

Volker Zerbe (zweiter von rechts) mit Stefan Kretzschmar, Christian Schwarzer, Mark Dragunski und Klaus-Dieter Petersen. - Foto: Sascha Klahn
13.01.2012 - EURO
Volker Zerbe (43) war 2004 selbst Europameister. Der 284-malige Nationalspieler ist nach seiner Spielerkarriere beim TBV Lemgo seit mehreren Jahren Geschäftsführer des ostwestfälischen Bundesligisten. Als solcher hat der 2,11 Meter große Linkshänder nicht nur vor der am Sonntag beginnenden EM in Serbien die deutsche Nationalmannschaft im Blick
HM: Was erwarten Sie von der deutschen Nationalmannschaft bei der EURO in Serbien?
Zerbe: Ein hundertprozentiges, geschlossenes Auftreten. Und dass die Spieler um jeden Zentimeter kämpfen. Ich hoffe, dass sie mit dieser Teamfähigkeit einen der beiden Plätze für eines der drei Olympia-Qualifikationsturniere ergattern. Natürlich weiß ich um die Schwere der Aufgabe, und in der Vorbereitungszeit war nicht alles Gold, was glänzte. Aber das muss man angehen.
HM: Auch 2004 war die Vorbereitung nicht toll - und hinterher waren Sie mit Deutschland Europameister.
Zerbe: Das ist richtig. Ich glaube, die jetzige Mannschaft ist noch nicht so eingespielt, obwohl viele schon länger zusammenspielen. Das ist ein Unterschied. Es wird sich zeigen, ob die Mannschaft mit der Drucksituation umgehen kann. Andere Nationen werden da ein Stück weiter sein - wir können nicht mit dem EM-Titel kokettieren, das ist ganz klar. Aber wir können mit den Mannschaften, die mit uns auf gleicher Augenhöhe liegen, um einen der beiden Quali-Plätze streiten.
HM: Wie empfinden Sie die aktuelle Diskussion um den Nutzen eines Scheiterns der Nationalmannschaft bei der EM?
Zerbe: Zum einen muss sich die Mannschaft zu hundert Prozent auf das Turnier konzentrieren, zum anderen ist das eine stetige Diskussion. Eine Nationalmannschaft muss sich immer wieder mit jungen, talentierten Spielern erneuern. Wenn ich den aktuellen Schnitt sehe, ist die jetzige Mannschaft schon so jung, dass sie noch mehrere Jahre zusammenspielen kann. Da sind einige wenige, die vielleicht am Scheideweg sind. Allerdings brauchen wir Potenzial, Leute, die da reinwachsen können. Die Anschlussförderung in den vergangenen Jahren passte nicht hundertprozentig, so dass wir keine immense Auswahl an neuen Spielern für den A-Kader haben, die ohne weiteres konkurrenzfähig sind. Deshalb müssen wir in den Vereinen wohldosiert weiter Talente entwickeln und ausbauen, denen der DHB dann Chancen geben muss.
HM: Trotzdem ist die Lage im Moment seltsam. Während in den vergangenen Jahren Vorfreude auf ein Turnier zu spüren war, dominiert schon jetzt Kritik.
Zerbe: Gut, nach den beiden schlechten Resultaten (Platz 10 bei der EM, Platz 11 bei der WM, Anm.d.Red.) ist da auch irgendwo eine Realität eingeflossen. Man weiß, dass man nicht ganz vorn mitspielen kann und dass für uns auch die Ergebnisse der anderen Spiele tagesformabhängig sein werden. Deshalb stellt sich auch ein anderes Gefühl ein. Vielleicht ist es auch ganz gut, mal bewusst mit dem Wissen ranzugehen, dass jeder in jedem Spiel hundert Prozent bringen muss, um Erfolg zu haben. Keine Mannschaft ist für uns mit links zu schlagen. Vielleicht erwächst daraus auch ein typisch deutscher Turniergeist, um das Ziel zu erreichen.
HM: Werden Sie selbst nach Serbien reisen?
Zerbe: Ich werde wahrscheinlich nur zum Halbfinale in Belgrad sein, weil dort auch das Forum Clubhandball tagt.
HM: …und haben die Hoffnung, dann noch die deutsche Mannschaft zu sehen?
Zerbe: Also, sie würde mich sehr positiv überraschen. Wir sollten erstmal die Vor- und Hauptrunde spielen und dann schauen, wo wir stehen.
HM: Welchen Einfluss hat das Abschneiden der Nationalmannschaft auf Ihre Arbeit in Lemgo?
Zerbe: Wir müssen uns bewusst sein, dass wir eine starke Nationalmannschaft brauchen. In Lemgo hat es wenig Einfluss, weil es ohnehin unser Konzept ist, viele junge deutsche Spieler auszubilden und für die Nationalmannschaft anzubieten. Wir tun das Bestmögliche, um den einen oder anderen für die Zukunft heranwachsen zu lassen.
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