Uwe Gensheimer. - Foto: Axel Heimken

Jedermanns Liebling

Uwe Gensheimer ist der Glücksfall im Konzept der Rhein-Neckar-Löwen und aufregendster Linksaußen des Landes. Der Local Hero kommt aus dem Hinterhof der SAP-Arena

Von Tim Oliver Kalle

Adrenalin und Algebra, das sind die Punkte, die im Leben dieses jungen Mannes am weitesten auseinander liegen. Sonntags in der SAP-Arena für mehr als 13000 Zuschauer ein Held, bundesweit zu bewundern im Deutschen SportFernsehen, und montags wieder gelandet auf der Schulbank des Mannheimer Ludwig-Frank-Gymnasiums im Kampf mit den Tücken der Mathematik. Aufstrebender Star und angehender Abiturient: Uwe Gensheimer schwirrt zwischen den Polen hin und her.

Die WM 2007 könnte mehr als eine aufregende Phantasie sein

Vielleicht werden die Zeiten für den 19-jährigen Linksaußen der SG Kronau/Östringen bald noch aufregender: Sechsmal hat er schon in der Männer-Nationalmannschaft gestanden. Dass Bundestrainer Heiner Brand den Stern des Jünglings bereits bei der WM 2007 im eigenen Land aufgehen lässt, ist vielleicht weit mehr als eine aufregende Phantasie.

In seinem ersten Jahr in der stärksten Liga der Welt gelangen Gensheimer in 30 Spielen 167 Tore (davon 57 Siebenmeter). Der 29-jährige Hamburger Torsten Jansen (28, 118/30) und der von Großwallstadt nach Kiel wechselnde, drei Jahre ältere Dominik Klein (32, 134/12) gingen mit niedrigeren Werten in die Statistik ein. Daraus könnte man sehr forsch Ansprüche ableiten, aber Gensheimer sagt: „Ich muss erstmal meine Leistung stabilisieren und konstant werden. Die anderen hatten mich als Neuling in der Liga noch nicht so auf der Rechnung.” Dabei bewies er bereits Konstanz und spielte eine ebenso starke Rück- wie Hinrunde.

Erfüllt sich der Traum von einer Teilnahme an der Weltmeisterschaft im eigenen Land (19. Januar bis 4. Februar), so könnte dieser Erfolg den jungen Mann auf eine extreme Probe stellen: Nebenbei muss er sein Abitur bauen. Mathematik, Deutsch, Englisch und Sport sowie Wirtschaft als Neigungsfach bilden eine anspruchsvolle Aufgabe.

Seit Mai 2005 kümmern sich Björn Schultz und Erik Göthel um Gensheimers Geschäfte. Der 32-jährige Schultz, der selbst eine Kinder- und Jugend-Sportschule besuchte und in Eisenach 2. Liga spielte, und der gleichalte Göthel, als Rechtsaußen noch für den Regionalliga-Neuling SG LVB Leipzig aktiv, zählen zu den Jungen in der Branche der Spielerberater. Schultz sagt: „Uwe ist eines der größten Handballtalente in Deutschland. Ein sehr bodenständiger Mensch und vollkommen geerdet.” Gensheimer kann der bürgerliche Nachfolger des schrillen Stefan Kretzschmar werden, der als Linksaußen jahrelang die Maßstäbe für Klasse und Prominenz setzte.

Vielleicht kann Gensheimer trotz des wachsenden Hypes um seine Person den Bodenkontakt gar nicht verlieren, weil er die heimische Scholle noch nicht verlassen hat. Wenn er nach großen Spielen aus der SAP-Arena tritt, muss er nur fünf Kilometer fahren, bis er im Mannheimer Süden ankommt. Friedrichsfeld, ein Vorort mit dörflichem Charakter, ist seine Heimat. Dort liegt die Gaststätte des TV 1892, seines ersten Vereins, direkt an der Hauptstraße. Es gibt dort keine Shopping Mall, und die meisten Läden strahlen den Charme der achtziger Jahre aus. Gensheimer hat hier ein festes Fundament für seine Karriere geschaffen.

Der darauf aufbauende Masterplan seines Beraters fußt auf einer knappen Aussage. „Wichtig ist, dass Uwe spielt”, sagt Schultz. Und dass sich sein Klient mittelfristig in der Nationalmannschaft etabliere. „Alles andere müssen wir kanalisieren.” Im September soll eine Internetseite online gehen, um mehr Präsenz für die Person Gensheimer zu schaffen. In Mannheim ist er längst der Local Hero und jedermanns Liebling.

Für den aufstrebenden Bundesligisten Kronau/ Östringen hat sich der Glücksfall Gensheimer längst zum Konzept entwickelt. „Uwe ist das Zugpferd in der Region”, sagt Ulrich Schuppler. Der Manager der Rhein-Neckar-Löwen kann messen, wie gut der talentierte Rechtshänder als Werbeträger funktioniert: Im Merchandising ist Gensheimers Trikot neben dem des arrivierten Oleg Velyky einer der Hauptumsatzposten. Schuppler muss sich mühen, die Wünsche nach Autogrammstunden gleichmäßig auf das Team zu verteilen.

Löwen-Manager Schuppler redet von einem Zehn-Jahres-Vertrag

Gensheimer ist derzeit der einzige gebürtige deutsche Top-Spieler der SG Kronau/Östringen und ein Sohn der Region. Ein Marketingmann nennt das Unique Selling Proposition, kurz USP – ein Alleinstellungsmerkmal und somit einzigartiges Verkaufsargument. Das spürt Gensheimer täglich, denn sein Konterfei ist im Stadtbild nicht zu übersehen. Es leuchtet ihm von Plakaten und der Straßenbahn entgegen. Trotzdem sei es wichtig, die gesamte Mannschaft darzustellen, sagt Schuppler. „Wir wollen hier keine Denkmäler aufbauen.”

