Feldhandball - ein Spiel aus einer anderen Zeit. - Foto: picture-alliance
Gundolf Porr. – Foto: privat

Wochenlang Feste gefeiert

Handball-Magazin 10/2005

Gundolf Porr war als viermaliger Torschütze der Held der TSG Haßloch. Doch trotz des Triumphes unter freiem Himmel bevorzugte der Torjäger das Spiel in der Halle

Interview: Tim Oliver Kalle

Er war der beste Torschütze seines Teams im letzten Finale um eine Deutsche Meisterschaft auf dem Feld, doch berühmt wurde Gundolf Porr nicht. Dass gegen Nettelstedt die Sensation gelang, erstaunt den Angreifer der TSG Haßloch noch immer. „Zweimal Training in der Woche war damals Standard”, sagt Porr. „Im Rückblick ist unser Erfolg noch überraschender.” Heute lebt der 52-Jährige als selbstständiger Mediengestalter in Germersheim. Alle fünf Jahre trifft er sich mit den anderen Helden von 1975 im 20 Kilometer entfernten Haßloch.

HM: Herr Porr? Gundolf Porr, der Feldhandballer?
Porr: Ja, da sind Sie richtig.
HM: Sie sind schwierig zu finden. Nicht mal im Internet gibt es was über Sie.
Porr: Warum auch?
HM: Immerhin sind Sie eine prominente Person der Sportgeschichte.
Porr: Och, vielleicht bin ich das hier im regionalen Raum gewesen.
HM: Weil Sie Zeit Ihrer Karriere nur für die TSG gespielt haben?
Porr: Ich war nur Haßlocher. Mit 29 war dort Schluss, und danach kamen noch fünf Jahre als Spielertrainer in Lingenfeld.
HM: Was Sie vor 30 Jahren geleistet haben, ist doch ziemlich in Vergessenheit geraten.
Porr: Ich allein war’s ja nicht; sondern die ganze Mannschaft. Ohne die wäre nichts gegangen. Damals war unser Erfolg sehr überraschend, weil beim Gegner Nationalspieler wie Lübking, Möller und Lazarevic gespielt haben.
HM: War es ein spezieller Zauber, der Ihnen half, die Stars zu schlagen?
Porr: Ein Trick war nicht dabei. Wir haben an uns geglaubt. Und unsere Kameradschaft hat uns immer ausgezeichnet. Die TSG Haßloch war unser Leben. Wir haben viel unternommen, die Spielerfrauen waren immer dabei – wenn das alles stimmt, kann man Berge versetzen.
HM: Welche Erinnerungen haben Sie an den 10. August 1975?
Porr: Vor allem denke ich an die Hitze. Und dann an die vielen Menschen. Vor so einem Publikum hatten wir noch nie gespielt, aber nach dem Anpfiff war es ein normales Spiel.
HM: Und die Party?
Porr: Das ging nach dem Endspiel los und hat ein paar Wochen gedauert. Ein Fest hat das andere abgelöst.
HM: Was hat Ihnen der Erfolg fürs Leben gebracht?
Porr: Es war ein Höhepunkt, den ich nie vergessen werde. Aber mein Leben hat vorher und nachher gestimmt. Auch nach einer Niederlage hätte sich nichts geändert.
HM: Nach Ihnen wurde der Feldhandball abgeschafft. Sie konnten den Titel nicht verteidigen.
Porr: Das war schon schade. Ein Jahr zuvor wären wir als Südwestmeister eigentlich in die Bundesliga aufgestiegen, doch die hatte man da gerade eingestellt. Aber es war schon richtig, dass sich der Verband auf das Spiel in der Halle konzentriert hat.
HM: Lieben Sie das Spiel in der Halle genauso wie das auf dem Feld?
Porr: Also ehrlich gesagt, ich habe die Halle immer mehr gemocht. Das war einfach schneller. Auf dem Feld haben wir mitunter doch recht lange rumgestanden.

Endspielteilnehmer

TSG Haßloch: Dieter Boos; Klaus Bachofner (1 Tor), Gerd Leidig, Jürgen Unruh, Horst Stahler (1), Willi Leibl (2), Hans Jung, Peter Frisch (2), Heiner Würth (2), Gundolf Porr (4), Karl-Heinz Hubach (2), Richard Schüle (1), Roland Janz
TuS Nettelstedt: Willi Möhle, Heinz Becker; Horst Selle, Heiner Möller (1), Herbert Nottmeier, Helmut Hucke, Herbert Heuer, Günter Rubin, Jürgen Glombeck, Herbert Lübking (1), Jürgen Schulenburg (4), Thomas Falkenthal, Milan Lazarevic (6), Hans Schnepel, Rainer Gosewinkel (2)

Auf Gold programmiert

Rekordkulisse und historischer Triumph: Auf dem Großfeld stellte Deutschland bei den Spielen 1936 als erster Olympiasieger eine Mannschaft des Jahrhunderts

