenen Jahr schlechte Tage, obwohl sie eine insgesamt hervorragende Saison gespielt hat.

HM: Ist es Ihre Mentalität, immer nach vorn zu schauen?
Jensen: Ja, immer. Ich bin ein geborener Optimist. Auch ich muss negative Erlebnisse verarbeiten und daraus lernen. In der vergangenen Saison bin ich nach einem nur knapp gewonnenen Spiel - ich kann mich nicht genau daran erinnern welches - mit einem Gefühl nach Hause gegangen, als ob wir verloren hätten. Ich habe zu mir gesagt, das machst du nie wieder. Gewonnen ist gewonnen, und dass wir besser hätten spielen können… wir sind eben Menschen und keine Roboter. Mein Gefühl war gegenüber der Mannschaft und mir selbst nicht fair.

HM: Bewahren Sie den Optimismus in allen Lebenslagen?
Jensen: Ich probiere es. Zu 90, 95 Prozent schaffe ich das auch. Ich muss ich selbst bleiben. Ich muss meine Arbeit als Heine Jensen machen und kann keine Kopie von irgendjemand sein. Sonst bin ich nicht glaubwürdig. Ich versuche, meinen Spielerinnen rüberzubringen, wie ich das Leben angehe: Schau nach vorn, sei positiv, glaub an dich selbst und an das, was du kannst. Lass keinen deinen Weg stören.

HM: Welche Träume haben Sie als Trainer?
Jensen: Ich lebe in meinem Traum. Ich fange gerade an zu überlegen, welche weiteren Ziele ich habe. Vielleicht zehn Jahre beim HCL, vielleicht National- oder Männertrainer. Wenn ich weiter im Handball arbeiten kann, bin ich froh.

HM: Und Ihre privaten Wünschen?
Jensen: Wie alle anderen möchte ich mit Mette gern eine Familie haben und ein gutes, glückliches Leben führen können. Im Moment geht das richtig gut. Ich denke nicht so viel über das nach, was kommt.

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