„Ich glaube nicht an Wunder”

Handball-Magazin 1/2006

Es war eine Entscheidung der Vernunft, leicht ist sie Daniel Stephan dennoch nicht gefallen. Im HM erklärt er die Gründe für seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft

Interview: Tim Oliver Kalle

Die letzte Dienstreise liegt erst wenige Stunden zurück. Hoch im Norden zum THW Kiel, zurück mit einer 36:40-Niederlage im Achtelfinale des DHB-Pokals. Daniel Stephan, einer der Stars des TBV Lemgo, muss sich pflegen. Tage wie dieser sind Nulltage. Der 32-Jährige läuft ein wenig; sein chronisch schmerzender Ellenbogen verbietet Arbeit mit dem Ball. Weil das Gelenk nur noch widerstrebend dient, erklärte Stephan seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Zur Mittagszeit sprach HM-Redakteur Tim Oliver Kalle mit dem ehemaligen Welthandballer und Europameister über den folgenreichen Entschluss und erfuhr viel über Optimismus und Lebensfreude.

Handball-Magazin: Wie sind Sie in den Tag gestartet?
Daniel Stephan: Viertel vor vier waren wir wieder in Lemgo. Bis halb sechs habe ich noch ein bisschen Zeitung gelesen und ferngesehen. Nach Spielen kann ich eh schlecht schlafen. Um zehn Uhr war Laufen angesagt. Im Stadion haben wir unsere Runden gedreht. Das war es bisher.

HM: Und wie hält sich Ihr Ellenbogen?
Stephan: Im Moment ganz gut. Schmerzen sind obligatorisch. Nach Spielen ist das eben immer so. Diesmal ist er nicht extrem dick geworden. Er reagiert eben verschieden.

HM: Wird es manchmal schwierig, sich morgens den Kaffee einzuschenken?
Stephan: Es ist schwierig, wenn der Ellenbogen bewegt wird. Der wird nicht mehr richtig gerade. Beim Beugen und Anspannen tut er weh. Und eine Plastiktüte am langen Arm zu tragen, geht generell nicht. Aber es ist nicht so, dass ich gar nichts mehr machen kann. Wir haben das in Lemgo so geregelt, dass ich mittwochs und sonntags spielen kann, und dann arbeitete ich zwischendurch eben weniger mit dem Ball. Das funktioniert gut und geht hoffentlich so weiter.

HM: Was genau ist das Problem mit Ihrem Ellenbogen?
Stephan: Er schmerzt bei jeder Bewegung. Der Knorpel ist angefressen, eine Arthrose hat eingesetzt. Da kann man keine Besserung erwarten.

HM: Deshalb sind Sie aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Haben Sie sich schon daran gewöhnt, über diesen Teil Ihrer Karriere nur noch im Rückblick zu reden?
Stephan: Das ist sehr schwierig. Die anderen Jungs erzählen im Training von der Nationalmannschaft. Ich merke, dass ich mitreden möchte, und nehme mich dann zurück, weil ich ja nicht mehr dazugehöre. Das alles ist Teil eines langen Prozesses. Es hatte Monate gedauert, bis ich mich entscheiden konnte.

HM: Wie leben Sie mit dem Entschluss?
Stephan: Ich bin enttäuscht, traurig und auch erleichtert, dass eine Entscheidung getroffen worden ist. Ich habe wirklich wahnsinnig viel überlegt und nach Möglichkeiten gesucht, wie es vielleicht doch noch hätte weitergehen können. In jedem ruhigen Moment kreisten die Gedanken um die Nationalmannschaft. Die Entscheidung habe ich getroffen und akzeptiert. Leicht ist mir das nicht gefallen, aber man kann nicht in Schlangenlinien durchs Leben gehen.

