Andreas Rudolph. - Foto: Sascha Klahn

Andreas Rudolph über Macht

Der 51 Jahre alte Unternehmer rettete den HSV Hamburg 2004 durch einen Griff ins Portemonnaie vor der Pleite. Rudolph gilt als Heilsbringer und umstrittener Mäzen

Von Frank Heike

HM: Herr Rudolph, Ihnen wird immer wieder die Gutsherrenart vorgeworfen, nach der Sie den HSV führen, nach dem Motto: Wer das Geld gibt, bestimmt. Mit Ihnen verbindet man markige Aussagen. Ärgert Sie das?
Rudolph: Man fordert mich immer wieder zu Kampfansagen heraus. Die Journalisten sind es ja, die mich anrufen, nicht umgekehrt.

HM: Sie müssen ja nicht antworten.
Rudolph: Ich bin aber ein höflicher Mensch! Wer mich anruft, bekommt eine Antwort. Ich gebe ja zu, dass ich polarisiere. Aber das muss man in der Medienstadt Hamburg auch. Das gehört zu meinem Job. Ich führe seit Jahren erfolgreich Unternehmen. Ich bin es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Wenn jemand, so wie ich, plötzlich als Retter auftritt beziehungsweise auftreten muss, wird er auch in eine bestimmte Position hineingedrückt. Es ist schon richtig: Wenn es mich im Dezember 2004 nicht gegeben hätte, wäre der HSV nicht mehr da. Ich habe meine berufliche Karriere auch dem Handball zu verdanken und wollte damals etwas zurückgeben. Dass es so viel wird, habe ich allerdings nicht vermutet.

HM: Sie führen den HSV also nicht nach Gutsherrenart?
Rudolph: Wir treffen uns meist einmal in der Woche an diesem Tisch, an dem auch wir gerade sitzen. Piet Krebs, Dierk Schmäschke, Christian Fitzek, Martin Schwalb und ich. Außerdem trifft sich natürlich auch das Präsidium regelmäßig. Dann wird über alles gesprochen. Ich führe meine Unternehmen teamorientiert. Das gilt auch für den Handball. Ich bin froh, wenn ich viele gute Leute um mich habe.

HM: Müssen die guten Leute um Sie herum Alpha-Männchen sein?
Rudolph: Nicht nur ich, Schwalb, Krebs und viele andere sind Alpha-Tiere. Aber ich mag den Begriff nicht. Jeder muss erst einmal seine Position vertreten. Es hat keinen Sinn, wenn man nur Mitläufer um sich hat, die immer nur nicken. Dann kann ich gleich allein entscheiden. Auch Bob Hanning war jemand, der seine Entscheidungen immer durchfechten wollte. Ich muss allerdings sagen, dass Schwalb ein Teamspieler ist. Hanning war das nicht.

HM: Es ist nicht gerade zurückhaltend, wenn Sie  den THW Kiel verbal attackieren und für 2010 die Champions League ins Visier nehmen.
Rudolph: Das mit der Champions League 2010 habe ich gesagt. Man muss sich doch Ziele setzen. Wenn man keine Visionen hat, hat man keine Träume mehr. Unser Traum ist es, die Champions League zu gewinnen. Nur mit sportlichem Erfolg haben wir in Hamburg eine Chance gegen den Fußball und gegen die Freezers, das Hamburger Eishockeyteam. Wir sind hier zum Erfolg verdammt.

HM: Ärgern Sie sich denn nun über die Bezeichnung Gutsherr, wenn Sie morgens im Büro den Stapel Hamburger Zeitungen lesen?
Rudolph: Sie täuschen sich. Ich lese nicht alle Zeitungen. Am Anfang habe ich das schon gemacht. Da habe ich mich über die Ungerechtigkeit der Berichterstattung geärgert. Ich hatte in meinem früheren Job ja höchstens mal etwas mit einem Fachmagazin zu tun. Jetzt rief plötzlich jeder an. Ich hatte wenig Erfahrung. Inzwischen weiß ich, dass Journalisten sich als kritisch empfinden müssen. Ich habe damit kein Problem mehr. Über manches ärgere ich mich: Gutsherrenart. Das entspricht nicht dem, was die Leute von mir denken, mit denen ich zusammenarbeite.

HM: Sie fördern dieses Image aber durch Ihre Aussagen und Ihr Auftreten. Haben Sie eigentlich ein dickes Fell?
Rudolph: Die Journalisten müssen ihren Job machen. Ich habe nicht den Anspruch, dass mich jeder richtig kennen sollte. Es ist mir lieber, auch mal Privatsphäre und Ruhe zu haben. Das Leben ist ja eine Balance. Wenn es gut bei uns läuft, kann ich Kritik etwas besser verkraften.

HM: Gerade beim THW Kiel schaut man skeptisch nach Hamburg. Uwe Schwenker meint, Sie könnten irgendwann die Lust am Handball-Sponsoring verlieren.
Rudolph: Erst einmal: Zu Flensburg haben wir ein viel besseres Verhältnis als zu Kiel. Mit Herrn Schwenker habe ich noch kein Bier getrunken. Wir treffen uns bei offiziellen Anlässen. Ich habe großen Respekt vor Kiels und Schwenkers Leistungen. Mit denen möchte ich mich noch nicht vergleichen. Klar ist, dass Kiel Angst hat und neidisch auf uns guckt, weil wir in Hamburg die bessere Basis haben - aber auch erst dann, wenn sich sportliche Erfolge einstellen. Natürlich sind wir im Wettbewerb mit Kiel, einer Stadt, die ja nur 70 Kilometer entfernt ist. Allerdings ist es nicht so, wie in Kiel oft behauptet wird, dass wir finanziell alles schnell gebacken bekommen, nur weil wir 1,8 Millionen Einwohner in Hamburg haben. Wir kämpfen um Sponsoren. Durch die WM sind die Türen allerdings weiter aufgestoßen worden.

