
Mit der EURO im eigenen Land plant der österreichische Handballbund den lang ersehnten Aufschwung
Von Arnulf Beckmann
Dass man aus Mettwurst kein Marzipan machen kann, weiß der TV-Konsument mit Anspruch nicht erst, seit ein gewisser Herr Stromberg, Hauptfigur der gleichnamigen Büro-Satire-Serie, diese unumstößliche Wahrheit verkündet. Doch wer zurzeit einen Blick auf den österreichischen Handball wirft, gewinnt den Eindruck, dass sich die Verbandsoberen im Vorfeld der EURO 2010 (19. bis 31. Januar) exakt daran versuchen. In weniger als zwei Monaten soll in der Alpenrepublik nicht nur der Kampf um die kontinentale Krone ausgetragen werden. Die Spieler Austrias haben zusätzlich den Auftrag, einer Randsportart in ihrer Heimat zum Durchbruch zu verhelfen. Nichts weniger. „Die EURO ist für uns eine Riesensache”, sagt Martin Hausleitner, Generalsekretär des ÖHB, „und wir wollen die damit verbundene Chance nutzen.”
Und sei sie noch so klein. Die EURO – und das scheint bei der Europäischen Handball-Föderation Programm zu sein – findet mal wieder in einem Land statt, dessen Nationalmannschaft nur bedingt Anschluss zur Weltspitze hat. Stellen wir uns einmal der Realität. Das Team Austria konnte sich in seiner Historie weder für eine EM noch für Olympia qualifizieren. Lediglich 1993 gelang der Sprung zu einer A-WM, nachdem ein Jahr zuvor die Qualifikation im eigenen Lande gespielt wurde. Das Ergebnis allerdings war niederschmetternd: Österreich wurde 14. unter 16 teilnehmenden Teams. Die österreichische Handballliga – kurz HLA genannt – spielt derzeit mit insgesamt zehn Teams, von denen es kein Klub schafft, regelmäßig 1000 Besucher und mehr in die Hallen zu locken. Der Topverein aus Bregenz wirtschaftet mit einem geschätzten Etat von rund 1,5 Millionen Euro. Was im Nachbarland ausreicht, um regelmäßig um die Meisterschaft mitzuspielen, sichert in der Bundesliga noch nicht einmal das sportliche Überleben.
Möglicherweise sind solche Vergleiche unfair. Aber viel bewegt hat sich in den vergangenen Jahren nicht. Noch immer ist Andreas Dittert der bekannteste Protagonist seiner Kunst im Lande. Und das, obwohl der seine Karriere schon vor vielen Jahren beendete. Conny Wilczynski hingegen, einer seiner Epigonen, war vor eineinhalb Jahren erfolgreichster Werfer der TOYOTA HBL, ist allerdings in der Heimat weitgehend unbekannt. Und doch ist er einer der wenigen, die der Verband bis zum Beginn der EURO Mitte Januar zu einem Star aufbauen möchte. Der 27-jährige Linksaußen mit Vertrag bei den Füchsen Berlin bleibt angesichts der Masse an PR-Terminen im Vorfeld der Veranstaltung entspannt. „Schließlich”, so sagt er, „kommt uns das am Ende sicher zugute.”
Als Botschafter seiner Sportart muss er das sagen. Doch hat er verbandsintern eine Vielzahl von Mitstreitern. „Das Projekt EURO”, so Hausleitner, „läuft bei uns im Hause schon seit dem Jahr 2004.” In dieser Zeit haben die fleißigen Helfer rund um diese Großveranstaltung zahlreiche Anleihen ideeller Natur aufgenommen. Egal ob Fußball-WM 2006, Fußball-EM 2008, Handball-WM 2007 oder die EURO 2008 in Norwegen – immer waren Vertreter des österreichischen Verbandes vor Ort, um sich über Organisations- und Marketingfragen schlau zu machen. Die wichtigste Erkenntnis, die Hausleitner dabei herausfilterte, war die, dass nicht der Erfolg der eigenen Mannschaft im Vordergrund steht, sondern das Event selbst.
Aus diesem Grunde hat sich das Organisationskomitee frühzeitig entschieden, nicht auf die Hallen zurückzugreifen, in denen der Ligaalltag sein tristes Dasein fristet, sondern in große und moderne Arenen zu gehen. Erstaunlicherweise wird dieses Konzept angenommen. Mitte November waren bereits knapp 50000 der insgesamt 110000 Tickets verkauft. Ganz weit vorn dabei war neben dem Standort der österreichischen Mannschaft auch Innsbruck als Vorrundenspielort der DHB-Auswahl. „Das Match gegen Schweden”, so Hausleitner, „ist mit 8000 Zuschauern schon fast komplett ausverkauft.” Ähnliches gilt für die Standorte Graz (mit Kroatien) und Wien (mit Ungarn). „Wir brauchen das internationale Publikum”, sagt Hausleitner, „wenn wir finanziell erfolgreich sein wollen.”
