Alles, was Recht ist - ein Gespräch mit Sportjurist und BVB-Präsident Dr. Reinhard Rauball über Profiligen, Jugendstil und seine Sympathien für Kämpfer und bescheidene Trainer
Interview: Tim Oliver Kalle (erschienen in HM 04/2006)
HM: Fordern die Bundestrainer der Spielsportarten zu Recht mehr Einsatzzeiten für deutsche Talente?
Rauball: Trainer sind keine Juristen und Juristen auch nur in den seltensten Fällen Trainer. Das führt zu unterschiedlichen Sichtweisen. Die Trainer der Nationalmannschaften wollen eben möglichst viel Spielpraxis für die Spieler, die für sie in Frage kommen. Dabei spielen neben Juristen und Trainern auch die Kaufleute eine Rolle. Da geht es um die Frage, ob es finanzierbar ist, deutsche Spieler zu holen, die den Schritt zur Nationalmannschaft schaffen. Die breite Öffentlichkeit hat vor allem das Dilemma des Fußballs mitbekommen, als Mannschaften der 1. und 2. Liga mitunter fast ohne Deutsche spielten.
HM: Wie bewerten Sie all das als Sportjurist?
Rauball: Im Rahmen der Gesetze gilt auch auf europäischer Ebene die „Freie Wahl des Arbeitsplatzes”. Deshalb stößt die Reglementierung von Mannschaften, das Aufteilen in deutsche und nicht-deutsche Spieler an Grenzen. Versuche, das im Verbandsrecht festzuschreiben, sind nach meinem Wissen allesamt gescheitert.
HM: Und eine Selbstbeschränkung?
Rauball: Das Versprechen, eine bestimmte Zahl deutscher oder jüngerer Spieler regelmäßig einzusetzen, scheitert oft dann, wenn die Ziele ehrgeiziger werden oder wenn im Abstiegskampf die Ligazugehörigkeit bedroht ist. Wir müssen die Dinge einfach so sehen, wie sie seit dem Bosman-Urteil rechtlich sind.
HM: Was ist mit dem Instrument Arbeitserlaubnis?
Rauball: Damit ist versucht worden, bestimmte Gruppen von Spielern, insbesondere aus den östlichen Ländern, speziell vom Fußballsport fernzuhalten. Von diesen Methoden halte ich nichts. Grenzen sollte es im Sport nicht geben. Wenn jemand meint, er müsse Grenzen aufstellen, dann soll er das selbst, aber bitte nicht über Normen, umsetzen. Wir haben in Dortmund erfahren, dass es mehrere positive Auswirkungen hat, junge deutsche Spieler einzusetzen.
HM: Was meinen Sie?
Rauball: Wir beobachten ein gesteigertes Interesse von qualifizierten Jugendlichen, sich dem BVB anzuschließen, weil sie merken, dass es keinen anderen Verein gibt, bei dem es möglich ist, so schnell von der B-Jugend nach oben zu kommen. Sahin, Kruska, Brzenska, Gambino und Odonkor sind Beispiele.
HM: Welche Effekte haben Sie darüber hinaus festgestellt?
Rauball: Einen großen Identifizierungsprozess. Der Schulterschluss aller Interessierten hat dazu geführt, dass wir überhaupt überleben konnten. Im Sponsoring werden aufgrund der regionalen Konzentration ganz neue Kräfte freigesetzt.
HM: Die Ligaverbände können steuernd eingreifen. So verpflichtet die DFL die Bundesligisten zur Nachwuchsarbeit.
Rauball: Die muss allerdings nur existent sein - möglicherweise um lediglich die Lizenz zu bekommen. Die Vorteile, die aus einer solchen Vorschrift resultieren, werden nicht zwingend genutzt. Wir haben das bisher anders gesehen, wie die anderen Vereine übrigens auch.
HM: Könnten Sie auch der Handball-Bundesliga Nachwuchsarbeit als Lizenzbedingung nahe legen?
Rauball: Ich werde da keine Ratschläge erteilen. Wir haben jedenfalls mit der Jugend nicht nur sportlich gute Erfahrungen gemacht. Das Vertrauen in die jungen Spieler, das eigentlich in allen Verbänden viel zu kurz kommt, zahlt sich auf mehreren Ebenen aus. Junge Spieler können, wenn man sie ins kalte Wasser wirft, viel mehr leisten, als man gemeinhin annimmt. Man muss sie trotzdem behutsam aufbauen, einen Leistungseinbruch einkalkulieren und darf gerade dann diesen Weg nicht verlassen.
