Helden in grün und weiß

Handball-Magazin 12/2007

Mannschaften des Jahrhunderts: Die Männer von Frisch Auf Göppingen waren Pioniere. 1960 gelang ihnen der erste Europapokalsieg einer deutschen Mannschaft

Von Jürgen Frey

Sein lückenloses Archiv zu Hause in Bad Boll vor den Toren Göppingens dient als
kleine Gedächtnisstütze. Doch auch ohne einen Blick in die akribisch beschrifteten, zahllosen Ordner weiß Bernhard Kempa, wie die Überschriften in den Zeitungen nach dem großen Triumph von Paris lauteten: „Hallenhandball in Vollendung, Hallenhandball in Perfektion oder Kempas Zauberlehrlinge unerreicht - so waren die Texte überschrieben”, erzählt der legendäre Handballer mit leuchtenden Augen. Die Rede ist vom 18:13-Sieg im Jahr 1960 im Stade de Coubertin gegen den dänischen Meister GF Aarhus. Kempa feierte am 19. November dieses Jahres seinen 87. Geburtstag. Er hat viel erlebt im Handball - so viel wie wenige andere. Der Sieg mit Frisch Auf im Landesmeister-Cup war auch für ihn, den damaligen Trainer, etwas ganz Besonderes.

Es war der erste Cupgewinn einer deutschen Mannschaft auf internationaler Ebene. Und es war der erste von zwei Europapokalsiegen der Schwaben, die auf nationaler Ebene insgesamt elf Deutsche Meisterschaften (die letzte 1972) feierten. „Wir waren unheimlich motiviert in dieses Endspiel gegangen”, erzählt Kempa so lebhaft, als sei die Schlusssirene erst gestern ertönt. Der Hauptgrund: Im Jahr zuvor hatte Frisch Auf auch schon im Europacupfinale gestanden, gegen die Schweden von Redbergslids Göteborg, ebenfalls in Paris, aber die Göppinger hatten 13:18 verloren. Das sollte nicht noch einmal passieren. Und tatsächlich drehten die Grün-Weißen ein Jahr später den Spieß um und gewannen mit dem gleichen Resultat. Das Göppinger Heimatblatt Neue Württembergische Zeitung zitierte Ernst Feik, den damaligen Präsidenten des Deutschen Handballbundes: „Das war das schönste Spiel, das ich je sah.” Weiter schrieb die NWZ: „Burkhardts­maier, Grill, Speidel, Meister, Vollmer, Weiß, Jarosch, Röhm, Pohl und Schmauder sorgten dafür, dass der von der französischen Sportzeitung L’Equipe gestiftete silberne Pokal nicht in die mit 150000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Dänemarks, sondern nach Göppingen ging. Mit einer schlechthin vollendeten Leistung hat der Deutsche Meister Frisch Auf vor 4000 Zuschauern, darunter etwa 150 deutsche Schlachtenbummler, einen Erfolg erzielt, der die Siegesserie in den letzten Wochen krönt und ihn zur erfolg­reichsten Handballmannschaft der Welt macht.”

Göppingen hatte unmittelbar vor dem Europacup-Triumph innerhalb von 14 Tagen zum achten Mal die süddeutsche Meisterschaft und zum fünften Mal den deutschen Meis­tertitel geholt - durch einen 6:3-Endspielsieg über den TV Hassee-Winterbek Kiel mit Hein Dahlinger. Die Fans in der handballbegeisterten Stadt unterm Hohenstaufen platzten vor Stolz. Und zur Belohnung gab es für die Helden in Grün und Weiß den Silberlorbeer, die damals höchste Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland, aus der Hand des damaligen Präsidenten des Deutschen Sportbundes, Willi Daume. Was es an Barem gab? „Fünf Mark Siegprämie für jeden Spieler, dazu noch einen Anzug”, erinnert sich Kempa.