Immerhin ist die Veranstaltung mit insgesamt acht Millionen Euro budgetiert, ob am Ende gar ein Gewinn übrig bleiben wird, muss sich zeigen. Die Partnerschaft mit der Kronen-Zeitung, dem auflagenstärksten Blatt des Landes, trägt erste Früchte. Und schon seit Wochen wirbt der ORF für die Live-Übertragungen der EURO. Der Sender wird im Kanal 1 alle Spiele des Gastgebers übertragen, in Kanal 2 alle anderen Spiele. Das mediale Covering dieses Events kann sich sehen lassen. „Doch wir mussten uns jeden Zentimeter hart erarbeiten.”
Inzwischen existieren bereits Konzepte zur nachhaltigen Nutzung des sportlichen Großereignisses, um ein eventuell mögliches, durch die EM ausgelöstes mediales Beben in der Alpenrepublik im Sinne des Handballs umzusetzen. Dass dabei enge Kooperationen mit Schulen und ein landesweit gespanntes Netz von Leistungszentren entstehen sollen, gilt hierzulande gerade mal als das kleine Einmaleins des Erfolgsmanagements. Nichtsdestotrotz hält Martin Hausleitner den österreichischen Handballbund für bestens präpariert für die Zeit nach der EM. „Wir haben schon jetzt begonnen”, sagt der Generalsekretär des ÖHB, „eine Nachhaltigkeit zu sichern.”
Ganz offenbar hat da ein Verband aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Im Verlaufe seiner Geschichte stand der ÖHB schon einmal an der Schwelle zum Massensport. Doch eine medial bemerkenswert begleitete B-WM im Jahre 1992, bei der die Österreicher auch noch erfolgreich waren und vor 10000 Besuchern in Wien lediglich das Finale gegen Norwegen verloren, blieb damals ohne Effekt. „Weil es den Verband völlig unvorbereitet traf”, sagt Hausleitner.
Sportlich gilt in Österreich das Prinzip Hoffnung. In einer Vorrundengruppe mit Titelverteidiger Dänemark, Olympia-Silbermedaillengewinner Island und Serbien sind alle Prognosen Makulatur. Linksaußen Wilczynski hofft dabei auf die eigene Stärke. Auch weil insgesamt zwölf Spieler des EM-Kaders als Legionäre im Ausland unterwegs sind, acht allein in der TOYOTA HBL, darunter Viktor Szilagyi und Patrick Fölser. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt an die Weltklasse herangearbeitet”, sagt Wilczynski, „deshalb wollen wir in jedem Fall in die Hauptrunde einziehen.”
Bei Lichte betrachtet muss das Team Österreich allerdings gegen alle drei Vorrundengegner als Außenseiter gelten. Deshalb hofft auch Trainer Dagur Sigurdsson, Isländer und im Nebenjob Trainer der Füchse Berlin, auf die Euphoriewelle, die seine Mannschaft durch das Turnier tragen soll. Außerdem sagt er: „Wir können weit mehr, als wir in den vergangenen Jahren gezeigt haben.” Und wenn doch alles schief gehen sollte, bleibt immer noch der moralische Sieg. Und die Gewissheit, für die Gegenwart alles getan zu haben und für die Zukunft präpariert zu sein.

Dem österreichischen Verband bietet sich nach dieser EM eine Riesenchance. Er muss sie aber auch nutzen
Von Arnulf Beckmann
Eine Handball-Europameisterschaft in Österreich? Wie soll das gehen? Leere Hallen, amateurhafte Organisation und eine Gastgebermannschaft, die schon nach der Vorrunde die Segel streicht. Das kann nie funktionieren. So war die einhellige Meinung vieler Experten, als bekannt wurde, dass die Europäische Handball-Föderation es tatsächlich gewagt hatte, der Alpenrepublik – besser gesagt: dessen Handball-Verband – die Verantwortung für das kontinentale Kräftemessen 2010 zu überantworten. Doch schon die ersten Spieltage dieser EURO straften alle Skeptiker Lügen.
Eine Handball-Europameisterschaft in Österreich? Geht! Und als zum Ende endlich Bilanz gezogen werden konnte, verkündete Tor Lian, Norweger und Präsident des Kontinentalverbandes EHF, in alter Samaranch-Manier: „In der Geschichte der Europameisterschaften war dies das bislang beste Turnier.” Solch Lob aus berufenem Munde schmeichelte den anfangs belächelten Gastgebern, war allerdings keineswegs bloße skandinavische Höflichkeit. Im Gegenteil: Sie hatten es allen Skeptikern gründlich gezeigt. Denn was der ÖHB in Linz, Graz, Innsbruck, Wiener Neustadt und Wien auf die Beine gestellt hatte, überzeugte. Die insgesamt neunte EM darf als die Veranstaltung in die Geschichte eingehen, die in Sachen Organisation eine neue Qualität darstellt. „Vor allem der neue Setzmodus”, so Lian, „hat sich bewährt.”
