Mäzen der Löwen: Jesper Nielsen. - Foto: picture-alliance

Ich bin hier, um zu gestalten

Handball-Magazin 9/2010

Ein dänischer Multimillionär namens Jesper Nielsen hat es sich zum Ziel gesetzt, aus den Rhein-Neckar Löwen die beste Mannschaft der Welt zu machen

Interview: Arnulf Beckmann

Eigentlich ist der Mann ja ein großer Fußballfan. Einen nicht unbedeutenden Teil seines Geldes schenkt er Jahr für Jahr seinem Lieblingsklub Bröndby Kopenhagen. Da Jesper Nielsen früher aber Handballer war, vergisst er auch seinen Sport nicht. Der 41-jährige Unternehmenschef des dänischen Schmuckherstellers Pandora leistet sich in seiner Heimat mit AG Kopenhagen einen Handballklub, bei dem neben seinem Sohn Weltstars wie Joachim Boldsen, Steinar Ege oder Kaspar Hvidt unter Vertrag stehen. Und so ganz nebenbei will der Mann, der abwechselnd in Kopenhagen und auf Mallorca lebt, mit den Rhein-Neckar Löwen dem THW Kiel – national wie international – den Rang ablaufen.

HM: Herr Nielsen, sich als Däne in der Handball-Bundesliga zu engagieren, ist an sich schon ungewöhnlich. Und es heißt, Sie verfügten über unbegrenzte Mittel. Wie reich sind Sie denn?
Nielsen: Das weiß niemand wirklich. Ein kluger Mann hat einmal gesagt, man ist erst reich, wenn man nicht mehr weiß, wie viel man besitzt. Das beschreibt sehr schön mein Unternehmen: sehr rasch wachsend, jung, mutig und mittlerweile der weltgrößte Schmuckproduzent, ohne dabei weltweit so bekannt zu sein. Ich schaue mir natürlich von Zeit zu Zeit die Kontostände an, aber über konkrete Zahlen kann ich keine Aussagen machen.

HM: Es geht wahrscheinlich auch niemanden etwas an…
Nielsen: Mein Unternehmen ist meine Leidenschaft, da ist Geld ab einem gewissen Punkt nicht mehr die wichtigste Triebfeder.

HM: Ihre zweitgrößte Leidenschaft ist offenbar der Handball.
Nielsen: Das ist der Fußballklub Bröndby Kopenhagen. Dort bin ich der Hauptsponsor. Danach kommen meine beiden Handballklubs AG Kopenhagen und die Rhein-Neckar Löwen.

HM: Dann reisen Sie also mit dem Privatflugzeug am Wochenende von Veranstaltung zu Veranstaltung.
Nielsen: In der Woche steht das Business zu einhundert Prozent an erster Stelle. Ich betreue selbst fünf Märkte – Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande und Italien. Aber die Wochenenden sind dann mit einem Fußball- und zwei Handballspielen besetzt.

HM: Haben Sie Familie?
Nielsen: Ja.

HM: Und die macht das mit?
Nielsen: Gott sei Dank, ja. Aber ich versuche, meine Familie in diese Leidenschaft einzubinden. Das gilt übrigens auch für das Unternehmen. Das alles ist eine große Familiengeschichte. Anders wäre es nicht möglich. Wir alle lieben den Sport – und dort besonders den Handball.

HM: Zu den Aufsichtsratssitzungen der Rhein-Neckar Löwen – so heißt es – treffen sich alle Beteiligten regelmäßig in der Sansibar auf Sylt?
Nielsen: Das ist Legendenbildung. Das haben wir ein einziges Mal gemacht. Wir treffen uns an den unterschiedlichsten Orten. Ich vertrete die Philosophie, dass du als Aufsichtsratsmitglied nicht nur das Business sehen kannst. Du musst auch Spaß an der Sache haben und die Dinge mit Stolz und Begeisterung in Angriff nehmen. Wir müssen uns alle als Teil dieses Klubs begreifen. Nicht anders arbeite ich in meinem Unternehmen, und auch nicht bei Bröndby und bei den Handballern von AG Kopenhagen. Wir bauen diese Sachen gemeinsam auf und sind eine große Familie.

HM: Wie gehen der Verkauf von Schmuck und ein knallharter
Männersport zusammen?
Nielsen: Das geht gar nicht zusammen. Aber ich glaube, dass es wichtig war, den Leuten hier zu sagen, wer ich bin, was ich mache, und dass ich hier als Lokomotive, als Brain zu den Löwen gekommen bin. Der Name Pandora wird aber jetzt mehr und mehr aus der Halle verschwinden, ich hingegen werde bleiben. Mein Ziel ist es nicht, hier nur ein wenig Spaß zu haben und Werbung für mein Unternehmen zu machen. Ich bin hier, um zu gestalten.

