
Wolfgang Böhme war der Vorzeigehandballer der DDR, doch dann zerstörte die Stasi seinen olympischen Traum
Von Erik Eggers
Es sind Szenen, die längst zu einem Mythos geronnen sind. Als Torhüter Wieland Schmidt am 30. Juli 1980 den finalen Wurf des Weltklasse-Flügelspielers Alexander Karschakewitsch abwehrt und so den Olympiasieg der DDR festhält, dieses sensationelle 23:22 nach Verlängerung gegen die favorisierte Sowjetunion, bricht daheim großer Jubel los. Die ganze Spannung aus 70 dramatischen Minuten löst sich in diesem Moment. Fast die gesamte Bevölkerung hat mitgezittert und feiert nun ausgelassen den vielleicht bedeutendsten Mannschaftserfolg der DDR-Sportgeschichte.
Auch um Wolfgang Böhme herum wird gejubelt. Die Menschen, die sich im überfüllten Szczecin, einer Kneipe im Rostocker Stadtteil Lütten Klein,
zusammengefunden haben, fassen sich ungläubig an die Köpfe, einige fallen sich in die Arme. Viel Bier wird bestellt, um den historischen Sieg über den ungeliebten sozialistischen Bruder zu begießen. Nur einer feiert nicht. Einer weint. Böhme kauert auf seinem Barhocker, sein Kinn berührt den Tresen, und während er wortlos die Bilder aus Moskau verfolgt, tropfen dicke Tränen aus den Augen des 30-Jährigen. Er kann diesen Triumph nicht genießen. Der Schmerz, nicht in Moskau zu sein, ist größer.
Zehn Jahre lang hat er diesem Team angehört, vier davon als Kapitän. Was sie in dieser Zeit durchgemacht haben! Von den Funktionären sind sie wüst beschimpft worden, nachdem sie im März 1976 in Karl-Marx-Stadt gegen die Bundesrepublik in der Olympiaqualifikation für Montreal knapp gescheitert waren, ausgerechnet gegen den „Klassenfeind”. Dann waren sie Dritter bei der WM 1978 in Dänemark, eine Auferstehung, die aber kaum angemessen gewürdigt wurde, denn die BRD war Weltmeister geworden. Sie hatten vor Moskau wie die Besessenen trainiert. Waren einkaserniert worden über Wochen und Monate. Hatten Spielsysteme gebimst, Kondition gebolzt, bis ihnen schwarz wurde vor Augen.
Und plötzlich dieser radikale Schnitt. Gut drei Monate vor Moskau, kurz vor seinem Karrierehöhepunkt, hatten die Funktionäre Wolfgang Böhme einfach „ausdelegiert”, wie das im DDR-Jargon genannt wurde. Rausgenommen aus der Mannschaft. Als Reisekader gesperrt. Seitdem darf Böhme keinen Handball mehr spielen – er, der Kapitän, der immerhin 192 Länderspiele auf dem Buckel hat. Über ein Jahrzehnt lang ist er als sozialistischer Vorzeigesportler gefeiert worden, in seiner Heimat Heringsdorf auf Usedom, bei seinem Klub SC Empor Rostock, als Kapitän in der ganzen DDR. Nun, an diesem 30. Juli 1980, ist eine Unperson aus ihm geworden. Wird er totgeschwiegen von der Öffentlichkeit. Er hat allen Grund zu weinen.
Warum darf Wolfgang Böhme nicht mehr mitspielen? Warum ist er bei den Funktionären in Ungnade gefallen? Um diese Fragen ranken sich schon in jenem Sommer viele Legenden. Die Zeitungen in der DDR, die über Böhme doch so lange berichtet haben, dürfen nun nicht mehr über ihn schreiben. Und wenn doch, dann höchstens ein paar Zeilen, in einer schmalen Meldung. Aus „disziplinarischen Gründen” spiele er nicht mehr in der Verbandsauswahl und beim SC Empor Rostock, heißt es, woraufhin die Gerüchte um seine Absetzung noch stärker wuchern. „Den Böhme haben sie geschasst, weil er 100000 Mark West genommen hat”, erzählt man am Tresen des Szczecin. Böhme steht unerkannt daneben. Wehrlos gegen den Tratsch.