HM: Wie sieht das Aufgabenprofil in der Jugendarbeit aus?
Rauball: Wir müssen sehr viel früher mit der Jugendarbeit anfangen. Wenn ein 16-Jähriger in der 1. Liga spielt, dann schließt es sich aus, dass er erst mit 14 begonnen hat - das schafft niemand. Und wir brauchen Trainer, die die Stärken der einzelnen Spieler fördern. Damit sollte man so früh wie möglich beginnen. Bei Sechs- bis Achtjährigen muss man den Spaß entwickeln und nicht die Kondition trimmen. Die Spieler müssen sich entfalten können, um das Optimum der individuellen Stärken herauszukitzeln. Wenn man dann noch die Schwachstellen optimieren kann, hat man den geborenen Bundesligaspieler.
HM: Also geht es nicht um einen speziellen Schutz deutscher Talente, sondern um eine bessere Ausbildung für den härteren Wettbewerb?
Rauball: Genau so ist das.
HM: Dann muss Trainern und Vereinen nur noch mehr Mut mitgegeben werden.
Rauball: Aber das liegt in unserer Macht. Wir haben einen Trainer wie Bert van Marwijk verpflichtet, der unsere Philosophie teilt. Die Niederlande sind sicherlich für uns ein Vorbild. Dieses Gefühl für das taktisch richtige Verhalten, das dort von Anfang an verinnerlicht wird, fehlt vielen Deutschen, doch damit kann man eine Menge erreichen. Da gibt es in Deutschland Nachholbedarf, aber der Handball hat viel richtig gemacht.
HM: Zum Beispiel?
Rauball: Man hat frühzeitig - auch in der Nationalmannschaft - auf ausländische Trainer gesetzt. Vlado Stenzel hat Professionalität gebracht. Wir sehen im Fußball, wie schwer es ist, wenn ein Deutscher Verkrustungen aufbrechen will. Einem Ausländer nimmt man das eher ab.
HM: Lässt der Profisport der Gegenwart noch genug Geduld, um junge Spieler heranzuführen?
Rauball: Ungeduld kommt leicht auf, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Dann zeigt sich, ob man von seinem Konzept überzeugt ist und dieses durchhält. Die Qualität der Mannschaft steigt nach den Grundsätzen der Wahrscheinlichkeit, wenn sie länger mit einem Trainer zusammenarbeitet.
HM: Viele Vereine entdecken oft erst in Notlagen ihre Jugend, werden wieder erfolgreich und setzen diese Stärke mit teuren Einkäufen erneut aufs Spiel.
Rauball: Auch das hängt wieder mit Ungeduld zusammen. Wir haben in Dortmund das jüngste Bundesliga-Team, mit Sahin den jüngsten Spieler und Torschützen aller Zeiten. Wir schwebten eine Weile auf einer Woge, aber Rekordetiketten allein brachten uns in der Tabelle nicht weiter. Wir sind noch gut positioniert, weil alle anderen um uns herum schwächelten. Man muss überlegen, weitere Korsettstangen in die Mannschaft einzubauen, ohne das Konzept selbst zu verwerfen und die Weiterentwicklung der jungen Spieler aus den Augen zu verlieren. Auch wir müssen unseren Zuschauern neue Reize bieten.
HM: Welche Verantwortung haben die Vereine der Profiligen für die jeweiligen Nationalmannschaften?
Rauball: Das Thema hat im Fußball durch die WM 2006 einen Höchstgrad an Sensibilität erreicht. Natürlich sind die Vereine am Erfolg der Auswahl interessiert, weil das auf die neue Saison ausstrahlt. Wir unterstützen die Nationalmannschaft, aber manchmal bin ich froh über jeden, der kein Nationalspieler ist.
HM: Warum das?
Rauball: Matthew Amoah (im Januar verpflichteter Stürmer, Anm.d.Red.) hat sich zum Beispiel mit Ghana beim Afrika Cup verletzt und bisher für uns kein einziges Spiel bestritten. Das Verletzungsrisiko würden wir uns gern ersparen, weil wir die Spieler bezahlen.
HM: Ist die nationale Auswahl wichtig für eine Liga?
