Dagur Sigurdsson
Dagur Sigurdsson, ehemaliger Coach der österreichischen Nationalmannschaft, trainiert jetzt nur noch die Füchse Berlin. - Foto: goenz.com

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Handball-Magazin 6/2008

Der 35-jährige Isländer ist als Nationaltrainer der Alpenrepublik das österreichische Modell Klinsmann

Im Alltag ist Dagur Sigurðsson vor allem virtuell. Nicht präsent, nicht greifbar. Zumindest aus österreichischer Sicht. Dagur, man kann ruhig beim Vornamen bleiben, weil sich Isländer ohnehin allesamt duzen, also Dagur trainiert seit einigen Monaten Österreichs Männer – und da ist er noch ungewöhnlicher als der frühere deutsche Fußball-Nationalmannschafts-Revolutionär Jürgen Klinsmann. Der lebte in Kalifornien und trimmte die Kicker seines Landes aus der Distanz für die WM 2006. Dagur soll aus den Handballern der Alpenrepublik passable Gastgeber der EURO 2010 machen. Trotzdem lebt er weiter daheim in Reykjavik; nach Wien zu ziehen, war für ihn „nie ein Thema”. Dagegen sprachen Frau, drei Kinder und der Job als Geschäftsführer des isländischen Großvereins Valur Reykjavik, übrigens Meister im Hand- und Fußball.

35 Jahre ist Sigurðsson erst alt, obwohl seine Vita bereits für mehrere Lebensläufe reicht. Der kluge Mittelmann, der auch siebenmal in der isländischen U17-Auswahl kickte, spielte 15 Jahre lang gemeinsam mit Linkshänder Olafur Stefansson, erst für Valur Reykjavik, von 1996 an in der Bundesliga für Wuppertal. Stefansson wählte den großen Weg und gewann mit Magdeburg und Ciudad Real inzwischen dreimal die Champions League. Der alte Kamerad ist noch immer Spieler, doch Sigurðsson hat längst das nächste Level erklommen: Mit 29 zog er nach Japan, um sich drei Jahre als Spielertrainer in Wakunaga zu beweisen. Hernach übernahm er PTA Bregenz. Dass ihm mit dem Außenseiter in der Champions League sogar ein Erfolg gegen den SC?Magdeburg gelang, war vielleicht die beste Empfehlung für den neuen Nebenjob als Nationaltrainer. „Es ist immer mehr möglich”, sagt Sigurðsson, und damit trifft er den Nerv der seit der B-WM 1992 im eigenen Land (endete immerhin mit dem Finale) leidgeprüften Funktionäre des österreichischen Verbandes. Gesucht war ein „Erfolgstyp, der Erfolg vermittelt und gewöhnt ist”, sagt Generalsekretär Martin Hausleitner. Sigurdsson kann das „mit der Kälte eines Isländers” (Die Presse).

Sein erstes Opfer war der Rhein-Neckar Löwe und langjährige Kapitän David Szlezak, der nicht mehr nominiert wurde und ob der überraschend verlorenen Motivation EURO 2010 in Österreich gleich seine Karriere beendete. Die Personalie sorgte für Aufruhr, doch Dagur entgegnete ruhig: „Ich glaube an die Leute, die ich ausgewählt habe.” Zu denen gehören sein einstiger Bregenzer Schüler Konrad Wilczynski, im Dienste der Füchse Berlin bester Torjäger der letzten HBL-Saison, sowie der Noch-Kieler und Bald-Gummersbacher Viktor Szilagyi. Superstars habe Österreich nicht, aber es sollte eine Mannschaft geben, „die alle schlagen kann”. Binnen weniger als zwei Jahren muss der neue Trainer sein selbstbewusstes Denken auf das Team übertragen. In einem im Internet zu sehenden Interview redet Sigurðsson davon, seine „Ideen mit Gewalt durchzusetzen”, doch für die Methode Klinsmann fehlt ihm der Zorn. Der Isländer ist ein kühler Kopf; dass er jemanden durch die Wand knallt, wie Klinsmann vor dem WM-Kick gegen Polen formulierte, ist kaum denkbar. Er geht viel filigraner zu Werke.

Der Nachfolger des erfolglosen Thüringers Rainer Osmann, dem in sechs Jahren nie eine Qualifikation für EM oder WM gelang, hat Österreich in seiner ersten Präsenzphase bereits aus der lähmenden Lethargie geweckt: Der Erfolg im März gegen den (geschwächten) Weltmeister Deutschland pumpte das Selbstbewusstsein einer ewig zweifelnden Mannschaft auf. „Ich bin nicht dafür, immer darüber zu sprechen”, sagt Sigurðsson. „Man muss den Spielern ein System geben, an das sie glauben.”

Was Dagur und Klinsi verbindet, ist die Technik: Klinsmann tauschte sich per E-Mail mit seinen Kickern aus, Sigurðsson nutzt das Softwarepaket Sideline, um seine Spieler per Internet mit Videoanalysen und weiteren gezielten Hinweisen zu justieren. Noch hilfreicher wird ein Besuch der Ösis in der Heimat des Isis sein. „Island”, sagt Dagur, „ist ein schöner Ort, um etwas fürs Teambuilding zu tun.” Und so realen Erfolg zu haben.

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