Daniel Stephan. - Foto: HBL

19.01.2012 - Bundesliga

Sport1-Experte Stephan: „Eine Menge Potenzial wird nicht ausgeschöpft”

Als Beobachter der Europameisterschaft in Serbien konnte Daniel Stephan die beiden Auftritte der deutschen Mannschaft gegen Tschechien (24:27) und Mazedonien (24:23) live vor Ort miterleben - mit gemischten Gefühlen

In einigen Interviews äußerte der 38-Jährige seinen Missmut vor allem über den ersten Auftritt der DHB-Auswahl. Parallel dazu aber macht er sich auch Gedanken über eine effizientere Nachwuchsarbeit. In einem ausführlichen Interview analysiert er die Probleme des deutschen Handballs und denkt über Lösungen nach.

Nach dem verlorenen Auftaktspiel haben Sie harsche Kritik am Auftreten der Nationalmannschaft bei dieser EM geübt.
Daniel Stephan: So hart war die Kritik gar nicht. Wenn man kritisiert, werden häufig die härteren Dinge aus einem Gesamtkontext herausgezogen. Ich habe lediglich in Sachen Hens gesagt, dass er vor der EM in richtig guter Form gewesen war und diese Leistungen hier bei der EM auch mal wiederholen muss. Darüber hinaus war Kritik berechtigt, wobei man alles sicher nicht nur negativ sehen sollte. Es ist einfach noch zu früh, jetzt schon ein Fazit zu ziehen. Sicher ist aber auch, dass wir nicht mehr zu den besten Teams gehören.

Am Donnerstagabend steht das entscheidende Vorrundenspiel gegen Schweden an. Gibt es Dinge, die Mut machen?
Stephan: Natürlich. Nach dem Sieg gegen Mazedonien ist vorsichtiger Optimismus gestattet, auch wenn die Leistung keine richtig gute war. Darüber sollte man sich im klaren sein. Aber für die Moral war der Erfolg immens wichtig, sodass ich glaube, dass die Mannschaft mit entsprechend großem Selbstvertrauen in die Begegnung gegen Schweden gehen wird. Ich gehe stark davon aus, dass dann auch Hens wieder spielen wird, weil er mit der 6:0-Deckung der Schweden normalerweise sehr gut zurecht kommt.

Um Ihre Person ist es nach dem Ausstieg bei der HSG Düsseldorf ein wenig ruhig geworden. Was machen Sie zur Zeit?
Stephan: Ich bin nach wie vor Handball-Experte bei Sport1 und somit noch häufig in den Erstligahallen präsent. Zudem habe ich im Sommer meine Trainer-A-Lizenz erworben und befinde mich darüber hinaus in einer Findungsphase. Ich bin mit einigen Leuten in Gesprächen, weiß aber auch nach meiner Zeit in Düsseldorf, die für mich sehr lehrreich war, wie ich meine Chancen einzuschätzen habe.

Warum haben Sie die HSG damals eigentlich verlassen?
Stephan: Einfach, weil die wirtschaftliche Situation nicht so war, wie man es mir versprochen hatte. Es waren die Altlasten, die diesen Klub beinahe erdrückt hätten. Dass der Stammverein nun Insolvenz anmelden musste, tut mit leid für all die Leute, die immer gekämpft und akribisch für den Klub gearbeitet haben.

Der Zusammenschluss von Düsseldorf und Dormagen wäre kein interessantes Projekt für Sie gewesen?
Stephan: Ich bin nicht gefragt worden, weil die Verantwortlichen wussten, dass ich dafür nicht zur Verfügung stehe.

Unter anderem wird kolportiert, dass Sie mit dem DHB Gespräche führen.
Stephan: Es gibt ganz lose Gespräche. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann einmal für den Verband tätig zu sein - ob im Management oder im Trainerbereich. Es gibt ganz sicher noch keinen unterschriebenen Arbeitsvertrag, aber die Kontakte sind da.

Dann könnten Sie tatkräftig mithelfen, dem deutschen Nachwuchs den Weg in die Nationalmannschaft zu ebnen. Was kann die Liga dafür tun?
Stephan: Das ist nun wirklich ein schwieriges Thema. Die Liga hat ja schon auf den letzten Spieltag vor dem Jahreswechsel verzichtet und den vorgezogen, damit Martin Heuberger ein paar Tage mehr zur Vorbereitung auf die EM hatte. Von einer Quotenregelung für Ausländer, wie hier und da immer wieder gefordert wird, halte ich wenig. So etwas ist schlicht und ergreifend nicht durchsetzbar.

Das große Problem der jungen Spieler ist die Anschlussförderung…
Stephan: Stimmt. Wir haben eine gute Jugendarbeit, sowohl im Verband als auch in der Liga. Und es stimmt auch nicht, dass Frankreich oder Dänemark uns da weit voraus sind. Aber im Gegensatz zu den Ligen in den erwähnten Ländern bekommen deutsche Talente in der 1. Liga kaum Spielpraxis, weil der Sprung angesichts der Stärke dieser Liga einfach zu groß ist. Dadurch verlieren sie zwei, drei Jahre in ihrer individuellen Entwicklung.

Was tun?
Stephan: Der DHB will nun einen Elitekader aufbauen, sodass die Talente nach ihrer Zeit in der Junioren-Nationalmannschaft nicht einfach sich selbst überlassen, sondern weiterhin vom Verband begleitet werden. Gemeinsam mit Spielpraxis in der 1. oder der 2. Liga können sie sich entsprechend weiterentwickeln. Aber bedauerlicherweise haben wir viele Talente die in anderen Ligen verloren gehen.

Und die Vereine? Wie können die helfen?
Stephan: Ich denke, auf Spitzenklubs wie THW Kiel oder HSV Hamburg müssen wir nicht zählen. Wenn ich Manager eines solchen Vereins wäre, der in der Liga um die Meisterschaft und in der Champions League um den Titel mitspielen will, würde ich auch anders denken und mit gestandenen Weltklasse-Spieler arbeiten. Die Liga hat mit dem Jugendzertifikat eine wichtige Initiative ins Leben gerufen. Und auch die A-Jugend-Bundesliga ist ein Baustein in der Nachwuchsförderung. Sie kostet die Vereine zwar Geld, aber ist natürlich viel professioneller und qualitativ hochwertiger, als das in der bisherigen regionalen Ausrichtung der A-Jugend-Ligen der Fall war.

Die Ausbildung der Talente könnte aber doch bei den Klubs aus der unteren Tabellenhälfte gemacht werden.
Stephan: Das passiert ja auch schon, weil so die Chance besteht, mit wenig Geld ein Talent zu verpflichten. Der TBV Lemgo arbeitet mittlerweile auch wieder verstärkt mit jungen Leuten. Und das so erfolgreich, dass die zweite Mannschaft - also der Unterbau - souveräner Tabellenführer in der 3. Liga ist. Mehr geht nicht, weil die Zweite nicht aufsteigen darf. Das könnte auch der Weg für andere Klubs sein. Ganz sicher haben wir da eine Menge Potenzial, das einfach nicht ausgeschöpft wird.

Und was ist mit Ihnen und dem TBV?
Stephan: Es gibt noch eine enge Bindung an Lemgo, weil ich dort noch eine Wohnung habe und noch immer gern mal dort bin. Das Verhältnis zu den TBV-Verantwortlichen ist freundlich. Ich kann mir durchaus vorstellen, wieder für den TBV zu arbeiten, in der gegenwärtigen Konstellation aber nicht.

PM / tok

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