Als der europäische Verband EHF zum Auftakt der Champions-League-Saison 2011/2012 nach Köln einlud, bot sich nicht nur die Chance, für die Oktober-Ausgabe des Handball-Magazins mit dem schwedischen Altstar und FINAL4-Botschafter Stefan Lövgren zu sprechen. Zu aktuellen Fragen äußerte sich auch Michael Wiederer. Der 55-Jährige war selbst österreichischer Nationalspieler. Seit Gründung der EHF im November 1991 ist er deren Generalsekretär und Geschäftsführer.
Interview: Tim Oliver Kalle
HM: Sind Sie froh, dass Sie erneut in Köln gelandet sind, um die Champions League zu promoten?
Wiederer: Ja, und ich bin auch froh, dass die Saison wieder losgeht, und ich bin positiver Erwartung.
HM: Dass Sie sich wieder in Köln befinden, heißt aber auch, dass es bisher keinen anderen erfolgreichen Bewerber als Ausrichter des VELUX EHF FINAL4 gegeben hat.
Wiederer: Wir haben das so aktiv betrieben. Wir haben die erste Veranstaltung in Köln 2010 realisiert – und die war von null auf hundert erfolgreich. Daher sind wir ein zweites Mal nach Köln gegangen. Und inzwischen haben wir die zweite Veranstaltung speziell unter dem Aspekt, zwei spanische Mannschaften im Finale gehabt zu haben, analysiert. Für mich waren die Standing Ovations der deutschen Zuschauer für den Sieger Barcelona emotional berührend.
HM: Was spricht für Köln?
Wiederer: Die Stadt liegt in der Mitte von Europa. Und 2011 gab es deutlich mehr Zuschauer aus anderen Ländern. Auch organisatorisch hat alles gepasst. Verbunden mit der Größe der Halle, mit den Möglichkeiten, die wir dort unter anderem für die vielen Geschäftsgäste haben, ist Köln für uns ein optimaler Standort. Daher war es logisch zu bleiben, ohne dass wir die Interessenten, die es gegeben hat, überhaupt ausgereizt hätten. Es ist gar nicht zu Verhandlungen mit anderen Ausrichtern gekommen. Wir haben die Option Köln gleich wahrgenommen.
HM: Braucht die Champions League nicht mal einen anderen Standort, um als europäisches Produkt anzukommen?
Wiederer: Klubs und Zuschauer sind für uns Gradmesser. Die Klubs haben nach dem ersten Jahr eindeutig gesagt, dass sie in Köln sich wohlgefühlt haben. Und nach dem zweiten Jahr haben sie festgestellt, dass man auch europäisch als nicht-deutscher Klub auf deutschem Boden gewinnen kann. Und die Zuschauer nehmen dieses Turnier an, denn sie kommen aus vielen Dritt- und Viertländern. Zudem strahlen die Medien europaweit aus. Wir fühlen uns europäisch.
HM: Wie sieht der weitere Weg in der Standortfrage aus?
Wiederer: Wir haben den Prozess 2012/2013 und 2013/2014 noch nicht gestartet und noch keine Strategie entwickelt. Das wird aber in diesem Herbst geschehen.
HM: Wie beurteilen Sie das Fundament der Champions League, also die nationalen Ligen?
Wiederer: Die Qualifikationen für die Gruppenphase habe ich in diesem Jahr sehr positiv eingeschätzt. Die interessanten und knappen Resultate zeigen, dass aus einzelnen Ligen ambitionierte Mannschaften kommen. In den Ligen selbst haben wir natürlich einen unterschiedlichen Level. Wir haben Top-Klubs aus Top-Ligen, aber auch Top-Klubs aus schwächeren Ligen, deren Hauptziel die Champions League ist. Zum Beispiel Zagreb, Veszprém und Skopje – eindeutig dominante Mannschaften in ihren Ländern. Wir haben natürlich zu wenig starke Ligen in Europa, um die Basis zu verbreitern.
HM: Wie sehr sorgen Sie Meldungen von Klubs in großen finanziellen Problemen, wie sie aus Spanien zu hören sind?