HM: Mussten Sie sich die Worte für Ihren Rücktritt am 22. November lange zurechtlegen?
Stephan: Man denkt im Vorfeld mal kurz dran, wie man es sagt, aber ich hatte kein Konzept. Am Vortag hatte ich es mit dem Bundestrainer besprochen. Eigentlich wollten wir es noch hinauszögern, aber da waren die ganzen Fragen nach der Rückkehr von Markus Baur und mir und den deshalb steigenden Chancen bei der kommenden Europameisterschaft. Wir wollten die Leute nicht für dumm verkaufen, deshalb haben wir es schnell öffentlich gemacht.

HM: Für Sie war das Reifen des Entschlusses ein langer Prozess. Wie haben Sie Heiner Brand darauf vorbereitet?
Stephan: Gerade das Wie hat mir viele Kopfschmerzen bereitet. Ende Oktober habe ich beim Supercup Heiner und Halli (Mannschaftsarzt Dr. Berthold Hallmeier, Anm.d.Red.) aufgezählt, wie viele Verletzungen es gab, wie ich wegen des Ellenbogens trainiere und dass ich daran denke, nicht mehr in der Nationalmannschaft zu spielen. Sie haben es zur Kenntnis genommen. Es gab dann Gedanken, bei einer EM oder WM nur einen Teil der Spiele zu bestreiten, aber damit habe ich mich nicht befasst. Das kam von meiner Seite überhaupt nicht in Frage. Ich war jedenfalls froh, dass ich es über die Lippen gebracht hatte. Halli ist seit langem ein guter Freund, und der Bundestrainer hat immer auf mich gesetzt. Nach dem ersten Gespräch habe ich mir dann alles noch einmal überlegt. Das war schon ziemlich zermürbend, weil mir klar geworden ist, dass es keinen Sinn mehr macht, aber mein Herz an der Nationalmannschaft hängt. Es war eine so schöne Zeit mit so viel Spaß. Das alles aufzugeben, war hart.

HM: Warum gab es noch die Einladung zum letzten Lehrgang in Halle/Westfalen?
Stephan: Der Bundestrainer sollte mich noch einmal auf die Liste setzen, damit wir noch einmal in Ruhe reden konnten. Sonntag kamen wir an, Montag nach dem Frühstück bin ich zu Heiner aufs Zimmer gegangen und habe ihm gesagt, dass es keinen Sinn mehr hat. Da hat man großes Herzklopfen, da ist man aufgeregt. Dass der Bundestrainer so verständnisvoll reagiert hat, meinen Schritt akzeptiert und mich versteht, war ganz wichtig für mich. Es wäre sehr schwer geworden, wenn es anders gewesen wäre, denn ich habe Heiner viel zu verdanken.

HM: Kehrten in jenen Stunden auch Gedanken an die ersten Einzelgespräche 1997 wieder, als Brand gerade als Bundestrainer angetreten war?
Stephan: Nein, das nicht. Aber am Vorabend war alles sehr seltsam, weil ich als einziger wusste, was auf mich zukam. Wir hatten alle zusammen gesessen, aber das war sehr traurig - ich wusste einfach, dass es der letzte Abend war, dass ich am nächsten Morgen aufhöre. Das tat schon richtig weh.

HM: Und das eigentliche Gespräch?
Stephan: Der Heiner ist auch nicht so ein emotionaler Typ, ähnlich wie ich. Aber wir haben beide geschluckt, als es raus war. Ihm und mir war klar, dass es da kein Zurück gibt.

HM: Haben Sie auf dem Weg zu Ihrem Entschluss Hilfe bekommen?
Stephan: Ich möchte nicht pausenlos herausposaunen, wie es mir geht. Ich bin ein Typ, der das alles mit sich selbst ausmacht. Damit bin ich immer ganz gut gefahren. Letztlich muss ich entscheiden.

