Junioren-Weltmeister 2009. - Foto: picture-alliance

The next generation

Handball-Magazin 8/2009

Der Nachwuchs des DHB steht im August vor internationalen Bewährungsproben. Das HM bat Kathrin Blacha und Martin Heuberger zum Gespräch

Interview: Arnulf Beckmann

Wenn die Großen Pause haben oder sich auf die kommende Saison vorbereiten, hat der Nachwuchs seine wichtige Zeit. Vom 6. bis 19. August tritt das Juniorenteam bei der Weltmeisterschaft in Ägypten an, das weibliche Pendant startet vom 14. bis zum 23. desselben Monats bei den kontinen­talen Titelkämpfen in Ungarn. Das HM unterhielt sich mit Martin Heuberger, der mit den vorherigen Jahrgängen der Junioren bereits zwei EM-Titel gewann und bei der vergangenen WM 2007 Zweiter wurde, und mit Kathrin Blacha, Co-Trainerin sowohl des A-Teams als auch der Juniorinnen unter Rainer Osmann.

HM: Sie, Herr Heuberger, werden in Ägypten bereits Ihre vierte WM erleben. Ist man da noch aufgeregt?
Heuberger: Eine gewisse Grundaufregung ist bei jeder Großveranstaltung dabei. Du spielst ja immer wieder mit einer komplett neuen Mannschaft, was jedes Mal auch wieder eine neue Herausforderung mit sich bringt. Aber noch hält sich das alles in Grenzen.

HM: Für Sie, Frau Blacha, ist es die erste Juniorinnen-Europameisterschaft. Wie ist das für Sie?
Blacha: Die Anspannung wird zunehmen, je näher das erste Spiel rückt. Bei uns war ja schon die Qualifikation für die EM nicht ohne. Das Team hatte sich zuvor noch für keine Großveranstaltung qualifizieren können. Da war die Nervosität schon besonders groß.

HM: Haben Sie die Mannschaft optimal vorbereiten können?
Blacha: Alle haben für ihre Urlaubszeit aufgrund einer Leistungsdiagnostik individuelle Trainingspläne – man könnte auch sagen: Hausaufgaben – bekommen, um sich in dieser Zeit optimal vorzubereiten. Wir spielen in einer superschweren Vorrundengruppe, in der wir auf Welt­meister Russland und den WM-Zweiten Serbien treffen. Das sind hohe Hürden.

HM: Auch wenn es Kaffeesatzleserei ist: Welche Chancen hat unser Nachwuchs bei den bei den jeweiligen Großveranstaltungen im August?
Blacha: Wenn wir zu einer EM oder WM fahren, dann wollen wir auch mit einer Medaille zurückkommen. Aber das ist natürlich sehr schwer. Intern werden wir über eine Zielsetzung  erst nach den Testspielen gegen Frankreich sprechen.
Heuberger: Das gilt auch für uns. Alles andere kann ich gegenwärtig nur bedingt einschätzen. Wir werden wohl verletzungsbedingt auf drei oder gar vier Spieler verzichten müssen. Zudem fehlt uns der im März bei einem Länderspiel gegen die Schweiz verstorbene Sebastian Faißt.

HM: Spielt das in den Köpfen der Spieler eine große Rolle?
Heuberger: Schwer zu sagen, wie jeder einzelne damit umgeht. Ich kann nur für mich sprechen: Ich habe diese Sache noch immer im Kopf. Sebastian fehlt der Mannschaft nicht nur wegen seiner sportlichen Qualitäten. Auch menschlich war er ein ganz Wichtiger für das Team. Er war ein richtig feiner Kerl. Die Mannschaft hat sich vorge­nommen, bei der WM für ihn und im Gedenken an ihn zu spielen. Beim Aufwärmen vor jedem Spiel tragen die Jungs ein T-Shirt mit seinem Konterfei. Das ist wirklich bemerkenswert, wie sehr Sebastian im Denken der Burschen noch präsent ist.

HM: Klingt danach, als gäbe es da einen großartigen Zusammenhalt. Sehen Sie auch Schwächen in Ihren Teams?
Heuberger: Wir haben ganz sicher nicht die dominierenden Einzelspieler, auch wenn wir mit Steffen Fäth einen herausragenden Rückraum-Linken und mit Patrick Groetzki einen Rechtsaußen haben, der bereits über Erfahrungen im A-Team verfügt. Unser Plus ist die mannschaftliche Geschlossenheit. Gerade das kann bei einem Turnier in Ägypten, das auch unter besonderen klimatischen Umständen ausgetragen wird, am Ende entscheidend sein. Die Jungs machen im Training einen guten Eindruck und deuten jede Menge Potenzial an.
Blacha: Potenzial besitzen die Juniorinnen ebenfalls. Aber unsere Schwäche wird wohl unsere Unerfahrenheit in Bezug auf Großveranstaltungen sein. Ich bin gespannt, wie die Spielerinnen – noch dazu zu einem so ungünstigen Saisonzeitpunkt – drauf sein werden. Es sind gute Mädchen, die richtig viel können. Aber sie müssen an sich glauben. Insofern war die Qualifikation sehr wichtig und eine prägende Erfahrung in Sachen Umgang mit Stress.

HM: Es heißt oft, der deutsche Nachwuchs sei technisch-taktisch hervorragend geschult, aber die körperliche Entwicklung werde vernachlässigt.
Heuberger: Deshalb haben wir uns langfristig das Ziel gesetzt, die auf der Athletikschiene entstandenen Defizite auszugleichen. So etwas kann aber nur ganz- und langjährig angelegt sein und muss deshalb in das tägliche Training im Verein eingebunden werden. Die drei oder vier Wochen, die die Spieler bei der Nationalmannschaft sind, bringen für sich genommen in Sachen Krafttraining nichts.
Blacha: Das sehe ich auch so. Die körperlichen Grundlagen müssen im Verein geschaffen werden. Ich halte es für wichtig, dass Klubs und Auswahlteams noch näher zusammenrücken.