Wiederer: Für den Handball ist das nicht gut. Aber der Sport – und damit auch der Handball – ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Solchen Meldungen kennen wir aus dem Fußball mit zigfachen Budgets. Das ist auch ein klares Resultat der allgemeinen finanziellen Situation. Ich glaube nicht, dass dies ein handballspezifisches Problem ist. Das erkennt man auch daran, dass die Champions League – entgegen dem Trend, dass Sponsoren ihre Unterstützung teilweise einstellen müssen – eine finanziell positive Entwicklung genommen hat. Das Produkt ist in Ordnung und zeigt, dass es möglich ist, auch mit einer Globalisierung eine positive Weiterentwicklung zu haben.
HM: Aber es ist paradox, dass Champions-League-Finalist Ciudad Real daheim keine Überlebenschance mehr hat und unter neuem Namen nach Madrid wechseln muss.
Wiederer: Ich kenne den genauen Hintergrund nicht. Ciudad Real ist eine Kleinstadt, in der sich die wirtschaftliche Entwicklung geändert hat. Es hatte ja mit Projekten wie einem Flugplatzbau dort sehr große Ambitionen gegeben. Mit der Wirtschaftskrise hat sich das in die Gegenrichtung entwickelt. Der Schritt nach Madrid kann jedoch ein sehr positiver sein.
HM: Warum?
Wiederer: Weil der Handball in vielen Ländern darunter leidet, dass die Weltstädte keine starke Position haben. Das limitiert den Zuschauer- und Sponsorenzuzug, wenn man nur in einem kleinen Umfeld agiert. Das Supercupspiel zwischen Atletico Madrid und Barcelona haben 12000 Fans gesehen. Das hat es in den vergangenen Jahren in einer innerspanischen Veranstaltung nicht gegeben.
HM: Atletico Madrid scheint sich damit als Glücksfall und auch Beispiel für eine neue Qualität der Champions League darzustellen.
Wiederer: Das kann ein positiver Aspekt sein, dass wir den Ort Ciudad Real verlieren, aber Madrid als Weltstadt hinzugewinnen.
HM: Dazu kommen Berlin und Kopenhagen.
Wiederer: Mehr große Städte – das sehe ich positiv.
HM: Das erleichtert Ihnen die Verlaufsarbeit.
Wiederer: Ja, aber ich denke gar nicht an die EHF selbst. Für die Klubs ist das eine riesige Möglichkeit. Das lokale Sponsoring ist natürlich limitiert. Wenn es aber gelingt, mit der entsprechenden Zahl an Fernsehübertragungen auf die internationale Ebene zu kommen, ist es auch für die Klubs leichter, Sponsoren mit größeren Etats und mehr Möglichkeiten zu finden. Da findet eine wechselweise Befruchtung statt. Und wir werden von stärkeren Klubs profitieren.
HM: Skizzieren Sie bitte den Plan für die weitere Entwicklung der Champions League!
Wiederer: Wir wollen gern eine stärkere Basis haben, damit uns oben nicht einige Klubs davonlaufen. Das ist ein Problem, das eigentlich die Ligen haben. Wir sollten auf europäischer Ebene eine stärkere Balance haben. Dazu dient ab der kommenden Saison auch die Zusammenlegung des EHF-Cups und Pokalsieger-Wettbewerbs zum European Cup, um einfach den Klubs die Möglichkeiten zu bieten, an die Champions League heranzugehen. Denn es ist ein harter Wettbewerb, wenn du plötzlich diese Gruppenspiele, den Organisations-Rhythmus sowie das Finanz- und Personalvolumen erreichst. Wir hoffen, dass wir über den European Cup ambitionierte Klubs finden, die diesen Weg nach oben gehen können.
HM: Die EHF ist also auch gefordert, Entwicklungshilfe zu leisten?
Wiederer: Wir haben die Champions League und den Spitzenhandball, die Männer- und Frauen- Europameisterschaften – das sind ja nur einige unserer Aufgaben. Wir haben 50 Mitgliedsländer und auch Veranstaltungen auf dem Niveau der Handball-Entwicklungsländer sowie Projekte wie die Unterstützung des Schulhandballs in Irland oder Schottland. Die VELUX EHF Champions League ist die attraktive Spitze, aber die Arbeit liegt im Sockel der Pyramide.

Der Däne Kasper Sindt verantwortet für VELUX die Felder Marketing und Kommunikation. Das dänische Unternehmen ist seit 2010 Titelsponsor der VELUX EHF Champions League.