Von Erik Eggers (erschienen in HM 03/2009)

Es ist das Bild, welches den Charakter der Mannschaft wahrscheinlich am besten beschreibt. Leicht bekleidet, den Oberkörper entblößt wegen der heißen Temperaturen, laufen 22 Männer im Juli 1936 durch den Ettlinger Wald bei Karlsruhe. Sie traben dabei in Reih und Glied, angeordnet wie beim Militär, und sie folgen dabei bedingungslos ihrem vorauslaufenden Trainer Otto-Günther Kaundinya. Die Legion einer Handball-Armee, so wirkt diese Fotografie. Ein paar Wochen später erringen diese kernigen Burschen die erste olympische Goldmedaille der Handballgeschichte. Gleichzeitig stellt die Kulisse, die der 10:6-Sieg im Endspiel gegen Österreich bietet, bis heute einen Rekord dar: Die offizielle Zuschauerzahl an diesem 14. August 1936 im Olympiastadion zu Berlin beläuft sich auf 100000 Menschen.

Die Geschichte dieses ersten olympischen Turniers im Feldhandball ist schnell erzählt. Bereits 1930 hatte das Organisationskomitee (OK) für Berlin diese Sportart, die erst in den frühen 1920er Jahren im Deutschen Reich populär geworden war, im olympischen Programm vorgesehen. Allerdings blieb das Teilnehmerfeld recht übersichtlich. Da Schweden, Dänemark, die Niederlande und Polen, mit denen man gerechnet hatte, doch nicht anreisten, meldeten nur sechs Mannschaften: Deutschland, das Mutterland des Feldhandballs. Österreich, der einzige ernsthafte Konkurrent, der Deutschland 1925 im ersten Handball-Länderspiel der Geschichte mit 6:3 geschlagen hatte. Die Schweiz, in deren deutschsprachigem Raum einige Vereine gerade den Handball entdeckten. Schließlich Ungarn, Rumänien und die USA, deren Mannschaften sich hauptsächlich aus Gebieten mit größeren deutschen Minderheiten rekrutierten. Das Team Rumäniens etwa entstammte großteils dem Hermannstädter Turnverein (HTV) aus Siebenbürgen. In diese Gebiete war der Feldhandball entweder über die Auslandsgaue der Deutschen Turnerschaft (DT) gelangt, oder so genannte Wandersportlehrer der Deutschen Hochschule für Leibesübungen (DHfL) in Berlin hatten die Regeln dieser neuen Sportart erklärt und vorgestellt.

Der erste deutsche Handball-Reichstrainer Kaundinya organisierte die Olympia-Vorbereitung planmäßig wie beim Militär. Der brillante Theoretiker und Analytiker des Handballs, der laut Sportjournalist Paul Laven „mehr als ein Meister des Handballspiels” war, reiste seit 1933 von Ort zu Ort und sichtete systematisch die besten deutschen Feldhandballer. Zuweilen trug die Lehre Kaundinyas erst nach den Olympischen Spielen in Berlin Früchte. So geschehen in Kiel, wo Fritz Westheider die Trainingssystematik des besten deutschen Handballspielers der 1920er Jahre wie eine Religion umsetzte und damit die Grundlage des Aufstiegs des THW Kiel zum Deutschen Feldhandball-Meister (1948, 1950) und zu einem der besten deutschen Handballklubs legte.

Viele Nationalspieler, die am olympischen Turnier in Berlin teilnehmen, entstammten aber noch den großen Handballhochburgen mit polizeilicher beziehungsweise militärischer Tradition. Torwart Heinz Körvers und Kapitän Arthur Knautz spielten beim Meister des Jahres 1936, dem Militärsportverein Hindenburg Minden, Stürmer Alfred Klinger beim Militärsportverein in Magdeburg. Georg Dascher kam von einem der erfolgreichsten Klubs der 1920er Jahre, dem Polizeisportverein Darmstadt. Die meisten Spieler der Finalelf aber stellte der dominante Klub des Nordens: Der Turnverein Oberalster Hamburg. Neben Verteidiger Willy Bandholz und Außenstürmer Herrmann Hansen hatte sich vor allem Hans Theilig einen Namen gemacht: Hanne war eine Wurfmaschine mit eingebauter Torgarantie; der wohl beste Feldhandballer der Vorkriegszeit konnte ein Spiel mit seinen gewaltigen Freiwürfen allein entscheiden. Zweiter Außenstürmer war Fritz Fromm (Askanischer TV Berlin), der von 1949 bis 1955 als Bundestrainer und Nachfolger Kaundinyas fungierte.

