
Er ist wieder da: gesund, unbeeindruckt von seinem skandalumwitterten Abgang beim THW Kiel und mitteilsam. Noka Serdarusic bei der Europameisterschaft in Österreich über seine Rückkehr ins Berufsleben
Interview: Arnulf Beckmann
Wer Noka Serdarusic in den Tagen von Innsbruck begegnete, traf auf einen entspannten, ja geradezu erholten slowenischen Trainer, der wirkte, als habe er einen langen Urlaub hinter sich. Dass seine Rückkehr ins Rampenlicht auch unbequeme Fragen aufwerfen könnte, sah man ihm nicht an. Im Gegenteil: Im Interview mit dem HM gab sich der langjährige Trainer des THW Kiel gesprächig und nahm kein Blatt vor den Mund. Der 59-Jährige äußerte sich ausführlich zum Umgang mit den Manipulationsvorwürfen und sagte im Gespräch: „Ich habe nicht ein Wort gelogen.”
HM: Wie ist das Gefühl, nach fast einem Jahr Abstinenz wieder die große Bühne zu betreten?
Serdarusic: Ich freue mich für mich, dass ich wieder soweit bin, eine Mannschaft zu trainieren und im Handball zu arbeiten. Ich habe mein ganzes Leben nichts anderes gemacht, deshalb hat mir der Handball richtig gefehlt. Zudem bin ich erst 59 Jahre alt. Und da ist es mit einfach zu blöd, schon in Rente zu gehen.
HM: Sie sind doch ein passionierter Hobby-Angler.
Serdarusic: Angeln gehst du vielleicht mal 14 Tage. Und dann kommst du zurück und fragst dich: und jetzt? Ich habe in den vergangenen 40 Jahren nie Zeit gehabt, etwas anderes zu tun. Dann ist das schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn du plötzlich – wie in der ersten Jahreshälfte geschehen – nichts zu tun hast.
HM: Sie hatten genug damit zu tun, sich um Ihre angeschlagene Gesundheit zu kümmern.
Serdarusic: Das habe ich immer noch. Ich habe die freie Zeit genutzt und im gesamten ehemaligen Jugoslawien Freunde besucht, die ich zum Teil 30 Jahre und länger nicht mehr gesehen hatte. Aber irgendwann ist das auch durch. Und dann geht es dir zumindest wieder so gut, dass du wieder arbeiten willst. Allerdings habe ich zu dem Zeitpunkt nicht daran gedacht, jemals wieder im Vereinshandball zu arbeiten.
HM: Und dann haben Sie sich neben der Nationalmannschaft mit Celje doch wieder einen Klub zugelegt…
Serdarusic: …und ich befürchte, dass es gerade zuviel wird. Ich sollte Celje zunächst erst im Sommer übernehmen. Doch dann kam die Anfrage, ob ich sofort bereitstehe. Ich habe noch nie einen Verein mitten in der Saison übernommen und habe zunächst gesagt: so ein Quatsch. Aber dann habe ich mich breitschlagen lassen. Und jetzt bereue ich das, weil ich gegenwärtig massive körperliche Probleme habe. Meine Rückenschmerzen sind so stark, dass ich ohne Tabletten gar nicht mehr aus dem Bett komme. Nach der Europameisterschaft hätte ich gern freie Zeit. Jetzt muss ich von Ljubljana nach Celje umziehen, sitze viel im Auto. Aber das sind alles alte Freunde von mir. Da kann ich doch nicht nein sagen.
HM: Die alten Freunde wissen sicher auch, dass Sie ein erfolgreicher Trainer sind. Die Mannschaft Sloweniens jedenfalls präsentierte sich in der ersten Hälfte des Turniers weit besser, als das viele Experten vorher geglaubt haben.
Serdarusic: Das war im Ausland sicher so. In jeder Vorschau galten wir in dieser Gruppe als Außenseiter. In Slowenien aber wurden wir von den Medien zum großen EM-Favoriten geschrieben.
HM: Die Wahrheit liegt offenbar auch diesmal in der Mitte. Sie sind nicht Europameister geworden, aber auch nicht in der Vorrunde ausgeschieden.
Serdarusic: Ich bin zufrieden mit dem Abschneiden und der Art, wie sich mein Team präsentiert hat.
HM: Dann war es offenbar die richtige Entscheidung, auf gestandene Kräfte wie Renato Vugrinec, Ales Pajovic und Vid Kavticnik zu setzen.
Serdarusic: Wenn wir auf die alten Herren verzichtet hätten, hätten wir sicher nicht diese Ergebnisse eingefahren. Die Frage ist doch, ob ich einen Drei-Jahres-Plan verfolge und auf Olympia 2012 setze oder ob ich hier Erfolg haben will. Mit der Perspektive London hätte ich sicher auf die alten Hasen verzichten müssen. Und mit den jungen Spielern, die einfach noch nicht so weit sind, hätten wir keinen Erfolg gehabt. Die Menschen und vor allem die Medien in Slowenien könnten so etwas nicht verstehen. Die wollen immer beides gleichzeitig: Verjüngung und Erfolg.
HM: Drängt sich keiner der jungen Slowenen auf?
Serdarusic: Gäbe es einen, ich hätte ihn sicher mitgenommen. Unsere Liga ist eben nicht besonders stark. Und bei zwei Millionen Menschen und weniger als 300 Handballern kannst Du nicht viel aussuchen. Du musst viel Geld und viel Zeit investieren, um den Nachwuchs zu fördern. Aber weder das eine noch das andere ist vorhanden.
HM: Das heißt, der Nachwuchs wird nicht gefördert?