Interview: Tim Oliver Kalle
HM: Was macht die neue Saison der Champions League für VELUX als Titelsponsor so interessant?
Sindt: Erst einmal haben wir die vergangene Saison analysiert und schauen auf das Ergebnis. Wir sind gerade in einer Bewertungsphase nach unserem ersten Jahr als Titelsponsor der VELUX EHF Champions League.
HM: Und wie war's?
Sindt: Sehr positiv. Das Engagement ist für uns der Weg, unsere Marke in verschiedenen Ländern zu zeigen. Insgesamt gab es mehr als 300 Millionen Zuschauer in ganz Europa, wenn wir die Kontakte der TV-Sender und weiteren Medien zusammennehmen. Und dazu kommt, dass wir mehr als 3500 Kunden in den Arenen in ganz Europa zu Gast hatten. Wir haben einen sehr guten Schritt nach vorn gemacht – und wir haben große Erwartungen an die neue Saison.
HM: Welche?
Sindt: Als Titelsponsor erwarten wir mehr Fernsehzeiten, aufregende Spiele und noch mehr zufriedene Kunden in den Arenen. Und wir hoffen, dass die neuen Klubs in der Champions League näher ans Establishment herankommen.
HM: Wie wichtig ist es für Sie, dass mit AG Kopenhagen ein starker Klub aus Ihrer Heimat mitspielt?
Sindt: VELUX ist ein internationales Unternehmen. Für uns ist die Plattform Champions League interessant. Diese hatte einen Einfluss in vielen unserer europäischen Schlüsselmärkte. Unsere Zentrale ist zwar in Dänemark, aber der Erfolg der Partnerschaft mit der EHF hängt nicht von dänischen Klubs ab.
HM: Aber das Herz des Unternehmens ist doch dänisch.
Sindt: Nein, es ist international. Beim VELUX EHF FINAL4 hatten wir im Mai dieses Jahres Gäste aus 14 verschiedenen europäischen Märkten. Natürlich war auch Dänemark präsent – aber nicht dominant. AG Kopenhagen ist ein interessantes Projekt, das wir alle bis zu einem gewissen Punkt verfolgen, aber das ist nicht die Marke für unseren Erfolg.
HM: Neben Kopenhagen sind auch die Weltstädte Berlin und Madrid neu in der Champions League. Wie wichtig ist das für Sie?
Sindt: Es ist wichtig, dass es eine gesunde Entwicklung gibt. Und es ist viel leichter, wenn wir Kunden einladen oder spezielle Events planen, das in großen Städten mit einem Flughafen zu tun. Aber wir sind auch gern in kleinen Städten mit großer Leidenschaft.
HM: Was halten Sie denn von Köln?
Sindt: Die Lanxess-Arena ist perfekt. Und es ist leicht, hierher zu kommen – unsere Kunden können samstags hin- und spätestens montags zurückfliegen. Köln ist ein guter Ort und eine gute Gelegenheit, um mit Leuten aus unserer Zielgruppe in einem informellen Rahmen zusammenzukommen und Handball zu sehen. Hier kannst du so nah an den Spielern sein, dass du den Kampf auf dem Spielfeld fühlen kannst. Wir mögen es, diese Leidenschaft mit den Fans und unseren professionellen Zielgruppen zu teilen. Und wenn wir montags zurück im Büro sind, haben wir eine großartige Handball-Erfahrung und können vielleicht übers Geschäft sprechen.
HM: Sehen Sie eine Alternative zum Standort Köln?
Sindt: Ich bin kein Experte, wenn es um europäische Handball-Arenen geht. Es funktioniert mit Köln im Moment sehr gut. Darüber müssen EHF und Klubs entscheiden. Das ist nicht unsere Aufgabe.
HM: Was denken Sie als Titelsponsor über das Spielsystem mit einer langen Gruppenphase und den packenden K.o.-Runden auf dem Weg zum FINAL4?
Sindt: Ich habe keine Beschwerden. Wir haben durch die Gruppenphase eine lange Periode, während der wir in jedem einzelnen Markt mindestens fünf Monate präsent sind.
HM: Wie lange wird sich VELUX in der Champions League engagieren?
Sindt: Das kann ich noch nicht sagen. Wir bewerten unser Sponsoring ständig. Hoffentlich bleiben wir viele Jahre dabei. Der aktuelle Vertrag läuft bis 2013.
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