HM: Aus dem letzten Trainingslager haben Sie Ihr frisch beflocktes Trikot mitgenommen. Wollten Sie überhaupt keine Spuren mehr hinterlassen?
Stephan: Ich hatte noch kein neues Trikot. Es war ein Abschluss, als ich zu Tom Schneider (Team-Koordinator der Männer-Nationalmannschaft, Anm.d.Red.) aufs Zimmer gegangen war. Ich habe elf Jahre in der Nationalmannschaft gespielt, das war zum Schluss einfach ein Symbol, ein Erinnerungsstück. Es war ja immer eine Ehre, für Deutschland zu spielen.

HM: Unter zahlreichen Bildern aus Ihrer Karriere fallen vor allem zwei auf: im olympischen Viertelfinale der verwandelte Siebenmeter gegen David Barrufet und Sie mit einem Lorbeerkranz auf dem Haupt und der Silbermedaille vor der Brust. Sie sehen da glücklich aus. Waren das Ihre emotionalsten Momente?
Stephan: Das Härteste war das Viertelfinale gegen Spanien. Man hat gar nicht mehr mitbekommen, was da abging. Ich wusste gar nicht, wohin ich den letzten Siebenmeter der Verlängerung geworfen habe. Ich war überzeugt rechts oben. Am anderen Tag sah ich, dass es links oben war. Da war so viel Anspannung, und mir sind so viele Gedanken durch den Kopf gegangen… Normalerweise denke ich beim Siebenmeter, den haue ich jetzt rein, aber da habe ich nur auf unsere Mannschaft gesehen, Blacky, Zebu, Kretzsche: Wenn ich den Siebenmeter verwerfe, hören die auf. Es ging gar nicht mehr um Olympia und das Weiterkommen. Es kam mir vor, als ob der Weg zur Siebenmeterlinie eine halbe Stunde gedauert hätte. Den Ball reinzumachen war Glück pur, obwohl wir damit noch nicht am Ziel waren. Und nach dem Siebenmeterwerfen, als ich die Arme ausstrecke und alle zu mir kommen, das war der emotionalste Moment in der Nationalmannschaft. Es gab auch andere tolle Augenblicke, zum Beispiel die EM 2004, als mir nach dem Achillessehnenriss viele nicht zugetraut hatten, dort gute Leistungen zu bringen. Oder zwei Jahre zuvor die EM in Schweden, als wir den Titel fast gewonnen hatten. Oder 1998 Bronze. Aber nicht die Medaillen waren so wichtig, ich habe mich immer gefreut, zur Nationalmannschaft zu kommen und diese Atmosphäre zu spüren.

HM: Was ist mit dem Silbermedaillen-Bild aus Athen?
Stephan: Ich war wohl einer der wenigen, die schon kurz nach dem Spiel mit sich im Reinen waren. In der Nacht habe ich zu Blacky gesagt, eigentlich möchte ich jetzt auch aufhören. Aber zwei, drei Wochen später war ich neu motiviert, noch einmal eine Mannschaft aufzubauen. Es hätte noch so schöne Ziele gegeben, die EM in der Schweiz, 2007 die WM im eigenen Land und als Abschluss die Olympischen Spiele in Peking - so hatte ich mir das vorgestellt. Wir haben junge Spieler, das wäre eine schöne Aufgabe gewesen, aber mir ist jetzt etwas anderes wichtig.

HM: Was denn?
Stephan: Viele sagen, ich hätte so viel Pech gehabt, aber ich möchte vermitteln, dass das nicht so ist. Welcher Spieler erreicht denn so viel wie ich? Die Erfolge mit Lemgo und der Nationalmannschaft kann mir keiner mehr nehmen. Dass ich oft verletzt war und keine WM gespielt habe, das sind Fakten, aber ich versuche, die negativen Dinge hinter mir zu lassen und die positiven mitzunehmen. Das gelingt mir.