HM: Technisch-taktisch hervorragend ausgebildet, athletisch mit Defiziten: Ist da der Grund zu suchen, weshalb für den Nachwuchs der Sprung in die Liga so groß ist?
Blacha: Das ist vor allem für Spielerinnen, die von niederklassigen Vereinen kommen, ein Problem. In der 1. Liga werden im Training und im Spiel schon ganz andere körperliche Reize gesetzt. Aber dieses Problem ist positionsspezifisch zu sehen. Für Rückraum und Kreis ist das wichtig, für einen Außen kann mitunter eine gewisse Leichtigkeit entscheidender sein.
Heuberger: Die Rahmentrainingskonzeption des DHB setzt genau solche Schwerpunkte. Das ganze Stützpunktkonzept ist darauf ausgerichtet, dass die Spieler bereits mit 15 Jahren verstärkt athletisch ausgebildet werden. Und das ist noch lange nicht das Ende der Fahnenstange.

HM: Angesichts der zahlreichen Jung-Nationalspieler und der Erfolge der Junioren führt Heiner Brand seine oft geäußerte Kritik selbst ad absurdum, oder?
Heuberger: Das muss man differenzierter betrachten. Die Ausbildung des Nachwuchses ist sehr gut, sicher. Das Problem aber ist, dass mit dem Ende der Juniorenzeit die Entwicklung bei vielen ganz einfach abbricht. Sie haben in ihren Vereinen zu wenig Einsatzzeiten und tragen keine Verantwortung. Das ist in anderen Verbänden anders. Deshalb werden junge Spieler aus dem Ausland schon viel früher zu Leistungsträgern. Aber ich will nicht alles verteufeln. Es ist deutlich zu sehen, dass bei vielen Klubs in der Bundesliga bereits ein Umdenkprozess eingesetzt hat. Beispiele wie Großwallstadt, Minden oder Magdeburg – um nur einige zu nennen – zeigen, wie ernst es vielen ist, junge, deutsche Talente nach vorn zu bringen.

HM: Was macht die Zeit bei einer Großveranstaltung so
immens wichtig für die jungen Leute? Erfolg oder Erfahrung?
Heuberger: Jede Menge Erfahrung. Das, was du bei einer WM lernst, holst du in einem Bundesliga-Jahr nicht wieder auf. Hier stehen die Spieler voll in der Verantwortung.
Blacha: Allein die Teilnahme ist schon ein Riesending für unsere Spielerinnen. Aber jetzt wollen wir gemeinsam den Leistungsgedanken entwickeln und auch etwas erreichen. Unter dieser enorm hohen Belastung können die Spielerinnen in ihrer Entwicklung in denkbar kürzester Zeit einen Riesenschritt nach vorn machen.

HM: Immerhin muss der Nachwuchs, der ja zu einem Großteil schon im Profihandball Fuß gefasst hat, auf eine komplette Sommerpause verzichten. Wie motivieren Sie die Spieler?
Heuberger: Meine Jungs waren schon im Urlaub. Allein Patrick Groetzki, der nach der Saison noch mit dem A-Team in der EM-Qualifikation unterwegs war, durfte dem Konditionslehrgang in Dornbirn fernbleiben, hatte aber jede Menge Haus-aufgaben. Alle anderen hatten drei bis vier Wochen frei. Außerdem sind das junge Leute. Das kann man nicht gleichsetzen mit gestandenen Bundesliga-Profis.
Blacha: Eine solche Veranstaltung bietet eine einmalige Chance und ist damit motivierend genug. Jede unserer Spielerinnen, die leistungsorientiert denkt, wird die EM als ganz wichtige Station in ihrer Entwicklung begreifen.

HM: Und nach dem Turnier ist die Spannung futsch, weshalb sie dann Gefahr laufen, in ihren Vereinen schon früh in der Saison durchs Raster zu fallen…
Heuberger: Das glaube ich nicht. Die Spieler sind voll im Training, sie kommen motiviert und frisch von der WM – da reichen zwei oder drei Tage Pause, aber mehr muss es nicht sein. Natürlich ist der August im Jahreskalender des Handballs nicht besonders günstig. Aber die Termine für diese Veranstaltungen setzen nicht wir, sondern die internationalen Verbände.
Blacha: Einige unserer Spielerinnen sind bereits Leistungsträgerinnen in ihren Klubs. Und da glaube ich an den gegenteiligen Effekt. Nach der Rückkehr von der EM sind sie körperlich da und voll im Spiel drin. Schwierig wird es für die, die erst nach der EM den Schritt in die 1. Liga machen. Denen fehlt schon ein Teil der Vorbereitung. Aber unsere Mädels sind mental so stark – das kriegen die hin.

HM: Ist allen Spielern klar, dass sie ein nicht unbedeutender Teil der Zukunft des deutschen Handballs sind?
Heuberger: Alle haben die entsprechende leistungssportliche Einstellung und wollen Profi werden – zum Teil sind sie es ja schon. Auch Brand wird nach Ägypten kommen, um sich die WM anzuschauen. Die begreifen, welche Rolle sie schon bald spielen sollen.
Blacha: Da Rainer Osmann nicht nur die Frauen-Auswahl, sondern auch die Juniorinnen trainiert, verinnerlichen die Spielerinnen die enge Verknüpfung zwischen A-Team und Juniorinnen sehr rasch. Er kennt sie, und die Spielerinnen haben die Chance, sich bei der EM zu zeigen. Er macht den Mädels bewusst, dass sie zum Unterbau der A-Nationalmannschaft gehören.

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