Es waren die goldenen Zeiten von Frisch Auf. Eingeleitet wurden sie im Jahr 1947 mit dem Zuzug von Bernhard Kempa ins Filstal. Mit seiner Familie war er aus Oberschlesien vertrieben worden und hatte sich, nach einem Aufenthalt in München, mit seinen Brüdern Gerhard und Achim sowie der Schwester Anni in Göppingen niedergelassen. Kempa war nicht nur auf dem Spielfeld eine erhebliche Verstärkung, er brachte auch enorme Impulse in taktischer und technischer Hinsicht. Der inzwischen verstorbene ehemalige Sportredakteur Heinrich Reinemer beschrieb Monsieur Handball in einem Frisch-Auf-Buch mit dem Titel Höhen und Tiefen wie folgt: „Kempa war ein exzellenter Handballspieler, ein Besessener seiner Sportart, Auswahlspieler von einst und fortan der Kopf der jungen Frisch-Auf-Garde. Und geschöpft hat er aus Heinrich Zellers Fohlenstall.”

Dr. Zeller, praktischer Arzt und Jugendleiter, war eine weitere Schlüsselfigur; er war der gute Geist der Göppinger Rasselbande. „Bei ihm, in seinem Garten, in seinem Heim, ging die Saat auf, die der Gärtner Kempa weiter pflegte und hegte”, schrieb Reinemer über den heutigen Ehrenpräsidenten. Deshalb nannte man die Frisch-Auf-Asse von damals einfach nur Kempa-Buben. Das änderte sich auch nicht, als deren Schläfen schon grau zu werden begannen.

Frisch Auf profitierte in dieser Hoch-Zeit von seiner ausgezeichneten Jugendarbeit. Erst recht als ein schwerer Unfall im Jahr 1953 den Club schockierte. Auf der Rückreise von Hamburg waren zwei Fahrzeuge, in denen Frisch-Auf-Spieler saßen, verunglückt. Einige der Göppinger Handballer  mussten ihre Karriere daraufhin beenden. Die Vereinsleitung setzte nun noch stärker auf den Nachwuchs und beförderte die sehr erfolgreiche A-Jugendmannschaft eine Etage höher in den aktiven Bereich. Das Vertrauen in dieses Team wurde großartig belohnt: Ein Jahr später, 1954, holte Frisch Auf in Krefeld gegen den Polizei-SV Hamburg die erste Deutsche Meisterschaft. Von der gezielten Nachwuchsförderung profitierte nicht nur der Verein, sondern auch die Nationalmannschaft. Edwin Vollmer, Gerhard Grill, Fritz Jarosch, Horst Spatz Singer und einige mehr vertraten Göppingen auch auf der internationalen Bühne. Apropos Singer - er war der wohl genialste Spieler, den Frisch Auf je hervorgebracht hat. Doch beim legendären ersten Europacup-Erfolg 1960 war der Linkshänder nicht mit dabei. Singer war zum Lokalrivalen Turnerschaft Göppingen gewechselt und hatte den Nachbarverein zur württembergischen Spitzenklasse geführt.

Beim zweiten Europapokal-Erfolg von Frisch Auf im Jahr 1962 war Singer dann aber am Ball - und mittendrin im Scheinwerferlicht des Ruhms. Erneut in Paris setzte sich das Team nach einer Leistung voller Leidenschaft mit 13:11 gegen die Jugoslawen von Partizan Bjelovar durch. Die Partie ging als Skandalspiel in die Geschichtsbücher ein. Da das französische Publikum mit den Entscheidungen des Schweizer Schiedsrichters Lerch nicht einverstanden war, warfen sie hunderte von leeren Getränkebüchsen aufs Feld. Kempa erlebte dieses denkwürdige Spiel nicht mit. Der Studienrat an der Pädagogischen Hochschule Ess­lingen hatte ein Jahr zuvor aus beruflichen Gründen das Traineramt nieder- und bis 1966 eine Pause eingelegt. Viele Spieler aus seiner Jahrhundertmannschaft von 1960 standen jedoch auch beim zweiten - und bisher letzten - Europacup-Triumph von Frisch Auf auf dem Feld. Kempas lückenloses Archiv zu Hause in Bad Boll hat auch das dokumentiert.

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