Serdarusic: Natürlich wird er das. Ich bin Handballer mit großem Herz. Und für mich ist es immer das Größte, wenn irgendwo auf der Welt ein junger Ausnahmespieler groß wird. Ich bin da nicht neidisch. Wir haben eben bescheidenere Möglichkeiten. Aber was mir Mut macht, ist die Tatsache, dass mir mit Sportdirektor Roman Pungartnik und Generalsekretär Tomas Jersic im Verband zwei Leute zur Verfügung stehen, die nicht blind sind und die Probleme sehen. Es ist doch so: Wenn man nichts unternimmt, passiert auch nichts. Ich gehe davon aus, dass wir genug Kraft haben, das zu schaffen. Ich hätte nicht unterschrieben, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, in eine Sackgasse zu laufen.
HM: Zumindest Ihr Co-Trainer scheint vor Kraft zu strotzen. Im Spiel gegen Polen hat er sich mächtig mit Bogdan Wenta angelegt.
Serdarusic: Das war spontan. Das ist ein junger Kerl, der ist eben sehr impulsiv. Ich betrachte das als positive Energie, die nur in die richtigen Bahnen gelenkt werden muss.
HM: Wenta hat eine durchaus provozierende Art zu coachen.
Serdarusic: Wenta kann coachen, wie er will, solange er auf seiner Bankseite bleibt. Und auf meiner Seite mache ich, was ich will. Aber er soll doch während des Spiels kein Gespräch suchen. Ich habe nach dem Match mit ihm geredet und gesagt, dass dieser Mann eines Tages mein Nachfolger wird. Ich bin noch ein oder zwei Jahre dabei, dann gehe ich in Rente. Mit dem aber muss sich Wenta vielleicht die kommenden zehn, zwölf Jahre herumschlagen. Da ist es doch besser, sich nach Spielschluss die Hände zu geben. Egal, was vorher passiert ist. Daraufhin hat sich Wenta bedankt mit den Worten: Ich habe heute etwas gelernt. Und das war nicht ironisch gemeint.
HM: Gehen Trainer immer so respektvoll miteinander um?
Serdarusic: Wo ist das Problem, sich während des Spiels höflich anzulächeln und sich nachher freundschaftlich die Hände zu reichen? Nehmen Sie zum Beispiel Claude Onesta. Der Franzose gilt in der Szene als nicht leicht. Ich habe nie Probleme mit ihm gehabt.
HM: Aber die letzte Szene im Spiel gegen Polen hat Sie doch richtig verärgert.
Serdarusic: Kein Zweifel. Das war ein Siebenmeter für uns. Das hat sogar Bogdan Wenta nach dem Spiel indirekt bestätigt, als er sagte, er hätte sich über einen solchen Pfiff nicht beschweren können. Sogar die Offiziellen am Zeitnehmertisch haben betreten auf den Boden geschaut. Ich habe in der Aufregung alle meine Spieler zurückgepfiffen und den Schiedsrichtern die Hand gegeben. Natürlich sind wir benachteiligt worden, aber das ist doch kein Krieg, den wir da führen.
HM: Krieg führen Sie aber schon mit den deutschen Medien, die auch hier in Österreich verständlicherweise nach Ihrem Jahr 2009 fragen.
Serdarusic: Ich führe hier keinen Krieg, ich führe hier Interviews mit französischen, mit österreichischen oder mit slowenischen Journalisten. Keiner dieser Leute hat mich auf 2009 angesprochen, weil ich dazu alles gesagt habe. Aber einige Ihrer deutschen Kollegen, die fragen immer wieder nach. Ich habe damals nicht ein Wort gelogen, jetzt will ich mich einfach nicht mehr damit beschäftigen. Aber sobald ich gegen eine deutsche Mannschaft antrete, kommt das Thema wieder hoch. Am liebsten würde ich solchen Leuten dann sagen: Ihr könnt mich alle mal.
HM: Aber die Nachfragen zu den Manipulationsvorwürfen rund um das Champions-League-Finale 2007 sind doch legitim.
Serdarusic: Wenn gewisse Medien aus dem Boulevard nichts zu schreiben haben, halten sie eben solche Themen hoch. Ich werde gefragt, was ich dazu sage. Dann sage ich, dass es dazu nichts mehr zu sagen gibt. Und dann heißt es, ich sei dünnhäutig. Und die fragen immer weiter, diese Sorte Journalisten. Nehmen Sie nur die Affäre Fritz. Die gab es doch gar nicht, sondern wurde von gewissen Zeitungen inszeniert. Das beschädigt so viel. Gut nur, dass Henning Fritz und ich heute beste Freunde sind.
HM: Ein Boulevardblatt aus Deutschland hat Sie als Staatsfeind Nummer 1 bezeichnet. Trifft Sie das?
Serdarusic: So ein Blödsinn kümmert mich nicht. Solch eine Überschrift ist lächerlich und entlarvend für die, die sie sich ausgedacht haben. Die kümmern sich einen Dreck um einen Menschen, wenn die eine Geschichte ausgraben wollen. Hauptsache, die haben eine schöne Story. Ich habe damals im Nachgang der Geschichte um Fritz Briefe von Rechtsradikalen bekommen, weil ich angeblich ein deutsches Sportdenkmal diskreditiert hätte. So ein Quatsch. Aber als ich in der Zeit meine kleine Enkelin zu Gast hatte, hatte ich tatsächlich große Sorgen. Ich habe nächtelang nicht gut geschlafen. Aber derjenige, der sich die Geschichte ausgedacht hat, der hat bestimmt gut geschlafen. Staatsfeind Nummer 1? Darüber kann ich nur lachen. Wenn ich Deutschlands Staatsfeind Nummer 1 bin, hat dieses Land wirklich keine großen Probleme.
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