HM: Aber das machen Sie doch schon in Kopenhagen.
Nielsen: Das ist eine andere Geschichte. Bröndby – das ist mein Heimatverein. Ich bin dort groß geworden und habe selbst 25 Jahre in diesem Klub gespielt. Ich bin täglich in die Halle gegangen. Das Handballprojekt AG habe ich vor fünfeinhalb Jahren begonnen. Es war schon als kleiner Junge mein Traum, diesem Klub zu helfen. Und jetzt kann ich die beste Mannschaft aller Zeiten in Dänemark aufstellen – mehr oder weniger. Ich arbeite in dieser Sache sehr eng mit meiner Schwester zusammen, die Mitglied des Aufsichtsrates ist und dort die tägliche Arbeit verrichtet. AG Kopenhagen ist ein aufgehender Stern am Handballhimmel. Wir sind zwar nur Aufsteiger in die 1. Liga und spielen deshalb in keinem Europacup-Wettbewerb mit, aber wir haben eine Mannschaft, die durchaus vergleichbar ist mit den Rhein-Neckar Löwen.

HM: Und warum dann auch noch die Rhein-Neckar Löwen?
Nielsen: Ich bin beruflich sehr häufig in Deutschland und habe ein Gefühl, als sei dieses Land meine zweite Heimat geworden. Und natürlich interessierte ich mich schon lange für den deutschen Handball. Ich habe lange Zeit in Kiel gelebt, konnte aber nie Tickets für die Ostseehalle bekommen. In Kiel zu leben und handballverrückt zu sein, ohne zum THW gehen zu können, war echt hart. Sabine Holdorf-Schust (Geschäftsführerin des THW Kiel, Anm. der Red.) gab mir damals den Tipp, ich müsse dann eben Sponsor werden. So habe ich mir vier VIP-Tickets gekauft. Die wussten natürlich, dass ich in Dänemark Förderer des damaligen Drittligisten Albertslund Glostrup Handbold war und zu der Zeit mit Olafur Stefansson eine ganz interessante Verpflichtung gemacht hatte. Deshalb haben wir – spaßeshalber – auch mal darüber gesprochen, ob ich nicht Hauptsponsor in Kiel werden wolle. Aber die Verhandlungen liefen nicht gut. Ich konnte den Schriftzug Pandora nicht auf das Kieler Trikot bekommen. Das hat wiederum Thorsten Storm – ein tüchtiger Verkäufer übrigens – mitbekommen, der mich sofort ansprach und von dem Projekt Rhein-Neckar Löwen überzeugen wollte. Es kam dann zu einem Treffen in Frankfurt mit ihm und Daniel Hopp (Sohn des SAP-Gründerns und Milliardärs Dietmar Hopp, Anm. der Red.), bei dem mir das Konzept vorgestellt wurde.

HM: Wie gut kannten Sie den Klub damals?
Nielsen: Ich habe zum ersten Mal von den Löwen gehört, als dort Henning Fritz verpflichtet wurde. Bis dahin war mir der Verein überhaupt kein Begriff. Ich wusste gar nicht, wo dieser Klub beheimatet ist, und musste erst mal auf der Landkarte nachsehen. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es das war, was ich suchte. Ich habe da viele Parallelen zu mir entdeckt. Ich war auch jung und frech, als ich anfing. Am Anfang war es aber eine rein wirtschaftliche Beziehung. Ich wollte gern Werbung machen. Und die war im Handball recht günstig zu bekommen.

HM: Aber bei den Löwen herrschte viel Ungeduld und wenig Struktur. Auch viele Spielertransfers ließen damals eher auf blinden Aktionismus schließen.
Nielsen: Wir haben hier einfach etwas länger gebraucht. Als ich kam, habe ich anfangs nur beobachtet, was hier abgeht. Dann habe ich gute Stimmung verbreitet, damit wir gut miteinander zurechtkommen und alle zufrieden sind. Erst nach einer gewissen Zeit wurde ich gefragt, ob ich Hauptgesellschafter werden wolle. Ich hatte eigentlich gar nicht die Zeit dazu. Aber wenn du dann zusagst, dann machst du die Sache doch zu einhundert Prozent. Wir wollten vieles dann über Telefon oder E-Mail regeln.