Rauball: Früher hatte die Fußball-Nationalmannschaft einen anderen Stellenwert. Wer dort spielte, war in Deutschland ein Held. Später gab es fast keinen Bundesligaspieler, der nicht in irgendeiner Nationalmannschaft wie B-Auswahl, U21 oder Perspektiv-Team gestanden hatte. Dadurch ist der Status ins Wanken geraten - die Nationalmannschaft ist keine heilige Kuh mehr.
HM: Nehmen Sie Handball über die Nationalmannschaft oder die Vereine wahr?
Rauball: Ich habe zu Spitzenmannschaften, Spielern und Trainern berufliche Kontakte und einen guten Einblick gewonnen. Die Nationalmannschaft sehe ich bei Spielen in Dortmund, und den Handball verfolge ich sehr gern im Fernsehen. Da fallen ruckzuck viele Tore, es wird nicht viel getändelt. Der Handball ist mit dem schnellen und attraktiven Spiel auf einem richtigen Weg.
HM: 2007 werden Sie Gelegenheit haben, die Nationalmannschaft - die Qualifikation vorausgesetzt - in der WM-Hauptrunde in Dortmund erleben zu können.
Rauball: Dann werde ich sicherlich mal zu Fuß in die Westfalenhalle gehen. Die liegt ja in unserer Bannmeile.
HM: Könnte dem Fußball hierzulande durch die Handball-Weltmeisterschaft ein neuer Konkurrent erwachsen?
Rauball: Nein. Die Sorge habe ich nicht. Der Handball ist auf dem besten Weg, sich zu professionalisieren und weitere Sympathien zu entwickeln. Auch bei den Sponsoren gibt es noch enorme Ressourcen, aber ich glaube nicht zu Lasten unseres Topfes. Und wenn es an unseren Kuchen ginge, müssten wir uns den Teil durch Leistung wiedererkämpfen. Das ist ein freier Markt.
HM: Welche Handballer der Nationalmannschaft beeindrucken Sie?
Rauball: Mich hat das Team begeistert. Und der Trainer Heiner Brand, der schon lange mit der Mannschaft umgeht, ohne sich abzunutzen, und so bescheiden auftritt. Da passt einfach vieles zusammen. Wenn ich Spieler nenne, dann meistens die, die hinten die Drecksarbeit machen. Das sind die Typen, die eine Mannschaft ausmachen und die ich gern im Fokus sehe.
HM: Wie Abwehrspezialist Oliver Roggisch?
Rauball: Ja, ein „Dortmunder Charakter”.
HM: Auch Borussia Dortmund führt eine Handballsparte. Für einen großen Fußballverein eigentlich ein kleines Hobby, oder?
Rauball: Das sehen wir nicht als Hobby. Wir haben uns krummgelegt, damit es diese Mannschaft in der Frauen-Bundesliga noch gibt, obwohl sie keinen ausgeglichenen Haushalt vorweisen konnte. Handball ist bei uns eine der in der Satzung festgeschriebenen Abteilungen. Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, deren 500 Mitglieder darunter leiden zu lassen, dass das Geld anderweitig nicht mehr verfügbar war.
HM: Wie haben Sie geholfen?
Rauball: Wir haben eine Struktur geschaffen, das Bundesliga-Team neben den anderen Mannschaften in den eingetragenen Verein zurückzunehmen, und wir haben neue Sponsoren gefunden. Aber ich habe die Abteilungsleitung in die Pflicht genommen, damit wir dort nicht finanziell schweren Zeiten entgegen gehen. Das war ein Vertrauensvorschuss, den Mannschaft, Trainer und Abteilungsvorstand nacharbeiten müssen, sodass die Pflanze selbst wächst.
ZUR PERSON
Dr. Reinhard Rauball, geboren am 25. Dezember 1946 in Northeim bei Hannover, kam 1960 nach Dortmund. Dem Abitur am Leibniz-Gymnasium folgte ein Jura-Studium. Rauball arbeitet seit 1975 als Anwalt und Notar in Dortmund und hat sich unter anderem als Experte für Sportrecht einen exzellenten Ruf verschafft. Seit November 2004 befindet sich der leidenschaftliche Fußballer nach 1979 bis ’82 und 1984 bis ’86 in seiner dritten Amtszeit als Präsident des BV Borussia 09 Dortmund.
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