Was er damit meinte? Die vier Vorrundengruppen wurden erst nach der Auslosung den Spielorten zugeordnet – unter Berücksichtigung regionaler Gesichtspunkte. So kam es, dass die kroatische Mannschaft im grenznahen Graz spielte, die Ungarn in der Wiener Neustadt und die DHB-Auswahl im deutschlandnahen Innsbruck. Die Rechnung ging auf. Tausende der jeweiligen Fans reisten zur EM, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Der Zuschauerschnitt lag nach Vor-, Haupt- und Finalrunde bei knapp 6000 Besuchern pro Match, insgesamt kamen 280000 zu den 47 Spielen. Die Endrunde in der Wiener Stadthalle war an beiden Finaltagen mit 10000 Besuchern auch ohne österreichische Beteiligung nahezu ausverkauft. „Diese EM”, so Markus Hausleitner, „hat unsere Erwartungen weit übertroffen.”
Als Generalsekretär des österreichischen Verbandes weiß er natürlich, dass nicht zuletzt auch die Mannschaft des Gastgebers maßgeblichen Anteil daran hatte. Von Spiel zu Spiel sammelte das vom Isländer Dagur Sigurdsson trainierte österreichische Team mehr Sympathiepunkte, schaffte nach der Auftaktniederlage gegen Norwegen zunächst gegen Island ein Unentschieden, wobei der Mannschaft das Kunststück gelang, drei Treffer in den letzten 60 Sekunden aufzuholen, sicherte sich mit einem 37:31 gegen Serbien die kaum erwartete Hauptrunden-Teilnahme und strickte beim 23:26 gegen Kroatien an der eigenen Legende, weil sich das Team – und mit ihm ein ganzes Volk – nach dem Match von den Schiedsrichtern betrogen fühlte. „Die Handball-Welt”, so hieß es in einer großen Tageszeitung des Landes, „pfeift auf Österreich.” Wir gegen den Rest Europas – das schmiedete die Fans zusammen und hatte womöglich einen noch größeren Effekt als ein Erfolg gegen die Handball-Supermacht. „Wir haben hier Großes vollbracht”, sagte Conny Wilczynski, wie sein Coach bei den Füchsen Berlin unter Vertrag, „und allen gezeigt, dass Österreich auch eine echte Handball-Nation ist.”
Unbestritten: Bei der Eigendynamik, die diese Veranstaltung aus österreichischer Sicht entwickelte, fühlte man sich ein wenig an die WM 2007 in Deutschland erinnert, als Spieler wir Holger Glandorf, Pascal Hens oder Henning Fritz plötzlich ein ganz normales Volk in Handballenthusiasten verwandelten. Das kleine Wintermärchen der Alpenrepublik hatte dann auch noch ein richtiges Happy End, als das Team Österreich in der Endabrechnung sogar einen Platz besser abschnitt als die Auswahl des DHB. Im Handball vor dem großen Bruder zu stehen, das schien vor der Veranstaltung so unwahrscheinlich wie Schneefall in Istanbul. Aber hin und wieder gibt es auch das. „Die Spieler haben noch nicht begriffen”, so Sigurdsson, „was sie hier geleistet haben.”
Müssen sie auch so rasch nicht. Sie haben jetzt Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Gefragt ist indes der Verband, will man den Fahrtwind dieser EM nutzen und die Sportart entwickeln. Nicht zuletzt auch aufgrund der TV-Übertragungen erfuhr Handball in der zweiten Januarhälfte einen Riesenschub. Diese Auswirkungen seien schon jetzt zu spüren, so Tirols Handball-Präsident Thomas Czermin. „Früher habe ich von jedem Fan das Geburtsdatum gekannt, jetzt sprechen mich fremde Menschen auf Handball an und sind begeistert.”
Die Frage ist, wie lange die Begeisterung anhält. Knapp zwei Wochen nach der EURO beginnen in Vancouver die Olympischen Winterspiele. In einer Skifahrer-Nation wie Österreich ein Event von höchstem medialen Interesse. Könnte sein, dass zwischen Wien und Innsbruck schon dann niemand mehr von dieser Europameisterschaft redet. Der WM-Gewinn 2007 traf in Deutschland auf eine begeisternde Bundesliga und einen funktionierenden Verband mit Strukturen. Die vom DHB nachgelegte Impulskampagne und viele andere Projekte schufen das Fundament für einen gewaltigen Popularitätsschub der Sportart. Das alles fehlt in Österreich. Wäre schade, wenn der Handball wieder in den Turnhallen von Bregenz, Hard und Tulln verschwindet.
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