HM: Und Ihre erste Amtshandlung?
Nielsen: Ich habe gesagt, dass wir eine langfristige Strategie brauchen. Das habe ich so in meinem Unternehmen gelernt. Und ich habe für Geduld plädiert. Viele denken, die Rhein-Neckar Löwen seien ein stinkreicher Verein, der alles kaufen kann. Das stimmt nicht. Es stimmt aber sehr wohl, dass die Leute, die hinter dem Team stehen, Geld haben. Und dass sie Geld haben, hat auch einen Grund: Sie wissen, wie sie mit Geld umgehen müssen. Deshalb werfen wir nicht mit Geld um uns und finanzieren blind riesige Transfers. Blicken Sie doch mal zurück. Da gibt es nicht viele große Transfers, die ein Vermögen gekostet haben. Die einzige größere Verpflichtung für diese Saison war der Schweizer Andy Schmid, aber auch für ihn haben wir keine halbe Million hingelegt. Wir wollen keine Milllion für einen Narcisse ausgeben. Das ist weggeworfenes Geld, das nicht mehr zurückkommt.

HM: Und wie sieht Ihre Strategie aus?
Nielsen: Wir wollen, dass unsere Spieler mit langfristigen Verträgen ausgestattet werden. Wir setzen auf eine jüngere Achse als früher. Das Team steht eigentlich weitgehend. Wir bekommen im nächsten Jahr noch zwei Spieler dazu. Zum einen Krzysztof Lijewski vom HSV Hamburg, zum anderen Zarko Sesum. Wenn wir in dieser oder in der kommenden Saison keinen Titel wichtigen gewinnen, ist das nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass wir uns entwickeln. Wir haben ein großes Ziel: Wir wollen der beste Handballklub der Welt sein. Und so etwas setzt man nicht in sechs Wochen um, sondern das muss mit Geduld erarbeitet werden. Aber wir alle sind junge Menschen und haben viel Zeit für die Umsetzung dieses ehrgeizigen Projektes.

HM: Aber Sie haben große Gegner.
Nielsen: Wir haben vor allem tüchtige Gegner wie den THW Kiel oder den HSV Hamburg. Ich habe mich letztens mit Andreas Rudolph getroffen, der sich unheimlich in Hamburg engagiert hat.

HM: Kann man Sie beide als Typen vergleichen?
Nielsen: Überhaupt nicht. Ich bin ein Teamplayer. Vielleicht auch, weil ich als Handballer Mittelmann war. Deshalb wünsche ich mir auch einen großen Gesellschafter-Kreis. Gegenwärtig sind wir sieben Mitglieder, aber ich möchte das gern auf zehn aufstocken. Ich stehe dabei gern als Leitfigur da, aber ich möchte viele Leute um mich haben, die das Projekt mittragen. Es gibt mir unheimlich viel, ein Teil des Netzwerkes der Rhein-Neckar Löwen zu sein.

HM: Wir haben über langfristige Konzepte gesprochen, aber was darf man von den Löwen in dieser Saison erwarten?
Nielsen: Angesichts der Mannschaft, die wir haben, wäre es eine Frechheit, nicht zu sagen, dass wir Meister werden wollen. Das wäre unehrlich gegenüber Fans und Sponsoren. Wir träumen alle davon. Natürlich kann es sein, dass wir dieses Ziel verfehlen. Aber dann setzen wir uns in der nächsten Saison wieder ein neues Ziel. Und wir wollen natürlich in die Champions League. Mit unserem Kader müssen wir dahin. Ein anderer Europacup-Wettbewerb wäre für mich emotional nicht so bedeutend.

HM: Eine Champions-League-Teilnahme bringt Prestige für Ihren Klub, der immer noch als Retortenverein wahrgenommen wird.
Nielsen: Die beste Imagekampagne können allein wir selbst machen, indem wir gewinnen. Noch sind wir die Neulinge. Wir sind noch jung und schaffen es trotzdem, 13000 Zuschauer in die SAP-Arena zu locken. Und in zehn Jahren werden wir ein Traditionsverein sein, den jeder kennt, weil wir dann einige Titel gewonnen haben werden. Wir haben die Mittel, das Potenzial und die Werkzeuge dazu. Ich glaube sogar, dass wir größere Entwicklungsmöglichkeiten als der THW Kiel haben.

HM: Der Verein hat aber offenbar auch eine menschliche Seite. Das zeigt das Benefizspiel für Oleg Velyky, das zeigt auch der Umgang mit der schweren Verletzung von Karol Bielecki.
Nielsen: Auch da verstehe ich uns als Familie. Und Karol wird stärker zurückkommen, als er vor seiner Verletzung war.

