
In Solingen wissen sie schon lange, was sie an dem Linksaußen haben. Und seit dem Aufstieg der SG staunt plötzlich die gesamte Liga über die starken Leistungen des Newcomers Torsten Jansen
Von Sebastian von Gehren
Wuppertals Trainer Bob Hanning bringt es auf den Punkt. „An Torsten Jansen vorbeizukommen, ist alles andere als ein Kinderspiel.” Zumindest auf dem Handballfeld. Egal ob links, oder rechts, listig oder mit der Brechstange, spontan oder geplant: Das Resultat entspricht in den meisten Fällen nicht dem Aufwand. Als Angreifer ist man in der Regel gegen Jansen nur zweiter Sieger. Im Zweikampf ist bei dem 23-Jährigen öfter Endstation, als es so manchem gestandenen Bundesligaakteur lieb sein kann. Denn im Kampf eins gegen eins wird aus dem eigentlich sehr umgänglichen Bank-Azubi ein richtiges Ekelpaket. Meistens fair, aber immer hart wird dann agiert, getreu dem Motto: Bis hierhin und nicht weiter. Wenn es am eigenen Neun-Meter-Kreis zur Sache geht, sind eben Kämpferqualitäten gefragt. Und laut Bob Hanning „besitzt Torsten Jansen davon eine ganze Menge”.
Hanning muss es wissen (siehe auch Interview). Immerhin war der Mann fast sechs Jahre lang Trainer des Solinger Hoffnungsträgers und hat als kritischer Förderer einen erheblichen Anteil an dem Aufstieg des schnellen Linksaußen. Überraschen kann die kontinuierliche Entwicklung Jansens vom jugendlichen Talent zum Bundesliga-Stammspieler in der Messerstadt schon längst keinen mehr. Auch nicht HCW-Coach Hanning: „Bei Torsten stimmt einfach die Einstellung. Das spüren seine Trainer, die Mitspieler und die Fans.” Kein Wunder also, dass Jansen beim SG-Anhang einen Stein im Brett hat und zu den unumstrittenen Publikumslieblingen gehört. Er ist einer, dem man auch mal einen Fehlpass zugesteht oder eine verworfene Großchance verzeiht. Der Junge, so die Meinung der Fans, wird es schon wieder ausbügeln.
Tatsächlich ist Jansen keiner, der sich hängenlässt. Weder in guten noch in schlechten Zeiten. Bei allem Lob, das derzeit auf ihn niederprasselt, weiß er doch sehr wohl um seine Schwächen. Ruhiger müsse er werden, manchmal auch ein wenig konzentrierter und vor allem noch am Abschluss von Außen arbeiten. „Das eine oder andere Tor”, sagt er selbstkritisch, „hätte es in dieser Saison schon noch mehr sein können.”
Eine Selbsteinschätzung, die sein Trainer bei der SG Solingen, Spasoje Skercevic, durchaus teilt. „Manchmal will er zu schnell zu viel”, stimmt der Coach seinem Talent zu. Bange ist dem von allen nur „Mane” gerufenen Trainerfuchs deshalb aber nicht. „Torsten spielt erst seit drei Monaten in der Bundesliga, da ist es klar, dass er noch etwas Zeit zum Lernen braucht.” Nichtsdestotrotz ist der Youngster schon jetzt ein ganz wichtiger Bestandteil im Kollektiv der SG, einer der Aufstiegshelden und nun Stütze der Überraschungsmannschaft. „Das Team weiß genau, was es an ihm hat”, sagt Skercevic, „und ich weiß es auch.” Jetzt kommt es darauf an, dass Jansen bei allem Erfolg auf dem Boden bleibt. „Aber dafür”, so Skercevic, „werde ich als Trainer schon sorgen.”
Die Gefahr, dass der 23-Jährige abhebt, erscheint aber sowieso verschwindend gering. „Ich fühle mich nicht als Star”, sagt Jansen. Wie auch? Dafür ist er viel zu sehr Perfektionist. „Es gibt noch so viel, dass ich verbessern muß”, sagt er selbstkritisch. Um dann sofort hinzuzufügen: „Dass ich verbessern will.” Keine Frage, der Mann meint es ernst mit dem Gesagten. Sein Ehrgeiz treibt ihn voran. „Mit Talent allein erreichst du wenig”, erklärt Jansen seine Sportlerphilosophie. „Du musst auch den Willen haben, was zu erreichen.” Der Mix macht es also. In der Tat scheinen beide Tugenden in Jansens Familie gut zu gedeihen. Das nötige Ballgefühl und den Willen hat schon sein Vater gehabt, der selbst lange Jahre hochklassig Handball spielte. Und auch die Geschwister des Shooting-Stars können mit dem kleinen Lederball bestens umgehen. Vor allem sein 15-jähriger Bruder gilt nicht nur in der eigenen Familie als großes Talent. „Achim traue ich durchaus zu, daß er mal einen ähnlichen Weg gehen wird”, sagt Jansen, „der ist jetzt schon ein richtig Guter.” Einer, der sich auch bei den Männern mal durchsetzen könne.