Je spärlicher die Informationen, desto mehr Legenden ranken sich um Böhme. Genährt werden diese auch durch Berichte in der Bundesrepublik. Knapp ein Jahr später, im April 1981, als Empor Rostock im Finale gegen den TuS Nettelstedt um den Europapokal der Pokalsieger kämpft, will die BILD erfahren haben, Böhme sei wegen Schmuggels aussortiert worden. Die Stuttgarter Zeitung spekuliert kurz darauf, Böhmes Frau, die Rodlerin Ute Rührold, eine Vorzeigesportlerin des Arbeiter- und Bauernstaates, habe davon Wind bekommen und Anzeige gegen ihn erstattet. Danach jedoch wird es still um Böhme. Es kommen neue Handballer, die bejubelt werden, und er, der große Linkshänder der siebziger Jahre, gerät allmählich in Vergessenheit – weil das DDR-System es so will.
Die sozialistischen Medien betreiben nach Böhmes Ausdelegierung das, was die Historiker „damnatio memoriae” nennen: seine Austilgung aus der Geschichte. Die Nachricht im Fachorgan Handball, dass Böhme 1980 bei der Wahl zum Handballer des Jahres hinter Torhüter Schmidt Zweiter wird, können die Behörden nicht mehr verhindern – das Druckverfahren hatte schon vorher begonnen. Aber danach werden, wie sich Redakteure des Deutschen Sportechos erinnern, sogar Fotos von Böhme aus dem Archiv entfernt. Böhme erfährt das, was auch vielen jüdischen Sportlern im Dritten Reich widerfahren ist. Er wird ausradiert. Er existiert nicht mehr in der Öffentlichkeit der DDR. So weiß noch heute, gut ein Vierteljahrhundert später, kaum jemand Näheres darüber, warum Böhme aussortiert wurde. Weshalb dieser Superspieler urplötzlich von der Bildfläche des Handballs verschwand.
Erst einige Wochen nach der WM 2007 in Deutschland macht die Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur auf das Schicksal Böhmes aufmerksam und veranstaltet in Berlin eine Podiumsdiskussion über die deutsch-deutsche Handballgeschichte, der neben Böhme auch der ehemalige DDR-Kreisläufer Ingolf Wiegert und der BRD-Rückraumspieler Kurt Klühspies beiwohnen. Hier erzählen die drei Protagonisten - und entlarven dabei vieles, das bis dahin gedruckt worden ist, als Klischee. Natürlich, es habe damals auch Handballer gegeben, die sich als Kapitalisten oder Kommunisten beschimpften. Aber in den vielen Duellen, die sich die beiden deutschen Nationalmannschaften damals lieferten, sind auch Freundschaften entstanden. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass Handballer aus beiden Lagern am 6. März 1976 in Karl-Marx-Stadt zusammen feierten? Zuvor hatte sich die Stenzel-Truppe im vielleicht mythenreichsten Duell dieser Auseinandersetzung die Olympia-Qualifikation für Montreal gesichert – weil Keeper Manfred Hofmann den letzten Siebenmeter Hans Engels mit dem Knie pariert hatte. Auch Böhme feierte damals, freundete sich mit Klühspies an, und auch mit dem großen Joachim Deckarm.
In Berlin erzählt Böhme zudem davon, dass er über Jahre hinweg Tagebuch geführt hat. Diese Aufzeichnungen zählen zu den vielleicht spannendsten Quellen zur Handballgeschichte der DDR, weil Böhme darin auf sehr private Weise seinen Werdegang als Leistungshandballer erzählt, ohne eine Veröffentlichung zu beabsichtigen. Alle Etappen seines Aufstieges in die Nationalmannschaft sind hier detailliert aufgeschrieben: Die Zeit als Turner in der Kinder- und
Jugendsportschule in Rostock, die er wegen einer Verletzung abbrechen musste; die Zeit als jugendlicher Handballer in Heringsdorf, wo die Talentspäher des DDR-Handballs früh auf ihn aufmerksam wurden; die sehr energischen Bemühungen des SC Empor Rostock, ihn aus der Matrosenlehre herauszuziehen und zu einem Profisportler reifen zu lassen; schließlich der rasend schnelle Durchbruch des Linkshänders in der Oberliga-Mannschaft des SC Empor. Wie konsequent das DDR-Sichtungssystem schon in den späten sechziger Jahren vorging und so großen Vorsprung gegenüber dem bundesdeutschen Handball erarbeitete - das beschreibt dieses Tagebuch in einem eindrucksvollen und spektakulären Fallbeispiel.