HM: Wie dicht sind Sie an der Mannschaft?
Nielsen: Ich bin mittendrin. Ich bin der Stimmungsmacher, der mit der guten Laune.

HM: Wie gut ist Ihre Laune, wenn Sie sehen, dass der Konkurrent aus Kiel in den vergangenen Jahren offenbar vieles besser als die Löwen gemacht hat?
Nielsen: Kiel ist Weltklasse. Doch genau das fordert mich heraus. Es ist mein Ansporn, dagegen zu kämpfen. Das feuert mich an. Ich finde es auch toll, dass der HSV weiter so powert.

HM: War die Kieler Dominanz der Grund, weshalb seitens der Löwen im März vergangenen Jahres der Manipulationsverdacht gegen den THW öffentlich gemacht wurde?
Nielsen: Ich war damals relativ frisch in der deutschen Handball­szene. Zudem bin ich ein blauäugiger Däne. Aber als ich die Geschichten über Uwe Schwenker und Noka Serdarusic zum ersten Mal hörte, war ich als Handballer tief enttäuscht, dass die uns so verarscht haben. Wir haben damals sofort gehandelt und uns geschworen, nie einen Trainer bei den Rhein-Neckar Löwen zu verpflichten, der so etwas mitmacht. Deshalb haben wir Noka eine Absage erteilt. Ich bin sicher, dass mittlerweile niemand Zweifel daran hat, was dort abgegangen ist. Ich war immer ein Riesen-Fan der Kieler, ihrer Kultur und ihrer Siegermentalität, auch ohne die besten Spieler gewinnen zu können. Aber ich habe auch gesagt, wenn das die Handballwelt ist, dann bin ich genauso schnell wieder draußen, wie ich drin war. So was kann man als ernsthafter und ernstzunehmender Geschäftsmann nicht dulden. Weil man so etwas nicht macht.

HM: Sind Sie sauer auf den THW?
Nielsen: Der Verein hat natürlich von diesem Champions-League-Sieg profitiert und konnte sich in der Folge auf höchstem Niveau stabilisieren. Sauer aber war ich auf Schwenker und Serdarusic. Und auch ein wenig auf den Rest der Handballwelt, weil diese Dinge zu Beginn gar nicht ernst genommen wurden. Die Verbände wollten…

HM: …die Büchse der Pandora nicht öffnen?
Nielsen: (lacht) Das kann man so sagen. Aber zurück zur Frage. Ich bin nicht sauer auf den THW. Die haben die Dinge geregelt, aufgeräumt und diese beiden Leute ausgesondert. Für mich ist damit die Kieler Handballwelt wieder in Ordnung.

HM: Haben Sie jemals wieder Kontakt zu einem der beiden gehabt?
Nielsen: Überhaupt nicht. Ich finde es unglaublich, dass
Serdarusic inzwischen in Celje wieder als Trainer arbeiten darf. Das ist im negativen Sinne beeindruckend. Meine Güte, sicher ist er der beste Trainer der Welt. Ich war doch damals so froh, ihn unter Vertrag genommen zu haben, weil er der schnellste Weg zum Erfolg war. Die Formel war so einfach: die beste Mannschaft und der beste Trainer. Und dann kam diese unsägliche Geschichte. Jetzt gehen wir eben einen längeren Weg – aber ohne ihn.

HM: Können Sie sich vorstellen, dass Sie ihrerseits zur Hassfigur in Kiel geworden sind?
Nielsen: Das verstehe ich. Wenn Leute so etwas über meinen Klub Bröndby sagten, würde ich es bis zu einer offiziellen Verurteilung nicht glauben wollen. Ich bin sicher, dass die Leute in Kiel ahnen, dass da was war. Wie hätten wir reagieren sollen? Hätten wir das damals akzeptieren müssen? Das geht doch nicht. Ich sehe das rückblickend so: Der THW Kiel hat nicht betrogen, die Fans haben es nicht getan, und auch die Mannschaft hat es nicht getan. Es waren zwei Personen, und die müssen bestraft werden.

HM: Kann es nicht auch sein, dass Manipulation schon häufig vorkam, und der THW nun der erste Klub war, bei dem der Verdacht öffentlich gemacht wurde?
Nielsen: Das spielt doch keine Rolle. So etwas ist grundsätzlich eine schlechte Sache. Zudem glaube ich, dass die Kieler so etwas überhaupt nicht nötig haben. Der THW ist der beste Klub der Welt. Noch…

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