Frankreich-Stars Nikola Karabatic und Daniel Narcisse. - Foto: Sascha Klahn

Das französische Geheimnis

Handball-Magazin 4/2010

Warum dominieren Karabatic & Co. als Olympiasieger sowie Welt- und Europameister die Handball-Welt? Die Gründe liegen vor allem im strengen Lehrbetrieb für Talente

Von Tim Oliver Kalle

Ob sich der kleine Mann zwischen den Riesen etwas verloren vorkam? Die Körpersprache von Nicolas Sarkozy signalisierte eher furchtloses Interesse. Als der französische Präsident im Februar 2009 die neuen Helden der Nation empfing, parlierte er begeistert mit den ihn um mehr als zwei Köpfe überragenden Nikola Karabatic, Luc Abalo und Thierry Omeyer. Und als ihm Kapitän Jérôme Fernandez auch noch ein Trikot mit der Nummer 1 überreichte, war der Staatsmann nahezu ergriffen. In der Gunst Sarkozys sind Karabatic & Co. noch weiter gestiegen, seitdem sie als erste Nation überhaupt alle Titel zur gleichen Zeit behaupten: Olympiasieger 2008, Weltmeister 2009, Europameister 2010. Der Schlusspfiff des EM-Finals von Wien war gerade ertönt, da gratulierte Sarkozy dem Trainer Claude Onesta bereits fernmündlich - eilends musste ein Mobiltelefon in den Siegestaumel gereicht werden. Handball ist der Sport, mit dem sich Frankreichs Politiker gern verbinden lassen. Die Erfolge sind zum Teil auch ihr Werk, denn der Staat ist der mächtigste Financier des Sportbetriebs.

Pascal Mahé stammt noch aus einer ganz anderen Zeit. Der heute 46-Jährige war einer der Pioniere des französischen Erfolges, der in den neunziger Jahren aus dem Nichts kam. Der Gewinn der Weltmeisterschaft 1995 war seine Krönung; das Schulsystem hat er als Spieler und Lehrer kennengelernt. 1994 war er Spieler bei Montpellier HB und kam auch mit dem zehnjährigen Nikola Karabatic in Kontakt. Der sorgte damals mit seinem Klub Thau HB bei einem Turnier der Schulen unter 3000 Kindern für Aufsehen. Mahé war Organisator dieser Spiele und verfolgte die weiteren Schritte des kleinen Nikola im französischen Fördersystem. „Mit denen”, sagt Mahé, „wird früh in Richtung Leistungssport gearbeitet.”

Der französische Weg unterscheidet sich fundamental von den deutschen Verhältnissen: Alles kommt von ganz oben. Was die Fédération Française de Handball vorgibt, ist für jeden einzelnen Mitarbeiter in den 25 Regionen und deren Départements Gesetz. Die Treue zur Leitlinie spiegelt auch das politische Prinzip des zentralistisch organisierten und auf seine Kapitale Paris fixierten Staates wider.

Und so funktioniert’s im Detail sowohl für den männlichen als auch den weiblichen Nachwuchs (um es einfach zu halten, beschränken wir uns hier mal auf den männlichen Teil): In jeder Region arbeiten ein bis zwei lizenzierte, fest angestellte und vom nationalen Verband bezahlte Trainer. Jahr für Jahr werden bei den 13- und 14-Jährigen rund 1400 Talente gesichtet - 180 verbleiben im Programm. Weiter geht’s unter dem Dach von Pôle Espoir, den Sportzentren: In 23 dieser Einrichtungen, die sich auf die Regionen verteilen, werden jeweils 22 Jungen im Alter von 15 bis 18 Jahren gefördert - in der Summe befinden sich damit über 500 Jungen unter den Fittichen des Verbandes. Jedes der durch Staat, Region und mit bis 400 Euro monatlich durch die Eltern finanzierten Sportzentren hat einen jährlichen Finanzbedarf von 180000 Euro, der Gesamtaufwand beläuft sich auf über acht Millionen Euro. In jährlichen Turnieren der Sportzentren wird deren Arbeit mit Blick auf die Jugendnationalmannschaften verdichtet.

Die nächste Stufe obliegt den Vereinen der 1. und 2. Ligen, die in eigenen Akademien, den sogenannten Centre de Formation, die Schritte hinauf zum Top-Niveau begleiten. Dort engagierte Talente (etwa 200) sind geschützt: Kauft ein Konkurrent einen dieser formidablen jungen Männer während oder unmittelbar nach seiner Förderzeit, so sind 7500 Euro pro Ausbildungsjahr fällig. Um diese technische Mindestablöse in Fällen außerordentlichen Talents zu erhöhen, greift ein weiterer Schutzmechanismus: Ein vorgelegter Profivertrag muss von einem Talent im Akademiebetrieb unterschrieben werden - Karabatic signierte deshalb mit 18 einen Vier-Jahres-Kontrakt und stieg damit für den THW Kiel dramatisch im Preis. So wird, wer selbst ausbildet, in Frankreich geschützt. In Deutschland dagegen ist nach dem Wegfall der (rechtlich nicht mehr haltbaren) Ausbildungskostenentschädigung der Kampf um junge Spieler ohne regulierende Mechanismen längst Usus.