HM: Mit Ihrem standhaften Optimismus passen Sie nicht so recht ins Bild der oft so pessimistischen Deutschen.
Stephan: Ich will immer das Positive in den Vordergrund stellen, dann kann man das Leben auch besser genießen. Auch in Lemgo werde ich doch nicht aufs Altenteil gehen. Ich kann mittwochs und samstags Spiele hundertprozentig bestreiten und möchte mit dem TBV noch sehr viel erreichen. Ich kann mir sogar vorstellen, auch nach 2008 noch ein oder zwei Jahre zu spielen. Manchmal ist das zwar alles ein großer Kampf, aber auch durch die schwierigen Zeiten in der Reha bin ich nur mit positivem Denken gekommen. An dieser Stelle möchte ich mich auch nochmal bei Peter Gräschus und seinem Rehateam bedanken, denn mit deren Unterstützung habe ich es in den langwierigen Rehaphasen immer wieder geschafft, nach oben zu kommen. Ich kann nur allen raten, nicht immer rumzunörgeln, sondern einen Schritt nach vorn zu machen und das Gute zu sehen.

HM: 1999 mussten Sie sich zum ersten Mal fit spritzen lassen, seit einem Jahr brauchen Sie nach jedem Spiel Tabletten gegen den Schmerz.
Stephan: Schmerztabletten sind in der Bundesliga weit verbreitet. Es gibt auch bei uns Spieler, die vor jedem Spiel eine Voltaren nehmen. Das ist insgesamt nichts Unübliches. Bei mir schmerzt der Ellenbogen mal mehr, mal weniger, aber ich komme damit klar. Es ist für mich kein Graus, noch in der Bundesliga zu spielen. Ich habe das im Griff, und wir machen in Lemgo das Beste daraus. Die Leistungen der letzten Monate waren in Ordnung, da kann ich mich nicht beschweren.

HM: Trotzdem sind die meisten Spiele für Sie schmerzhafte Erlebnisse. Ist das nun Masochismus, Sucht nach Handball oder ein unstillbarer Spieltrieb?
Stephan: Unser Pokalspiel in Kiel, das war so intensiv - da denkt man nicht an den Schmerz danach. Das lasse ich völlig raus. Es macht einfach noch Spaß. Das ist der große Antrieb. 2008, wenn die Saison losgeht, wäre ich gerade 35. Wenn es körperlich nicht abwärts geht, hänge ich noch ein, zwei Jahre dran.

HM: Haben Sie in den letzten Monaten häufiger über die Zukunft, die Zeit nach dem Handball nachgedacht?
Stephan: Überhaupt nicht. Meine Gedanken kreisten nur um die Nationalmannschaft, ob dort ein Weitermachen noch realistisch gewesen wäre.

HM: Sind Sie durch die vielen Schläge der letzten Jahre gelassener geworden?
Stephan: Ich bin sicherlich gereift. Durch die Verletzungen und die WM-Absagen habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie ich damit ganz gut umgehen kann. Ich habe einfach gelernt, Entscheidungen zu akzeptieren, dazu zu stehen und nicht zu wanken.

HM: Wie stark ist der Glaube an ein Wunder, dass es medizinische Hilfe für den Ellenbogen gibt und Sie 2007 bei der WM wieder für Deutschland spielen könnten?
Stephan: Dieser Glaube ist nicht ausgeprägt. Wir haben alles getan, Heilpraktiker aus China und Knorpelaufbauspritzen ins Gelenk - es hat nicht geholfen. Die Chance ist gleich Null. Ich werde allerdings mit den Jungs fiebern. Früher habe ich es immer vermieden, zu einer WM zu fahren, aber in Deutschland werde ich der Mannschaft vor Ort die Daumen drücken.

HM: Gegen die Bezeichnung Pechvogel haben Sie sich stets mit dem Hinweis auf Ihre Erfolge  gewehrt. Mit Pech, sagten Sie, wäre all das nicht möglich gewesen. Was bedeutet denn eigentlich Glück für Sie?
Stephan: Wenn man es nicht speziell auf den Sport bezieht, gesund zu sein. Also nicht krank. Verletzungen haben damit gar nichts zu tun. Glück ist, wenn man Spaß am Leben hat und Freude verspürt. Ja, die darf man nicht verlieren.

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