Sicherlich noch Zukunftsmusik, aber dass war für Torsten Jansen die Bundesliga auch mal. Und obwohl sich an seinem Nahziel, sich in der Eliteklasse zu etablieren, nach einem knappen Dutzend Erstligaspielen erstmal nichts ändern wird, hat er schon jetzt eindrucksvoll bewiesen, dass er im Konzert der Großen ordentlich auf die Pauke hauen kann.
So sehr, dass selbst Bundestrainer Heiner Brand auf den Pearl-Jam-Fan aufmerksam wurde, und ihn für die Nationalmannschaft nominierte. Bei einem Vorbereitungsturnier in Dänemark wurde Jansen gewogen und für gut befunden. Für so gut sogar, dass die Presse den Solinger als eine der großen Entdeckungen feierte. Jansen selbst allerdings scheinen die positiven Kritiken ein wenig übertrieben. „Ich schätze meine Leistungen anders ein”, sagt er. Besonders gut habe er sich sebst bei den drei Partien im Nationaldress nicht gesehen. „Das Spiel gegen Dänemark zum Beispiel war gar nichts, da fand ich mich richtig schlecht.” Und überhaupt, Stammspieler sei er im Team deshalb noch lange nicht, er habe halt erst einmal in den A-Kader reinschnuppern dürfen.
Bei Heiner Brand nachgefragt, klingt das Ganze freilich etwas anders, denn der Bundestrainer orientierte sich bei seiner Einschätzung deutlich mehr an der Presse-Variante als an der des Solingers. Sein Debütant habe bei den drei Spielen einen guten Eindruck auf ihn gemacht, lobte ein zufriedener Brand. „Natürlich werde ich Torsten weiter im Auge behalten”, sagt er und signalisierte damit, daß er den Perfektionisten Jansen jetzt erst recht in seinem Notizbuch führt. „Er ist sicherlich ein Spieler, von dem man auch international noch einiges erwarten darf.”
Scheint so, als würde es auch in Zukunft schwierig bleiben, an Torsten Jansen vorbei zu kommen. Sogar für den Bundestrainer.
HM: Herr Hanning, wann ist Ihnen der Spieler Torsten Jansen aufgefallen?
Hanning: Schon als B-Jugendlicher. Bereits damals ist mir sein unglaublicher Wille aufgefallen. Der Junge wollte unbedingt etwas erreichen. Das war schon beeindruckend.
HM: Ist seine Willenskraft also das Geheimnis seines Erfolges?
Hanning: Zu einem großen Teil sicher auch, denn Torsten hat den nötigen Biss. Das macht ihn so stark. Vor allem in der Verteidigung. Schon jetzt gehört er mit seinem Abwehrverhalten bei 1:1-Situationen zu den besten zehn Akteuren in der ganzen Bundesliga. Ich bin fest überzeugt, dass es in der Liga nicht einen einzigen Spieler gibt, der gegen ihn von zehn Zweikämpfen, in der Lage ist, auch nur vier zu gewinnen.
HM: Und Torsten Jansen ist ein Außenspieler, der auf Halb verteidigen kann...
Hanning: ...richtig. Das ist sein ganz großes Plus, denn diese Kombination findet man nur selten. Meistens können die guten Außenspieler auch in der Abwehr nur auf Außenposition einigermaßen wirkungsvoll decken. Torsten ist da sehr viel variabler.
HM: Alles in allem also ein Spieler mit guten Perspektiven?
Hanning: Natürlich ist Torsten noch nicht perfekt. Er muss noch an seiner Wurfvariabilität arbeiten und etwas ruhiger vor dem Tor werden. Für sein Alter ist er aber sehr weit. Ich bin sicher, dass er sich in der Bundesliga etablieren wird. Und wenn er dort wie bisher seine Leistung bringt, spielt er auch weiter in der Nationalmannschaft. Das wird praktisch ein Selbstläufer...
Hanning war bei TUSEM Essen Trainer der A-Jugend, in der nicht nur Torsten Jansen, sondern auch Florian Kehrmann stand. 1994 gewann das Trio die Deutsche Meisterschaft.
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