Die Ausbildung ist zentral gesteuert, aber dezentral umgesetzt. Noch zu Mahés Zeiten gab es das nationale Sportinstitut in Paris, das sich aber nicht als praktikabel erwies. Doch das inzwischen fein justierte französische Modell hat auch Nachteile. „Wenn ein Spieler anfangs nicht in diese Struktur kommt, hat er später kaum noch eine Chance, das höchste Niveau zu erreichen”, sagt der Spielerberater Bhakti Ong, zu dessen Klienten fast alle Stars von Karabatic bis Narcisse zählen. Für Seiteneinsteiger und Spätberufene gibt es fast keine Türen, die sich später öffnen ließen. Ong: „Jeder der neuen Europameister ist durch dieses System gekommen, aber wie viele andere Spieler haben wir dadurch verloren?” Dass es keinen Plan mit hundertprozentiger Effizienz gibt, ist ihm jedoch bewusst.

Offenkundige Defizite gibt es indes in den Pôle Espoir: Die Regionen konkurrieren - es gibt keine sinnvolle Konzentration der Talente, weil diese nicht wechseln oder angeworben werden dürfen. Die Region Île-de-France mit der Metropole Paris in ihrem Herzen hat zum Beispiel bei zehn Millionen Einwohnern nur ein Sportzentrum; der theoretische Überschuss an Talenten steht im krassen Gegensatz zum Mangel in ländlichen Gebieten - die nötige Umverteilung kann das System nicht leisten. Die Konsequenz: Die Klubs sind bisweilen unzufrieden mit der geleisteten Vorarbeit. Die Zuordnung eines Talents zu einem Pôle Espoir ist mehr Verwaltungsakt denn sportfachliche Entscheidung, und ein neuer Karabatic könnte möglicherweise nicht im bestmöglichen Umfeld gefördert werden.

Trotzdem lässt Ong keine Zweifel an der Güte des französischen Weges. Große Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich bestünden jedoch nicht nur in den strengen Vorgaben von oben, glaubt Mahé, „sondern in der Möglichkeit, das auch bezahlen zu können”. Der 46-Jährige hat einen guten Vergleich, schließlich hat er das deutsche Leben in Dormagen bestens kennengelernt: Auch in der kleinen Stadt am Niederrhein gibt es seit zwei Jahren ein Sportzentrum, aber Mahé staunt, dass der TSV sechs Jahre kämpfen musste, um die nötigen Mittel zusammenzubekommen. Der Mann, der als Spieler der Vorgänger des heutigen Abwehrexperten Didier Dinart war, arbeitet auch als Stützpunkttrainer des Deutschen Handballbundes für den Handballverband Mittelrhein, doch die ebenfalls um den Nachwuchs bemühten Bundesligisten HSG Düsseldorf und VfL Gummersbach verweigern die Zusammenarbeit. „Da schaut jeder auf seine Stelle und nicht darauf, was wichtig ist für die jungen Spieler”, sagt Mahé. „Dabei müssen wir mit denen in Deutschland viel besser arbeiten.”

Wird da etwa nicht gut gearbeitet? Die Ergebnisse zeigen etwas anderes: Der Nachwuchs des DHB gewann allein bei den Junioren einen Welt- und drei Europameistertitel. Und Frankreich? Nichts von alledem. Nur bei der weiblichen Jugend gab’s bisher Medaillen. „Deutschland ist viel besser bei den jüngeren Mannschaften, aber das ist für Frankreich nicht so wichtig.” Es zählen nur die mit dem A-Team möglichen Titel, und das schlägt sich in der Arbeitsphilosophie nieder: In Deutschland wird früh mit Konzepten gespielt, in Frankreich ist die individuelle Schulung wichtiger. Das spiegelt sich in der Nationalmannschaft und Typen wie Karabatic und Narcisse wider. „Jeder Spieler kann selbst und ohne Konzept eine individuelle Lösung finden”, erklärt Mahé. „Wie wir zusammenspielen? Darum kümmern wir uns später.”

Bis einschließlich der Olympischen Spiele 2012 in London scheint das Feld bestens bestellt, schließlich befindet sich das Gros der Mannschaft von Nationaltrainer Claude Onesta noch im besten Wettkampfalter. Aber die weitere Zukunft birgt Risiken, denn potente Nachfolger von Karabatic und Narcisse sind derzeit nicht in Sicht. Bei der U21-Weltmeisterschaft in Ägypten spielten Frankreichs Junioren als Elfter traditionell unauffällig, doch beim Blick auf ihre Talente treibt Sorge die Funktionäre um: Aus den Jahrgängen 1988/89 könnte allein der 1,95 Meter große Linkshänder Xavier Barachet den großen Sprung schaffen - dass sich Champions-League-Sieger Ciudad Real zur neuen Saison die Dienste des junge Mannes aus Chambéry sicherte, dient jedenfalls als Nachweis möglicher Qualität.

Bhakti Ong gibt sich da ganz gelassen: „Das System ist gut, die Zukunft okay. Wir haben die Strukturen, um neue Spieler aufzubauen.”

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