Die deutsche Mannschaft war auf Gold programmiert. Kein anderes Team hatte derartig großzügige Trainingsmöglichkeiten. Bereits Ende Februar 1936 zog Kaundinya seinen 22er-Kader für zehn Tage in Ettlingen zusammen. Es folgte eine Testspielreise direkt vor dem olympischen Turnier, in deren Verlauf der Reichstrainer noch nicht alle taktischen Karten auf den Tisch legte: Im Juli 1936 gewann das Team zwei Testspiele in Herrmannstadt und Budapest nur knapp, bevor es zur heißen Phase der Vorbereitung erneut nach Ettlingen ging. In der Vorrunde des Turniers unterstrich das Team dann bereits seine Ausnahmestellung. Nach einem 22:0-Kantersieg gegen Ungarn überrannte es die USA, dessen Team vorwiegend aus immigrierten Deutschen bestand, mit sage und schreibe 29:1 (17:0)-Toren. Dabei erlaubte sich der Amerikaner Yantz den schönen Gag, mit einem Eigentor für den 13. deutschen Treffer zu sorgen (er selbst trug in diesem Spiel die Rückennummer 13). Immerhin 40000 Besucher erschienen dann zum ersten Endrundenspiel im Berliner Poststadion, das Deutschland mit 19:6 (11:3) gegen verbesserte Ungarn gewann.

Während der Finalspiele demonstrierte der Gastgeber erneut drückende Überlegenheit. Gegen die Schweiz siegte man 16:6 (9:3), sodass die letzte Partie gegen das bis dahin ebenfalls ungeschlagene Österreich den gewünschten Finalcharakter bekam. Dieses Endspiel indes litt unter heftigen Regenfällen. Dennoch: Die Begeisterung der Hunderttausend auf den pitschnassen Bänken war trotz des Unwetters so überschäumend, „dass sie selbst einem Zyklon standgehalten hätte”, wie der Beobachter des Paris Soir verwundert konstatierte. Obwohl das Wetter ein vernünftiges Prellen und kontrolliertes Fangen kaum zuließ, zeigten beide Mannschaften durchaus gefälliges Spiel. Die konditionell überlegenen Deutschen gingen bis zur Pause mit 5:3 in Führung und erhöhten bis eine Viertelstunde vor Schluss auf 8:3. Zwar kamen die kampfstarken Österreicher auf 8:6 heran und sorgten noch einmal für Spannung. Doch kurz vor Spielende stellten zwei deutsche Treffer den 10:6-Sieg her. NS-Propagandaminister Joseph Goebbels notierte zufrieden in seinem Tagebuch: „Im Handball bekommen wir auch eine Goldmedaille. Liegen damit weitaus an der Spitze. Die erste Sportnation der Welt!”

„Zuschauer und Presse, nicht zuletzt auch die Nationen, denen Handball bisher ein unbekannter Sport war, äußerten wiederholt ihre Begeisterung. Das Handballspiel hat seine olympische Probe bestanden und sich in der Reihe der Geist und Körper stählenden Sportarten einen festen Platz gesichert”, hieß es später im offiziellen Bericht. Tatsächlich bedeuteten diese Tage von Berlin einen Meilenstein für die Internationalisierung des Feldhandballs. Bei den Planungen für die nächsten Olympischen Spiele 1940 war bald das „Turnier für Tokio gesichert”, wie die Zeitschrift Handball 1937 vermeldete. Da hatten sich neben Japan die Verbände Kubas, Rumäniens, Deutschlands, Österreichs und der USA angemeldet. Als sichere Kandidaten galten zudem Ungarn, die Niederlande, Schweden, Dänemark und die Schweiz.

Wer weiß, was aus dem Feldhandballspiel geworden wäre, wenn es als olympische Sportart hätte werben können? Doch der Zweite Weltkrieg machte diese Planungen zunichte. Und er zersprengte das Team des ersten Olympiasiegers. Torwart Körvers, Verteidiger Knautz, Läufer Dascher und Stürmer Hansen fielen oder wurden vermisst gemeldet. Auch die populärste deutsche Handballfigur jener Zeit überlebte den Krieg nicht: Otto-Günther Kaundinya, der in seinen Lehrbüchern den Handball als „urdeutsches Spiel” propagiert hatte, das den kulturell sublimierten „Kampf ums Dasein” ersetzen und erneuern solle, starb 1940 während des Frankreich-Feldzuges. Eine der letzten Nachrichten vom Lebenden war ein Bericht über das Zusammentreffen Kaundinyas mit Freunden aus der alten Nationalmannschaft. Sie hatten an der Front das gemacht, was sie am besten konnten: Handballspielen.

 

Das ist die Elf vom Finale am 14. August 1936 in Berlin:

• Heinz Körvers (MSV Hindenburg Minden)
• Arthur Knautz (MSV Hindenburg Minden, Kapitän), Willy Bandholz (Oberalster Hamburg)
• Hans Keiter (RSV Mülheim), Wilhelm Brinkmann (TuRu
Düsseldorf), Georg Dascher (PSV Darmstadt)
• Hermann Hansen (Oberalster Hamburg), Hans Theilig (Oberalster Hamburg), Helmut Berthold (Sportfreunde Leipzig), Alfred Klingler (MSV Magdeburg), Fritz Fromm (Askanischer TV Berlin)

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