Bis 2008 steht Gensheimer bei der Spielgemeinschaft im Wort. „Uwe ist fester Bestandteil unserer Zukunftsplanung”, sagt Schuppler. „Wenn er will, kann er hier einen Zehn-Jahres-Vertrag unterschreiben.” Gensheimer und der THW Kiel flirteten miteinander, doch das Ziel Abi 2007 gab den vielleicht entscheidenden Ausschlag, vorerst zu bleiben und seinen ersten Profivertrag frühzeitig zu verlängern. „Hier sind meine Wurzeln, das ist mein Umfeld”, sagt Gensheimer. „Mal sehen, wie sich das alles entwickelt. Der Verein ist in Aufbruchstimmung.” Kronau/Östringen, erst im letzten Sommer wieder in die Bundesliga aufgestiegen, kann sich zu einem Riesen der Branche und mächtigen Gegenspieler des Rekordmeisters THW Kiel entwickeln. Der Einzug ins Pokalendspiel nach dem Halbfinal-Erfolg gegen Kiel war nur der erste Schritt.

Christian Zeitz war der Spieler vor Gensheimer, der die badischen Grenzen durchbrochen hat. Zu seiner Zeit gab es noch keine SAP-Arena, selbst die SG war noch nicht geschaffen. Obwohl der Linkshänder den TSV Östringen 2001 in die Bundesliga führte, erreichte er in der Rhein-Neckar-Region nie die Dimension Gensheimer. Um zu wachsen, musste Zeitz zum THW Kiel gehen.

Auch Schultz denkt über die Grenzen der Stadt hinaus, doch dabei geht es ihm nicht um einen Wechsel – er möchte die Person Gensheimer „auf den deutschen Handball projizieren”. Ein spezielles Image werde er nie schaffen, „das macht Uwe selbst”. Ohnehin stecken in dem ruhigen Badener viele Zutaten, die einen angehenden Starspieler auszeichnen. „Er ist unheimlich telegen”, sagt Schultz. „Uwe bringt Spaß auf die Zuschauerränge. Die Leute mögen ihn, und das nehmen sie mit.” Gensheimer ist der spektakuläre Gute-Laune-Spieler, der trotz der ihn umgebenden Aufruhr unaufgeregt und bescheiden bleibt.

Die Bilder fügen sich zu einer liebenswerten Geschichte zusammen: Gensheimer als Schüler in Mannheim, der im Stundenplan jede Lücke nutzt, um selbstständig an Kraft und Schnelligkeit zu arbeiten, während die Profis der SG die Frühschicht bestreiten. Der Junge, der noch daheim bei Vater Dieter und Mutter Marcela im Dachgeschoss eines Reihenhauses wohnt. Der Teilzeit-Star, der die Massen mit Tricks und Toren verzaubert.

Mit Schmitt strebt der TV 1862 Friedrichsfeld nach Höherem

Die Karriere begann für ihn mit fünf Jahren bei den Minis des TV 1862 Friedrichsfeld. Freunde aus dem Kindergarten brachten ihn dorthin. Bernhard Weber war damals „der Trainer, der mich gefordert hat”, sagt Gensheimer. In der B-Jugend standen er und die anderen Friedrichsfelder im Finale der süddeutschen Meisterschaft. Sie scheiterten erst am späteren Deutschen Meister TV Kornwestheim. Mit dem damaligen Gegner Gunnar Dietrich spielte Gensheimer mittlerweile für die DHB-Junioren. 2003 wechselte er zum großen Nachbarn Kronau/Östringen, spielte für die Jugend und die in der Regionalliga beheimatete Reserve. Auch im Bundesliga-Team kam er viermal zum Einsatz, musste jedoch dabei den Abstieg in der Relegation gegen Schwerin erleben. Im selben Sommer folgte mit der Jugend-EM sein erstes internationales Turnier. „Ich wollte diesen Weg gehen und weit nach oben kommen”, sagt Gensheimer. Sein Stammverein hat dem berühmten Sprössling jedoch nicht nach oben folgen können. Der Kreisligist strebt mit dem neuem Übungsleiter Frank Schmitt nach Höherem. Der 38-jährige war mal bekannt als EM-Teilnehmer 1994 und Bundesligaspieler in Niederwürzbach.

Dass Gensheimer weiter nach oben drängt, ist in jeder Hinsicht nur eine Frage der Zeit. „Er trainiert zu wenig”, sagt sein Trainer Iouri Chevtsov. Weil die Schule nur eine Einheit pro Tag erlaubt, lebt der Linksaußen bisher vor allem von seinem Talent. Auch deshalb glaubt Manager Schuppler, dass „Uwe erst in zwei Jahren auf der Höhe seines Leistungsvermögens” sein werde.

Aussicht auf einen EM-Erfolg mit den Junioren in Innsbruck

In diesem Sommer gönnte er sich zum ersten Mal seit drei pausenlosen Jahren etwas Urlaub. „Bis jetzt habe ich das alles gut verkraftet”, beteuert Gensheimer. Viel Pause blieb nach den Tagen auf Mallorca nicht. Mit der Junioren-Auswahl bereitet er sich auf die EURO in Innsbruck (10. bis 19. August) vor. „Ich freue mich schon, dass ich wieder wegkomme”, sagt der mit 32 Einsätzen erfahrenste Spieler der U20-Auswahl. Vor zwei Jahren gewann der deutsche Nachwuchs den EM-Titel. Allein die Aussicht auf solch einen Erfolg wirkt für den Junior beflügelnd.

Das Porträt erschien in HM 8/2006.

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