Carsten Lichtlein 2003 in einem Länderspiel gegen Russland. – Foto: picture-alliance

Wie eine Wand

Handball-Magazin 8/2002

Auch Arturs Sohn macht als Torwart des TV Großwallstadt Karriere. Mit Geduld möchte der große Junior langfristig einen Platz in der Nationalmannschaft bekommen

Von Tim Oliver Kalle

Dem Talent des Carsten Lichtlein kann man sich mit einer Zahl nähern: 202. Dazu stellt man dann noch die Maßeinheit Zentimeter. Dieser Wert und jede Menge Geschick, Bälle zu halten, haben den 21-Jährigen zum derzeit aussichtsreichsten Torwart der Bundesliga werden lassen. Angreifer, die auf ihn zufliegen, schüchtert er längst ein. „Wenn ich rauskomme, ist das Tor zu”, sagt Lichtlein und lächelt freundlich. Dabei strahlt er ebenso viel Souveränität aus wie bei seiner Arbeit für den Bundesligisten TV Großwallstadt. Dessen Chef-Etage schätzt sich glücklich, den Junior zum starken Mann aufpäppeln zu können. „Carsten hat die Chance, in Deutschland die Nummer eins zu werden”, sagt Großwallstadts Manager Siggi Roch, der selbst Torwart war und 38 Länderspiele bestritt. Auch Trainer Peter Meisinger schwärmt von dem hoch talentierten Mann: „Die Art, wie er sich bewegt, ist sensationell für sein Alter.” Früher diente dem jungen Lichtlein vor allem Stefan Hecker als Vorbild. Als 12-Jähriger sah er den Oldie der Bundes­liga mal leibhaftig spielen. Doch von jenem Ideal musste sich der immer größer werdende Junge lösen. „Hecker ist ein ganz anderer Torwart”, sagt Lichtlein heute. „Ich bin mehr der Steher, der große Typ.” Trotzdem setzt er sich durch.

Weil Chrischa Hannawald und Henning Fritz im November beim Länderspiel gegen Österreich fehlten, kam Lichtlein neben Ramota sogar zu seinem ersten Einsatz im A-Team. Dabei hielt der Neuling so prächtig, dass sich Bundes­trainer Heiner Brand nachher verhielt wie der Dortmunder Fußball-Trainer Matthias Sammer und vorsichtshalber den Nörgler gab. Jaja, der Junge habe ein paar sehr gute Bälle gehalten, sagte er fast widerwillig. Lieber sprach er von einigen Distanzwürfen, über die man noch reden müsse, und bat, „Carsten Lichtlein noch nicht als Nationalspieler zu betrachten”. Der junge Mann sollte lediglich spüren, „dass er unter Beobachtung steht”. Für alles weitere müsse er hart arbeiten.

Eben das kann Lichtlein seit Jahren. Als er noch beim Verbandsligisten TG Würzburg-Heidingsfeld spielte, fuhr er Woche für Woche nach Aschaffenburg, um dort mit dem TVG zu trainieren. Im Sommer wohnte er sogar bei seiner Oma, um sich mit den Bundesliga-Stars auf die Saison vorzubereiten. „Carsten ist nichts zu viel”, sagt Meisinger noch heute. 1999 wechselte Lichtlein zum damaligen Drittligisten TV Kirchzell – der Talentschmiede nahe Großwallstadt, die auch die Bundesliga-Außen Bernd Roos und Heiko Grimm hervorbrachte – und setzte sich dort auf Anhieb durch. Eine Saison darauf unterschrieb er beim TVG einen Drei-Jahres-Vertrag.

„Wir haben Carsten früh beraten”, sagt TVG-Manager Roch. „Damit ist er ganz gut gefahren.” Ebenso wie der Bundesligist, der zuletzt 1990 als Deutscher Meister große Zeiten erlebte. Denn Lichtlein ist ein „Kind der Region” (Roch) und damit eine Identifikationsfigur des Vereins. Auch Vater Artur war ein Handball-Torwart. 1973 gewann er mit Großwallstadt die deutsche Meisterschaft auf dem Großfeld und gehörte zu jenem legendären Ensemble um Josef Karrer.

Ramotas Wechsel zum TBV Lemgo war ein Glücksfall

Trotzdem gab es vor der vergangenen Saison viele kritische Stimmen, weil sich die Mainfranken nach dem Wechsel von Nationaltorwart Christian Ramota zum TBV Lemgo allein auf den unerfahrenenen Lichtlein und dessen Kompagnon Felix Beck (25) verließen. Roch erinnert sich noch an das „große Geschrei, wie wir so etwas tun konnten”. Wenige Wochen später wuchs das Vertrauen in Lichtlein langsam – das handball magazin hielt ihn neben Bennet Wiegert (SC Magdeburg) und Sebastian Preiß (THW Kiel) sogar für einen der Aufsteiger der Saison. Gerade Ramotas Abgang war für Lichtlein ein Glücksfall. Die Chance, viel spielen zu dürfen, könnte jedoch in der kommenden Saison zur Last werden. Nach Becks Wechsel zum Zweit­ligisten Friesenheim fand der TVG mit dem erfahrenen Volker Hoffmann aich einen zweiten Mann, der Lichtlein in schwächeren Moment helfen kann.

„Mir fehlt noch die Ruhe”, gesteht Lichtlein kritisch. Zum Beispiel in den Duellen mit den starken Außen der Liga. Kiels Däne Nikolaj Jacobsen nervte ihn in seinem ersten Spiel in der Ostseehalle mit drei Legern in Folge. „Ich muss lernen, auch mal am Pfosten stehenzubleiben, und nicht zu agieren, sondern zu reagieren.” Und zudem muss er gelassener an Auswärtsspiele herangegehen – ein Manko, das ihn und seine Kollegen in fremden Hallen zu einer der schwächsten Mannschaften hat werden lassen. „Ich werde noch härter trainieren und noch besser mit der Abwehr kooperieren”, verspricht Lichtlein, der nach seiner Zeit als Soldat in der Sportförderkompanie Bruchsal im September eine Ausbildung in einem Steuerbüro beginnt.

Spielpraxis zählt für ihn mehr als finanzieller Profit

Das Zweifachspielrecht für Kirchzell wird er wohl nicht mehr wahrnehmen. In Großwallstadt steht Lichtlein noch bis 2003 unter Vertrag. Wie seine Zukunft aussehen könnte, lässt er noch offen, aber einem Prinzip möchte er gern treu bleiben: „Ich gucke nicht auf das Finanzielle. Wichtig ist für mich Spielpraxis, damit ich mich weiterentwickeln kann.” So soll sein Weg langfristig auch wieder in die Nationalmannschaft führen. Entweder als Nach­folger von Henning Fritz und Christian Ramota oder als Konkurrent des etablierten Gespanns. „Ich muss halt warten können”, sagt Lichtlein und lächelt.

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