Zwischen Halle und Hof

Handball-Magazin 6/2007

Handball und Landwirtschaft sind kaum unter einen Hut zu bringen. Torfrau Clara Woltering probt trotzdem den täglichen Spagat

Von Uli Hartmann

Rocky war so ein Naturbursche. Zum Trainieren ist er in den sibirischen Wald gegangen, hat mit nacktem Oberkörper Bäume gefällt und Holz gehackt und dann den Russen Drago umgeboxt. Aber das war Hollywood. So was glaubt einem sowieso keiner. Auch Clara Woltering nicht. Die 24-Jährige aus Leverkusen ist auch Sportlerin, auch sie mag Natur und Tiere und erzählt, vom Melken bekomme man stählernde Muskeln in den Unterarmen. Das hilft ihr beim Sport allerdings nicht wirklich. Clara Woltering spielt Handball. Sie steht im Tor. Da muss man sich verbiegen, braucht schnelle Reflexe und nicht primär Muskeln in den Unterarmen. Außerdem übernehmen das Melken heutzutage meistens Maschinen.

Handball und Landwirtschaft sind nicht wirklich unter einen Hut zu bringen. Nicht einmal von Clara Woltering. Handball und Landwirtschaft sind wie ihre Zeigefinger, die sie zur Veranschaulichung des Problems aneinander hält, und die es wieder auseinanderzieht, als die Torfrau über ihre Zukunft spricht. Sie lässt die beiden Zeigefinger wie zwei Raketen in unterschiedliche Richtungen fliegen und sagt: „Die Wege, die ich gehe, passen irgendwie nicht zusammen.” Und doch geht sie hartnäckig beide. Seit zwei Jahren schon, und noch für weitere drei. Die Torhüterin des Bundesligisten Bayer Leverkusen und der deutschen Nationalmannschaft beendet in diesem Sommer ihre Ausbildung zur Landwirtin. An­schlie­ßend lässt sie sich drei Jahre zur Agrar-Betriebswirtin weiterbilden. Handball spielt sie außerdem. Nicht nebenher. Sondern mit der gleichen Energie. Das zerrt an den Nerven und den Kräften. In diesem Sommer stand sie mit Leverkusen in den Endspielen um die Meisterschaft, nur zwei Tage nach dem Rückspiel in Nürnberg hatte sie ihre schrift­liche Abschlussprüfung. Anfang Juli folgt die praktische. Das schlaucht. Tags­über Bauernhof, abends Training, wochenends Spiele. „In diesem Jahr merke ich, dass ich an meiner Belas­tungsgrenze angelangt bin”, sagt sie. Doch sie lächelt dabei und wirkt gar nicht müde.

Clara Woltering ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Natürlich. Sie hat ihre Kindheit auf dem elter­lichen Hof im münsterländischen Coesfeld als Idylle in Erinnerung und sagt: „Ich wollte schon als Kind Bauer werden.” Dabei mag sie den Begriff Bauer gar nicht, weil er „negativ belegt” ist. Der Beruf gefällt ihr aber trotzdem, sie ist wohl genetisch vorbelastet. Also wird sie Landwirtin, ein Entschluss, der vor zwei Jahren gereift ist, nachdem sie ohne Spaß zwei Semester Betriebswirtschaft in Köln studiert hat. „Viel zu trocken.” Clara Woltering braucht Action, und manchmal, denkt sie heute, hat sie fast ein bisschen zuviel davon. „Wenn morgens um sechs der Wecker klingelt, denke ich oft: Mist, die anderen liegen jetzt noch im Bett, und ich muss raus.” Trotzdem fährt sie von Leverkusen nach Burscheid und kümmert sich den ganzen Tag um mehrere Hundert Kühe, die auf dem Thomashof Milch für den Käse geben. Viermal die Woche ist sie dort, einmal pro Woche muss sie in die Berufsschule, und dann noch jeden Abend zum Training. Manchmal ist nach dem Training noch Videoanalyse.

Sie pendelt zwischen Kuhstall und Handballtor, und manchmal, wenn die Zeit zwischen Arbeit und Sport sogar zum Umziehen zu knapp ist, wird sie in der Kabine der Ulrich-Haberland-Halle von den Teamkolleginnen ausgemuht. „Mit einem herzlichen Muh!”, sagt sie lachend. Dann hat sie ein bisschen Stallgeruch angenommen. Das kommt aber nicht so oft vor, denn sie riecht gar nicht gern nach Kuh. Obwohl sie ihre Viecher wirklich lieb hat. Sie hat sogar eine Lieblingskuh. Die Nummer 442. Für so viele Kühe gibt es keine Namen. So ein Doppelleben ist anstrengend. Aber Clara Woltering will es so. Vor fünf Jahren hatte sie einen Kreuzbandriss, „da wurde mir klar, wie schnell das mit dem Handball vorbei sein kann”. Sie denkt dabei an ihre Zukunft, an die Zeit nach dem Sport und an den elterlichen Hof, den sie vielleicht übernimmt. Das Managen eines Betriebs betrachtet sie als Herausforderung und gesellschaftliche Aufgabe: „Die Kinder wissen heute gar nicht mehr, woher die Milch kommt. Die denken, Kühe sind lila. Ich möchte das Image der Landwirtschaft aufwerten.” Und das in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Rahmen­daten dafür immer schwieriger werden. Doch schwieriger wird auch ihre eigene Karriereplanung.

Clara Woltering kann noch gut und gern zehn Jahre Handball spielen. Aber was wird zwischenzeitlich aus dem Hof der Eltern? Und was macht sie, wenn sie noch ein zweites Mal ein lukratives Angebot von einem spanischen Klub bekommt? Oder von einem aus Dänemark, wo man mit Handball richtig Geld verdienen kann? In drei Jahren ist ihre Ausbildung zur Agrar-Betriebswirtin zuende. „Ich bin froh, wenn diese Doppelbelastung vorbei ist”, sagt sie. Zumal auch die sportlichen Herausforderungen nicht weniger werden. Im Dezember ist die Weltmeis­terschaft in Frankreich. Nächstes Jahr sind Olympische Spiele in Peking. Das ist ihr größter sportlicher Traum. „Ist die eine Hürde übersprungen, dann kommt gleich die nächste”, sagt Clara Woltering. Bis jetzt steckt sie die Strapazen ganz gut weg. „Man ist halt schnell müde”, sagt sie, aber ihre Spiel­anteile im Verein und im Nationalteam, jeweils in Konkurrenz zur Torhüterin Sabine Englert, hat sie bisher trotzdem bekommen. Den einen oder anderen Lehrgang im Nationalteam hat sie absagen müssen. „Kann ich aber nicht ändern”, sagt sie. „Ist halt so.” Echte Zweifel an ihrem Doppelleben sind ihr noch nicht gekommen. Dazu ist ihr beides zu wichtig. Das Leben besteht nämlich nicht nur aus Handball. Aber auch nicht nur aus Bauernhof.

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