Was nachgelassene Akten den Sporthistorikern nicht bieten, verrät das Tagebuch ebenfalls: dass auch im DDR-Leistungshandball gedopt wurde. Böhme berichtet ausführlich, in welcher Dosis er bereits als 19-Jähriger das berüchtigte Anabolikum Oral-Turinabol verabreicht bekam. „Habe gestern die Tabletten bekommen. Zehn Tage muss ich vier Tabletten nehmen und dann bis zum 4. September zwei am Tag”, notiert er am 16. August 1969; da ist er erstmals zum A-Kader gestoßen. Derartige Einträge wiederholen sich in dieser Zeit in regelmäßigen Abständen. Konfrontiert mit diesen Belegen, bestätigen auch Kameraden wie Klaus Langhoff, Peter Randt oder Peter Larisch diese Praxis. „Damals sind wir Meerschweinchen gewesen”, so sieht es Larisch heute.
Das Tagebuch kündet ebenfalls von den enormen Privilegien, die Leistungssportler damals in der DDR genossen. Böhme berichtet von Extra-Prämien, die allerdings geheim bleiben mussten. Erstaunlich genug, dass es den Handballern damals sogar möglich war, Stereoanlagen oder Plattenspieler über die innerdeutsche Grenze zu schmuggeln, wenn sie von deutsch-deutschen Vergleichen zurückkamen - oft sogar mit dem klammheimlichen Einverständnis des ebenfalls schmuggelnden Trainerstabes. Und der Stasi, die immer mitreiste und ein Auge zudrückte.
Weniger tolerant zeigten sich die grauen Herren, wenn sie nicht von den zahlreichen Abwerbungsversuchen in Kenntnis gesetzt wurden. Als Böhme während des Ostseepokals im Januar 1980 zum wiederholten Male von einem lukrativen Angebot erfuhr, für 150000 DM und ein Einfamilienhaus beim THW Kiel anzuheuern, berichtete er der Stasi nicht davon. Ohne es zu ahnen, begann so sein Fall: Nach einem entsprechenden Tipp geriet er in das Visier der Fahnder. Jeder Brief, den Böhme nun schreibt, wird durchleuchtet, und bald erfährt die Stasi auch davon, dass Böhme große Probleme mit seiner Ehefrau hat. Als er die Scheidung will, weil er sich in eine andere Frau verliebt hat, schrillen beim Geheimdienst die Alarmglocken. Mitte März wird er schließlich aus dem Verkehr gezogen, obwohl Nationaltrainer Paul Tiedemann und Assistent Klaus Langhoff um ihren Kapitän kämpfen. Anlass der Ausdelegierung sind ein paar hundert Mark, die Böhme von einem Fan aus Minden erhalten und dafür eine Stereoanlage gekauft hat - nur ein Vorwand, wie alle Beteiligten ahnen.
Nach dramatischen Tagen wird ihm allmählich klar, dass seine glorreiche Karriere schlagartig beendet ist. Der Sportlehrer wird abgeschoben auf eine Betriebsschule. 1987 stellt er mit seiner dritten Ehefrau einen Ausreiseantrag - Böhme kann die Distanz zu seinem Zwillingsbruder Matthias, der auf abenteuerliche Weise in der Schweiz gelandet ist, nicht mehr aushalten. Im Sommer 1989, ein paar Monate vor dem Fall der Mauer, darf Böhme endlich ausreisen und beginnt ein neues Leben als Trainer und Lehrer.
Warum er tatsächlich aus dem Verkehr gezogen wird, weiß er bis heute nicht. Selbst seine Stasi-Akten geben darüber keinen Aufschluss. Und trotzdem hat Böhme mittlerweile mit den dunklen Flecken, die seine Biographie bereithält, seinen Frieden gemacht. Der 58-Jährige lebt heute mit seiner Familie in der Schweiz, er arbeitet nahe Basel als Sportlehrer und Trainer einer erfolgreichen Jugendmannschaft. Und er ist glücklich, dass sie endlich aufgeschrieben ist: seine Geschichte, die gleichzeitig so viel über den DDR-Handball erzählt.
Im VERLAG DIE WERKSTATT hat Erik Eggers die Biografie „Böhme - eine deutsch-deutsche Handballgeschichte” veröffentlicht. Das 256-seitige Paperback kostet 19,80 Euro.
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