HM: Ihre kämpferischen Aussagen werden auch deshalb so kritisch gesehen, weil Ihnen der Handball-Stallgeruch fehlt. Auch ein Klischee?
Rudolph: Ich bin als Gummersbacher Junge zum VfL gegangen und habe dort Mitte der sechziger Jahre mit dem Handball begonnen. Ich habe früh Jugendliche trainiert und dort gelernt, Menschen zu führen und zu motivieren. Ich bin handballfanatisch. Ich war sogar mal in der Bundesliga und habe den Abstieg des OSC Reinhausen verwaltet. Ich war Trainer der 2. Mannschaft und eines Jugendteams. Als der Cheftrainer entlassen wurde, habe ich die letzten Spiele abgewickelt. Das war am Ende meines Studiums. Ich habe mich dann entschieden, den Handball nur noch nebenbei in der Regionalliga weiterzuführen, bin mit 32 Jahren ausgefallen, weil ich mir alle Bänder im linken Knie gerissen habe. Ich behaupte heute noch - Schwalb wird das ungern hören - ich wäre ein besserer Trainer als Präsident.

HM: Muss er sich Sorgen machen?
Rudolph: Nein, wir haben lächelnd darüber gesprochen.

HM: Sie sind seit dem Verkauf Ihres Unternehmens HSC 2001 vermögend. Haben Sie finanziell ausgesorgt?
Rudolph: Der Verkauf war sehr erfolgreich. Ich hoffe, finanziell ausgesorgt zu haben. Allerdings könnte sich das bald ändern, wenn ich beim HSV so weitermache (lacht).

HM: Drei Millionen Euro sollen es allein bis Mitte 2006 gewesen sein, die Sie in den Verein gesteckt haben. Es heißt, Sie verdürben die Preise auf dem Transfermarkt.
Rudolph: In den letzten anderthalb Jahren haben wir jeden Spieler, den wir haben wollten, zu reellen Bedingungen bekommen.

HM: Yoon verdient also nicht 350000 Euro im Jahr?
Rudolph: Dazu sage ich nichts. Aber es ist weniger.

HM: Sie zahlen also marktübliche Preise?
Rudolph: Zuerst schauen wir, ob ein Spieler zur Mannschaft passt. Wir müssen auch wissen, welche Perspektiven er hat. Seit wir im Januar den Vertrag mit Oleg Velyky abgeschlossen haben, kursiert die Meldung, Kronau habe zu wenig Ablöse angeboten bekommen, um Oleg vorzeitig freizugeben. Wir halten unser Vorgehen aber für realistisch und konform mit den Statuten der HBL. Wir haben auch für Bruno Souza eine angemessene Ablöse an Göppingen gezahlt. Wenn Kronau nun mehr will, zeigt das, dass wir nicht inflationär zahlen. Natürlich hätten wir ihn am liebsten schon im Februar gehabt. Aber wir gehen nicht über Grenzen. Auch wenn wir es könnten.

HM: Der HSV kann es, weil Sie könnten?
Rudolph: Er kann es auch wegen mir.

HM: Der HSV, für immer an Sie gebunden?
Rudolph: Wir arbeiten daran, dass es sich ändert. Ich kann nicht mehr geben, als ich jetzt schon tue.

HM: Spanische Verhältnisse wie bei Ciudad Real existieren beim HSV nicht?
Rudolph: Dagegen sind wir eine kleine Nummer.

HM: Was ist, wenn Schwalb sagt: Den will ich?
Rudolph: Dann reden wir offen darüber. Hier am Tisch.

HM: Und wenn es um Weltstars geht?
Rudolph: Wir haben doch schon welche. Pascal Hens ist der weltbeste Halblinke. Dazu Torsten Jansen, die Gille-Brüder, Nick Yoon. Wir leisten uns im Gegensatz zu anderen Klubs auch deutsche Nationalspieler. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Omeyer, Karabatic und bald Jicha in Kiel weniger verdienen als Hens oder Jansen. Ich bin sehr dafür, dass in deutschen Mannschaften auch deutsche Nationalspieler spielen. Wir haben Schröder wieder zum Nationalspieler gemacht, wir kriegen Bitter und Velyky, Dann haben wir fünf deutsche Nationalspieler, und nicht gerade Mitläufer. Den Flensburgern und Kielern sage ich: Die Nationalmannschaft unterstützt ihr nicht.

HM: Was passiert, wenn Schwalb nach Ivano Balic verlangt?
Rudolph: Wenn Martin kommt und sagt, Balic brauche ich, dann garantiere ich Dir den Sieg in der Champions League, dann ginge das nicht über unseren finanziellen Rahmen hinaus. Da kann er kosten, was er will.

HM: Wer garantiert, dass Sie die Lust an Ihrem Spielzeug nicht verlieren?
Rudolph: Darum geht es gar nicht. Meine Firma ist auch Werbepartner des HSV. Einen Handballklub können wir super nutzen, um Kundenkontakte zu pflegen. Der HSV ist nicht persönlich von mir abhängig. Ich kann mir gut vorstellen, dass der HSV mittelfristig auch ohne mich auskommen wird. Der einzige Grund für einen Rückzug als Präsident ist der ganze Zeitaufwand, der mit der Aufgabe verbunden ist. Aber wenn Sie mich hier und heute danach fragen: Es ist absolut absurd, dass ich sage: Morgen höre ich auf.

Dies Interview erschien in HM 6/2007. Ein weiteres führte HM-Chefredakteur Arnulf Beckmann für HM 4/2011.

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